NEWS

DER LOZZI-TALK

Im dritten gemeinsamen Semester mit dem P-Seminar des Pestalozzi-Gymnasiums ›Schüler und Profimusiker‹ interviewen die Schülerinnen und Schüler zu jedem Abo-Konzert eine Person, die über das ›Wandern‹ im Zusammenhang mit der Musik spricht – im Dialog dazu steht ein eigens dafür gemachtes fotografisches Porträt.

 

Mit dem letzten Abo-Konzert der Saison 2017/18, am 14. Juni 2018, endet auch die Kooperation des MKO mit dem P-Seminar, das im September 2016 begonnen hatte. Aus diesem Anlass haben sich die Schülerinnen und Schüler des musischen Pestalozzi-Gymnasiums aus München noch einmal mit ihrem Seminarleiter Stefan Pausch zu einem Gespräch zusammengefunden und darin einige Eindrücke und Erlebnisse der letzten zwei Jahre diskutiert. 

Im dritten gemeinsamen Semester mit dem P-Seminar des Pestalozzi-Gymnasiums ›Schüler und Profimusiker‹ interviewen die Schülerinnen und Schüler zu jedem Abo-Konzert eine Person, die über das ›Wandern‹ im Zusammenhang mit der Musik spricht – im Dialog dazu steht ein eigens dafür gemachtes fotografisches Porträt.

 

Mit dem letzten Abo-Konzert der Saison 2017/18, am 14. Juni 2018, endet auch die Kooperation des MKO mit dem P-Seminar, das im September 2016 begonnen hatte. Aus diesem Anlass haben sich die Schülerinnen und Schüler des musischen Pestalozzi-Gymnasiums aus München noch einmal mit ihrem Seminarleiter Stefan Pausch zu einem Gespräch zusammengefunden und darin einige Eindrücke und Erlebnisse der letzten zwei Jahre diskutiert. 

v. l. n. r.: Piernicolo Bilato, Annika von Bechtolsheim, Max Mollenhauer, Emma Hoch, Paul Schubert, Sophie Cramer, Lotte Etschmann

v. l. n. r.: Piernicolo Bilato, Annika von Bechtolsheim, Max Mollenhauer, Emma Hoch, Paul Schubert, Sophie Cramer, Lotte Etschmann

Ich freue mich, euch noch einmal so zu sehen und dass ihr euch die Zeit genommen habt, darüber zu sprechen, wie das P-Seminar ›Schüler und Profimusiker – Eine Kooperation mit dem MKO‹ für euch war. Das Motto der Saison 2017/18 des MKO ist ja ›Wandern‹, deshalb auch an euch die Frage: Was assoziiert ihr als erstes mit dem Begriff ›Wandern‹?

 

Sophie: Definitiv das Wandern wenn man auf einen Berg geht. Dass man sich sportlich betätigt, in der Natur und an der frischen Luft ist. Das ist eine Freizeitaktivität, die ich zumindest immer mit meinen Eltern als Familienausflug gemacht habe, die immer irgendwie dazu gehört hat.

 

Emma: Für mich ist es eher das Wandern zwischen verschiedenen Ländern, z.B. bei Reisen oder während eines Lebens, da ich die Erfahrung hatte, dass ich für ein Jahr in die USA ›eingewandert‹ und dann wieder zurück nach Deutschland gekommen bin. Ich finde das einfach sehr, sehr spannend: Reisen generell und andere Kulturen, diese Art von Wandern zu erleben.

 

Annika: Ja, ich find auch. Vor allem jetzt nach dem Abitur machen viele von uns ein Auslandsjahr oder ein sog. ›Gapyear‹. Das verbinde ich auch mit dem Wandern: in welche Kontinente oder Länder man jetzt wandert oder vielleicht sogar pilgert. Wo es einen so hinzieht.

 

Habt ihr euch auch Gedanken dazu gemacht, warum ein Kammerorchester so ein Motto über seine Saison schreibt?

 

Lotte: Also ich finde, dass man ›Wandern‹ sehr vielschichtig interpretieren kann, weil es ja eben nicht nur dieses klassische ›Auf-einen-Berg-Wandern‹ sein kann, sondern man auch grundsätzlich einen Prozess oder eine Veränderung als ›Wandern‹ bezeichnen kann.

 

Paul: Es ist auch, glaube ich, eine gute Zeit gewesen, gerade dieses Motto zu wählen. Ich verbinde es auch ganz klar mit unserer Flüchtlingsproblematik. Von da her fand ich es auch einen guten Zeitpunkt da vielleicht noch einmal einzuhaken und auch einen anderen Standpunkt, über die Musik vielleicht, hinzukriegen.

 

Ihr habt in der vergangenen Saison eigentlich fast kein Konzert des MKO ausgelassen. Inwiefern habt ihr in den Abo-Konzerten dieses Motto als roten Faden wahrgenommen?

 

Emma: Das ist ja generell ein Prinzip des Münchener Kammerorchesters, dass ältere und neuere Stücke innerhalb eines Konzerts vorkommen und so durchlebt man bei jedem Konzert, also nicht nur in dieser Saison, eigentlich eine ›Wanderung‹ durch diverse Epochen der klassischen Musik.

 

Max: Dadurch, dass es in jedem Konzert ein modernes und ein barockes oder ein romantisches Stück und so weiter gegeben hat, hat sich ein roter Faden durchgezogen. Und man hat sich auch daran gewöhnt und es wurde ›normal‹ für einen. Obwohl man es am Anfang vielleicht gar nicht so toll fand. Dass die Töne irgendwie nicht wirkliche Töne sind, sondern dass alles irgendwie ein bisschen schräg klingt. Aber dass man dafür dann doch ein Gefühl entwickelt und es irgendwann eigentlich nicht schlecht findet.

 

Sophie: Insofern war es auch für uns selber eine ›Wanderung‹, die wir durchlebt haben. Zu dem, was wir jetzt auch an Offenheit gegenüber moderner Musik erlangt haben.

 

Paul: Wenn man noch einmal zurückdenkt an unser erstes modernes Stück von Clara Iannotta [im ersten Abo-Konzert der vergangenen Saison am 13. Oktober 2016, Anm. d. Red.], das war schon aufregend für uns… Und wenn wir jetzt ein modernes Stück hören, ist das Interesse nicht weniger, aber es ist fast ›normal‹, man hat sich daran gewöhnt. Ich meine, dass man besser damit umgehen kann, dass das MKO diese modernen Stücke auf der Bühne abliefert und man auch eine ganz andere Erwartungshaltung hat. Man erwartet jetzt ausgefallenere Sachen, die müssen wirklich sehr ausgefallen sein, dass man echt überrascht wird. Also mittlerweile, wenn ich an moderne Musik denke, kann mich eigentlich nichts mehr überraschen.

 

[verschiedene Einwände/Widersprüche von anderen] [Mhm. Also… Ne, das find ich nicht.]

 

Sophie: Ich finds aber trotzdem noch aufregend.

 

Annika: Bei moderner Musik ist es immer so unterschiedlich. Bei barocker Musik oder bei Mozart klingt es nicht gleich, aber alles hat ein Muster. Und bei moderner Musik ist es nicht so. Wenn die Musiker dann z.B. von der Bühne laufen, das ist ja dann schon überraschend.

 

Emma: Wir haben schon ein Gefühl dafür durch das MKO bekommen.

 

Annika: Ja, total.

 

Emma: Also dass man einfach mehr mit dieser Art von Musik umgehen kann. Das war auch nicht für jeden gleich zu Anfang, wie du [Paul] schon gesagt hattest, es war aufregend.

 

Paul: Wie gesagt: Es ist nicht weniger abenteuerlich. Es ist schon noch jedes Mal aufs Neue interessant. Sie nehmen ja zum Glück bei den modernen Stücken nicht immer denselben Komponisten… Und man kriegt wirklich ziemlich viel Bandbreite mit. Dahingehend würde ich schon sagen, dass es sich lohnt, weil man sich auf jeden Fall damit intensiv befassen kann.

 

Sophie: Bei den modernen Stücken gibt ist es ja auch einfach so eine Bandbreite. Bei manchen Stücken denken wir uns: es ist einfach wahnsinnig geil. Und dann gibt es Stücke, die uns entweder kalt lassen oder erschrecken. Es gab von Stefano Gervasoni letztes Jahr ein Stück [im vierten Abo-Konzert der letzten Saison am 26. Januar 2017, Anm. d. Red.] und dann hat er dieses Jahr eines gemacht [im fünften Abo-Konzert der aktuellen Saison am 22. Februar 2018, Anm. d. Red.] und Fine [eine weitere Teilnehmerin des Seminars, Anm. d. Red.] und ich saßen dieses Jahr im Konzert und dachten: ›Um Gottes Willen, das Stück letztes Jahr hat uns Angst gemacht. Wir wollen jetzt kein Stück von ihm hören.‹ Doch dieses Mal war es irgendwie nicht so schlimm…

Wo waren bei eurer ›Wanderung‹ mit dem MKO in den letzten eineinhalb Jahren eure persönlichen Gipfel?

 

Annika: Definitiv in den Projekten, die wir auf die Beine gestellt haben, bei denen es wirklich geklappt hat, wobei ja manchmal nicht ganz klar war, ob es wirklich funktioniert. Wo dann alle gesagt haben: ›Ok, das war echt gut! Das hat super geklappt und es ist etwas Gutes daraus geworden.‹ Also das waren schon echte Höhepunkte. Ich fand zum Beispiel die Interviews beeindruckend. Dass man so viele verschiedene Leute kennengelernt und dann auch so viele verschiedene Antworten zum gleichen Thema gekriegt hat. Auch das Schulkonzert! Oder die Konzerteinführung!

 

Emma: Für mich war auch die Konzerteinführung ein persönlicher Höhepunkt. Da saßen wir ja wirklich auch ein paar Nachmittage hier und haben recherchiert und auch eigene Variationen auf die Beine gestellt. Und ich war äußerst zufrieden mit dem, was wir da gemacht haben. Auch das Feedback von denen, die es gesehen und gehört haben, war super. Und auch das Schulkonzert war sehr super: Die Musik in unsere Turnhalle zu bringen und da auch noch einmal die Schüler mit ›reinzuziehen‹ in das Ganze.

 

Piernicolo: Für mich persönlich gab es zwei Highlights. Das eine war natürlich die Konzerteinführung, weil ich da vor Publikum reden musste und das für mich etwas komplett Neues war. Und das andere war das Interview mit Ahmad Shakib Pouya [vgl. die Programmhefte des fünften und sechsten Abo-Konzertes der laufenden Saison, Anm. d. Red.], weil der einfach sehr viel von seinem Leben erzählt hat und ich das sehr spannend fand. Man hat auch persönlich viel mitgenommen.

 

Jetzt seid ihr ja eindeutig eine andere Generation als ich, auch eine andere Generation als die Personen, mit denen ihr im MKO zusammengearbeitet habt, als die Musiker, als die Personen aus dem Management, auch als der Großteil der Personen, die im Publikum sitzen. Wie würdet ihr jetzt, aus eurer Rückschau aber auch mit Blick in die Zukunft, die Frage beantworten, ob solche Art von Musik, solche Art von Orchestern, von Projektarbeit auch für junge Menschen etwas ist?
Ich meine, es ist doch schon etwas Besonderes, weil man sich die Zeit nehmen muss, sich am Abend immer wieder zweieinhalb Stunden auf etwas einzulassen, das nichts mit dem Smartphone zu tun hat, das nichts mit dem zu tun hat, was man sonst so macht. Wie ist es euch damit gegangen und wie erzählt ihr anderen jungen Erwachsenen davon? Gibt es welche, die sagen: „Hä? Was war das denn?“ Oder sind alle super begeistert? Denn mein Eindruck war, dass ihr hauptsächlich alleine da wart. Ein paar Mal waren auch Freunde mit, aber das waren eher Ausnahmen. Es war jetzt nicht so, dass das ganze Pestalozzi-Gymnasium in jedes Konzert gegangen ist…

 

Piernicolo: Es ist erstens so, dass unsere Schule generell viele Konzerte veranstaltet, die man besuchen kann, weil wir alle ein Instrument spielen. Auf irgendeine Weise haben wir also Kontakt zu Konzerten. Deswegen war es mir klar, dass nicht die ganze Schule dahin gehen wird. Und ich glaube, dass es in unserer Schule schon verbreitet ist, Konzerte zu besuchen. Ich weiß nicht, inwiefern klassische Musik noch unter Jugendlichen gewollt wird. Ich kenne sehr viele Leute, die zwar Musik mögen, aber dann nicht klassische, sondern andere hören. Und ich glaube, wenn man selber nichts Klassisches spielt, ist es sehr schwer, zu klassischen Konzerten zu gehen. Das ist zumindest mein Eindruck.

 

Paul: Ganz abgesehen von unserer Schule, die ja wirklich sehr speziell ist wegen des musikalischen Hintergrunds: Ich kann mich erinnern, dass ich vor zwei, drei Jahren mit einem Kumpel bei einem Frühjahrskonzert unserer Schule war. Der ist mitgekommen, weil wir noch eine Karte übrig hatten und hatte gar nichts mit klassischer Musik am Hut. Dem hat das total gefallen! Der fand das megacool im Herkulessaal und war total beeindruckt davon, was unsere Jugendorchester schon hinkriegen! Deshalb würde ich sagen, dass ein Konzertbesuch bei einem Profiorchester, das auf der Bühne wirklich Atmosphäre kreieren kann, durchaus interessant sein könnte für manche Jugendliche.

 

Emma: Viele haben Vorurteile gegen klassische Musik. Viele haben das Bild, es sei immer so ein ›Alte-Menschen-Ding‹. Dass es langweilig ist, veraltet, und dass man nur in den Konzertsaal geht und einschläft so ungefähr. Aber, da sind wir glaube ich alle einer Meinung, das ist ja eigentlich gar nicht so. Man kann viel Spannendes finden in der Musik und vor allem beim MKO, wo halt wirklich alles abgedeckt ist. Und ich glaube, viele wagen den Schritt in den Konzertsaal nicht. Wir mussten ja kein Geld ausgeben für die Tickets. Ich glaube, das muss man da auch hinzufügen, dass wir da gratis reinkommen. Ich weiß nicht, ob ich mich, ohne das MKO zu kennen, wirklich darum kümmern würde, für jedes Abo-Konzert Tickets zu kaufen. Aber in Konzerte zu gehen, bietet auch einen super Ausgleich, wirklich kulturell nochmal was zu erleben. Nicht nur in der Schule, sondern von Profiorchestern. Und ich glaube, viele wagen einfach diesen Schritt nicht. Und würde man noch weitere Jugendliche mit ›reinziehen‹, würden die wahrscheinlich auch Gefallen daran finden.

 

Max: Also ich denke, dass viele nicht in klassische Konzerte gehen, weil einfach nicht genug Action drin ist. Man sitzt in einem dunklen Saal und vorne spielt das Orchester. Man darf ja keinen Laut von sich geben. Wenn man auf ein Rockkonzert geht, wo die Zuschauermenge die ganze Zeit mittanzt und mitsingt und es einfach laut ist, entsteht halt mehr Action als in einem klassischen Konzert. Das ist der Grund für viele Jugendliche, sich nicht mehr auf so klassische Musik einzulassen, sondern auf die Unterhaltungsmusik, glaube ich.

 

Emma: Als ihr den Dvorak [den vierten Satz aus der neunten Sinfonie, Anm. d. Red.] gespielt habt beim Frühjahrskonzert [des Pestalozzi-Gymnasiums im Herkulessaal am 6. März 2018, Anm. d. Red.]: Bei so einem Stück ist auch viel Action dabei. Klar, man sitzt da und steht nicht und kann nicht mit seinen Freunden reden und feiern, aber ich glaube da wären auch einige Jugendliche, die nichts mit klassischer Musik am Hut haben, noch beeindruckt von solchen Stücken.

 

Annika: Das kommt ganz stark aufs Alter an. Wir sind jetzt in einem Alter, wo wir sagen können: ›Ok, wir wissen selber für uns, was wir mögen und was wir nicht mögen.‹ Und wir machen das, was wir gerne mögen. In einem jüngeren Alter, so mit dreizehn, vierzehn, ist es für viele Leute sehr wichtig, was andere von ihnen denken. Klassische Musik gilt, jetzt nicht bei uns, aber auf vielen anderen Schulen ein bisschen als ›uncool‹. Dann sagt man: ›Ok, hm, ich glaub, dann geh ich jetzt lieber mal nicht in so ein klassisches Konzert, wer weiß, wie die anderen da drauf reagieren?‹ Ich glaub, dass man eine gewisse Selbstsicherheit braucht, um das dann wirklich zu machen.

Also denkt ihr, dass die Tatsache, dass hier jeder ein Instrument lernt, es euch leichter gemacht hat, in solche Konzerte zu gehen?

 

Sophie: Definitiv.

 

Annika: Ja.

 

Emma: Ja. Auch das Elternhaus, würde ich sagen. Also ich bin früher mit in die Oper gegangen. Bei meinem Bruder hat das zum Beispiel nicht so eingeschlagen. Der war glaub ich einmal in der Oper und fand das halt nicht so cool. Und seitdem geht er auch nicht mehr mit. Aber ich habe Interesse daran.

 

Zum Schluss noch eine Bitte: Was wollt ihr dem MKO mit auf den Weg geben, jetzt nach den eineinhalb Jahren, die ihr ja doch ein Stück des Weges mit gewandert seid?

 

Piernicolo: Die sollen mal ein Gitarrenkonzert von Giuliani [Mauro Giuliani, Anm. d. Red.] spielen. Giuliani und Rodrigo [Joaquin Rodrigo, Anm. d. Red.]. [Gelächter]

 

Emma: Und du bist der Gitarrist.

 

Piernicolo: Ja, und ich bin der Gitarrist. [Gelächter]

 

Paul: Vielleicht ein bisschen weniger Haydn. [Gelächter] Sonst: Keep Rocking! [Gelächter]

 

Emma: Ja, also die sollen weiter Kontakt mit Jugendlichen halten und das Programm mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten ausbauen. Und weiter so offen bleiben für jegliche Art von Musik. Die Musiker sind extremst offen und das ist toll!

 

Paul: Auch dieser persönliche Kontakt, den man beim MKO gerne sucht und auch findet, wenn man wirklich will, was man bei anderen Orchestern nicht so schnell findet, der ist wirklich wahnsinnig was wert! Man konnte mit jedem reden. Das war super!

 

Annika: Ich finde auch, dass es einfach schön ist, dass die Musiker auf dem Boden geblieben sind. Die sind ja jetzt schon ein sehr bekanntes Orchester, aber es kommt nicht so rüber. Wenn du reingehst hast du das Gefühl: Die verstehen sich alle super auf der Bühne, denen macht das richtig Spaß zusammen zu spielen. Und das ist einfach schön zum Anschauen!

 

Und dein Rat wäre dann, das beizubehalten?

 

Annika: Ja, auf jeden Fall! [zustimmendes Gelächter]

 

Max: Nur manchmal eben, könnte es teilweise ein bisschen lebendiger sein. Es könnte ein bisschen mehr passieren, sozusagen. Aber ansonsten finde ich das ganze Programm eigentlich schön und diese Idee, immer verschiedene Epochen in das Konzert einzubauen.

 

Lotte: Es wurde schon so viel gesagt, was alles gut ist und eigentlich kann ich mich nur den anderen Meinungen anschließen. Ich bin einfach immer wahnsinnig gern in die Konzerte gegangen!

 

Wirst du’s weiterhin tun?

 

Lotte: Das ist immer so eine Sache. Davor ist man mal in ein Konzert gegangen. Aber wirklich regelmäßig in Konzerte zu gehen, das hat man irgendwie nicht gemacht. Und das fand ich schon wirklich gut. Das könnte man sonst auch mal machen. Also von daher…

 

Sophie: Ich fand generell, dass mir dieses P-Seminar und die Zusammenarbeit mit dem Orchester, vor allem mit dem Orchesterbüro, persönlich wahnsinnig viel gebracht hat. Ich habe einfach selber viel mit Musik gemacht, was ich vielleicht sonst nicht gemacht hätte.

 

Ja, vielen Dank! Ich möchte noch sagen, dass es mich sehr beeindruckt hat, wie ihr diese eineinhalb Jahre mitgegangen, ›mitgewandert‹ seid und euch gesagt habt: ›Ok, wir wissen zwar nicht genau, wo es hinführt, wir kennen das Ziel nicht, aber wir wissen, der Weg ist auch ein bisschen das Ziel.‹ Das hat mir sehr imponiert, das muss ich wirklich sagen. Dafür danke ich euch sehr herzlich!

DER LOZZI-TALK

Im dritten gemeinsamen Semester mit dem P-Seminar des Pestalozzi-Gymnasiums interviewen die Schülerinnen und Schüler zu jedem Abo-Konzert eine Person, die über das ›Wandern‹ im Zusammenhang mit der Musik spricht – im Dialog dazu steht ein eigens dafür gemachtes fotografisches Porträt.


AHMAD SHAKIB POUYA

Bedroht von den Taliban musste der gelernte Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya aus seiner Heimat Afghanistan fliehen. Nach zweijähriger Flucht gelangte er schließlich 2011 nach Deutschland. Unter öffentlichen Protesten und großer medialer Aufmerksamkeit drohte ihm nach 6 Jahren die Abschiebung, die er durch seine freiwillige Ausreise verhinderte. Nach 55 Tagen in seiner Heimat konnte er, dank der engagierten Unterstützung vieler Helfer und Institutionen nach Deutschland zurückkehren, wo er seither als Künstler in verschiedene kulturelle Projekte, unter anderem in Augsburg und München, eingebunden ist.

 

Wann haben Sie angefangen, in Afghanistan Musik zu machen?

Da war ich vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Weil Musik in Afghanistan verboten ist, habe ich zu Hause angefangen, Musik zu machen, rein privat.  Damals waren die Taliban in Afghanistan die offizielle Regierung und da durfte man eben nicht Musik machen, sonst drohte einem Gefängnis und Todesstrafe.

 

Also man durfte gar keine Musik machen?

Gar keine! Damals zumindest nicht. Jetzt geht es schon, aber die Regierung sagt, wenn du Musik machst, dann musst du dich selber schützen. Kunst ist sozusagen verboten. Als die Taliban weg waren aus Afghanistan, habe ich versucht einen Lehrer zu finden. In Afghanistan habe ich vor allem Volksmusik gespielt und gesungen und seit ich in Deutschland bin, mache ich eher kritische Lieder und  Popmusik. Damals musste ich Lieder von anderen Musikern singen, aber jetzt mache ich meine eigenen Lieder und schreibe meine Texte selbst.

 

Was bedeutet Wandern für Sie?

Ich habe sehr schöne Erinnerungen ans Wandern, weil ich in Afghanistan immer mit Freunden und Familie gewandert bin. Musikalisch hat das Wandern auch eine wichtige Bedeutung für mich. Für mich bedeutet Wandern, immer etwas Neues zu lernen und kennen zu lernen.

Wie lange hat Ihre Flucht insgesamt gedauert?

Zwei Jahre hat meine Reise oder meine Flucht gedauert und das war eine lange Zeit. Im Iran war ich zwei Tage. In der Türkei einen Monat. Und in Italien war ich nur ein paar Tage. Aber eine lange Zeit war ich in Griechenland. Vier Monate auch im Gefängnis, weil ich illegal nach Berlin fliegen wollte. Einmal bin ich mit dem Schiff nach Italien gekommen, aber mit einem falschen Pass. Ich wurde festgenommen und zurück nach Griechenland abgeschoben. Dann war ich einen Monat im Gefängnis. Als ich wieder frei war, habe ich es noch einmal versucht. Mit einem LKW – wir waren 13 oder 14 Leute in dem LKW und saßen zwischen Baumwolle – habe ich es dann von Griechenland nach Italien geschafft und von Italien bin ich mit einem Taxi nach Deutschland gekommen.

Was haben Sie auf Ihrer Reise gemacht? Hatten Sie ein Instrument dabei und haben Musik gemacht, oder wie kann man sich das vorstellen?

Musik konnte ich nicht wirklich machen. Tagsüber haben wir versucht, einen Weg zu finden weg zu kommen oder einen Schlepper zu finden. Arbeiten durften wir sowieso nicht. Abends oder nachts wenn wir dann zurückgekommen sind, haben wir gemeinsam gekocht, gegessen, zusammen gesessen und gesungen. Musik war immer eine Lösung für unseren Stress. Wir haben zumindest kurz versucht, einfach nur an Musik zu denken, zu singen und was zu spielen, um unseren Stress zu vergessen.

Inwiefern hat Ihre Flucht Ihr Verhältnis zum Wandern geändert?

Flucht kann man nicht Wandern nennen. Andererseits, irgendwie war das auch wandern: Du musst irgendwohin gehen, obwohl du nicht willst. Du weißt nicht, wohin du gehen wirst und was unterwegs passieren wird. Aber dieses Wandern hatte auch schöne Seiten. Ich habe auch unterwegs, also auf der Flucht,  viele neue Sachen gelernt. Irgendwie bin ich härter geworden im Kampf mit dem Leben. Ich habe schon so viele Sachen erlebt und für mich ist  Wandern, wenn ich etwas lerne. Durch dieses Wandern, diese Flucht, habe ich auch etwas gelernt.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?

Letztes Jahr war ich mit Freunden zusammen in den Alpen. Und als wir auf den Bergen waren, hab ich mich so zu Hause gefühlt. Das war für mich einfach schön, es war wie daheim in Afghanistan. Deswegen ist mir Wandern auch so wichtig.

Sind Sie in einem kleinen Grüppchen geflohen, oder waren Sie alleine?

Immer wieder musstest du irgendwo bleiben und übernachten. Und natürlich waren da andere Flüchtlinge, die den gleichen Weg hatten. Also habe ich auch immer neue Leute kennengelernt. Mit einem Jungen war ich zwei, drei Monaten in einer Wohnung zusammen. Jetzt sind wir bei Facebook immer noch befreundet und ich sehe seine Videos. Er spielt mit einem großen Orchester und  ich mache meine Konzerte. Neulich hat er mir geschrieben: „Schau wo wir waren und wo wir jetzt sind und was wir geschafft haben“. Diese irgendwie schlechten Erlebnisse, die wir damals in Griechenland und unterwegs hatten, die sind jetzt zu schönen Erinnerungen geworden. … Ich denke immer noch an diese kleinen Momente, wie wir einen Abend zusammengesessen und Musik gespielt haben, das vergesse ich nicht. Aber diesen ganzen Stress, den habe ich vergessen. Die schönen Momente bleiben immer noch im Kopf, die habe ich immer noch in Erinnerung.

Sind Sie während Ihrer Flucht viel gelaufen?

Ich war zu Fuß unterwegs, bin mit dem Auto gefahren, war mit dem Schiff unterwegs und in einem LKW versteckt zwischen Baumwolle. Aber eigentlich bin ich mehr gelaufen und dieses Laufen war furchtbar, immer mit Angst verbunden, weil du illegal bist. Du hast Angst vor der Polizei, du hast Angst vor normalen Leuten und du hast Angst vor Schleppern.  Du bist ein Flüchtling. Und so bin ich viel gelaufen und durch viele Länder. Ich bin aus Afghanistan in den Iran, und vom Iran in die Türkei und von der Türkei nach Griechenland, Griechenland dann Italien, und dann über die Schweiz nach Deutschland gekommen. Sieben Länder musste ich durchqueren.

ghjgjhgjhg?

hjkhjkhkjhkjhkjh

 

Das Interview führten Piernicoló Bilato und Annika von Bechtolsheim (Q12).

PETER FLEMING, HARRY KLEIN CLUB

Peter Fleming, Mitinhaber des Harry Klein Clubs, einem international bekannten Techno-Club in der Sonnenstraße, ist begeisterter Techno-Fan, freut sich aber auch immer wieder die Konzerte des MKO zu besuchen und die Musiker in seinem Club spielen zu hören. Noch begeisterter ist er jedoch, wenn er dem Alltag ganz entfliehen und an seinen Lieblingsort wandern kann: die Berge.

 

Was bedeutet Wandern für Sie?

Entspannung, Meditation – und man kann beim Wandern seine eigenen Grenzen austesten.

Bei meiner ersten Schneeschuhwanderung beispielsweise bin ich an meine Grenzen gestoßen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mehr weiter komme. Da stand ich hüfttief im Schnee und habe mir gedacht, „jetzt solltest du lieber mal umdrehen“. Es ist auch etwas ganz wichtiges, dass man solche Gefahren in den Bergen erkennen kann, denn die Natur nimmt keine Rücksicht auf den Menschen.

 

Wann sind Sie zuletzt gewandert?

Ich war letztes Jahr von 365 Tagen 65 Tage in den Bergen. Dieses Jahr werden es wahrscheinlich noch mehr! Das kann ich glücklicherweise mit meinem Job verbinden. Die Arbeit ist stressig, ich arbeite auch meine 180 Stunden im Monat, aber das ist eben eine Entscheidung, die man für sich trifft. Andere gehen dafür regelmäßig feiern, in Konzerte oder ins Kino. Ich geh eigentlich ganz selten ins Kino. Ich hab die Natur, das ist mein großes Kino. Ich finde es klasse, welche Perspektiven sich beim Wandern ergeben. Selbst wenn du den gleichen Weg noch einmal gehst. Mal hast du anderes Wetter oder bist mit anderen Leuten unterwegs. Es ist immer ein anderes Gefühl.

 

Haben Sie eine bestimmte Musik im Kopf, wenn sie wandern gehen?

Ich hab tatsächlich mal versucht mit Musik wandern zu gehen, aber es gefällt mir nicht. Ich war dann irgendwie nicht mehr in der Natur, denn die Natur hat ihre eigenen, wichtigen Klänge. Man hört Tiere, den Wald oder den Wind und das sind ja auch Zeichen, die man zum Teil deuten muss.

 

In wie weit wandert Musik für Sie?

Ich bin recht vielseitig und offen wenn es um das Hören von Musik geht. Da ich aber natürlich einen Elektro-Club betreibe, verfolge ich elektronische Musik am aller meisten. Und das Schöne an dieser Musik ist dabei eben diese Entwicklung zu beobachten und wahrzunehmen. Es passiert auch immer noch, wenn ich im Club oben stehe, dass ich einen Bass oder ein Geräusch höre, das ich vorher noch nicht kannte und das ist eben das faszinierende und spannende für mich. Ich gehe auch immer noch mindestens einmal im Jahr auf ein Techno-Festival, lustiger Weise meistens nach einer 14 Tage Wandertour [lacht], weil es immer noch inspirierend und ein ganz besonderes Erlebnis ist, bei dem man in eine ganz andere Welt eintaucht.

 

Was ist für Sie wichtiger? Das Wandern oder das Ankommen?

Natürlich das Wandern. Das Ankommen ist auch schön, gerade wenn man auf einer Mehr-Tages-Tour ist. Dann kommt man sicher auch gern auf der Hütte an und entspannt sich. Das ist ja auch die Ruhezeit dazwischen, die auch wichtig ist. Aber gerade beim Bergsteigen, das ich persönlich noch viel interessanter finde, da man hier auch größeren Herausforderungen begegnet, ist der Weg natürlich schon das Ziel. Ganz klar!

 

Das Interview führten Emma Hoch und Paul Schubert (Q12).

ABT JOHANNES ECKERT, BENEDIKTINERABTEI SANKT BONIFAZ

Der Geistliche Johannes Eckert bezeichnet sich selbst als ›Gottsuchenden‹. Seit 2003 steht der charismatische Abt der Bedektinerabtei St. Bonifaz in München vor, wo er sich unter anderem für obdachlose Mitbürgerinnen und Mitbürger engagiert und für ein sehr lebendiges Gemeindeleben sorgt. Auf seinem Weg zu Gott leitet ihn sein Wahlspruch: ›Lieben aus ganzem Herzen‹.

Was bedeutet Wandern für Sie?

Also für mich ist Wandern wichtig. Ich versuche einmal in der Woche wandern zu gehen. Das ist die normale Geschwindigkeit des Menschen, man muss nicht so aufpassen wie beim Fahrradfahren oder beim Skifahren, und ich komme so einfach zur Ruhe und kann dabei gut meine Gedanken sortieren oder mich inspirieren lassen. Es ist einfach für meine Seele gut.

 

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?

Gestern [lacht] mit einem Freund. Weil gestern nicht so schönes Wetter war, sind wir nicht in die Berge, sondern waren unterwegs zwischen Starnberger See und Isar. Um Wolfratshausen rum.

 

Welche Musik haben Sie beim Wandern im Kopf?

Ach das ist ganz unterschiedlich. Mal kommt mir irgendein Lied in den Sinn oder etwas, das wir in der Liturgie singen. Aber es kann auch mal etwas Aktuelles sein, gestern hatte ich irgendwie Avici Without you im Kopf, weil ich das vorher gehört hatte, neulich ist mir die Bach-Kantate Bleibt der Engel bleibt bei mir nicht aus dem Kopf gegangen.

 

Sie engagieren sich in St. Bonifaz für Menschen ohne festen Wohnsitz und öffnen obdachlosen Menschen ohne jegliche Vorbedingungen Ihre Türen. Sie kümmern sich daher um auf der Wanderung befindliche Menschen. Was bewegt Sie dazu?

Für Menschen, die auf der Straße leben und keinen festen Wohnsitz haben, ist es wichtig, dass sie einen festen Anlaufpunkt haben, wo sie bleiben können. Das soll unser Hanebergerhaus hier in der Stadt sein. Ein Stück Heimat für Viele auf der Wanderung.

 

 

Inwiefern sind diese Menschen für Sie auf einer Wanderung?

Wir stellen fest, dass viele unserer Gäste in den letzten Jahren aus Osteuropa kommen, weil sie dort keine Perspektiven für ihr Leben finden. Leider haben sie auf ihrer Suche nach Arbeit und neuer Heimat bis jetzt keinen Erfolg gehabt.

 

Wie bewerten Sie aktuell die Situation in Deutschland, speziell in München?

Leider nimmt die Zahl derer, die Hilfe brauchen, in München und in unserem Lande nicht ab. Wenn wir ihnen wenigstens mit grundlegenden Bedürfnissen wie Verpflegung, Dusche, Kleidung, ärztlicher Versorgung und Beratung weiterhelfen können, sehen wir darin einen wichtigen Dienst.

 

Passend zur Weihnachtszeit: Inwiefern verbinden Sie die Adventszeit mit Wandern?

Der Advent ist eine Zeit der Erwartung, weil wir einem Geburtsfest entgegen gehen. Wir selbst sollen immer wieder zur Menschlichkeit finden, so betrachtet ist unser ganzes Leben eine einzige Wanderung – ein einziger Advent.

Das Interview führten Piernicoló Bilato und Annika von Bechtolsheim (Q12).

YUKI KASAI, KONZERTMEISTERIN DES MKO

Yuki Kasai begann im Alter von fünf Jahren mit dem Geigenspiel. Nach Studienjahren, u. a. an der Musikhochschule ›Hanns Eisler‹ Berlin, ist sie heute international bei zahlreichen Orchestern zu Gast. Die Schweizerin mit dem charmanten Lachen ist seit dieser Saison Konzertmeisterin des MKO.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Ich komme aus der Schweiz; wir waren jede Woche mit der Schulklasse wandern. Ich wandere sehr gerne, sowohl physisch als auch einfach in meinen Gedanken. Ich finde weiterkommen, woanders ankommen immer spannend, deswegen wohne ich auch in vier verschiedenen Städten [lacht]. Ein Stillstand ist nie gut. Wenn man sich menschlich weiterentwickeln möchte, beinhaltet das Wege, Abkürzungen, Sackgassen, und im weitesten Sinne ist das für mich auch eine Wanderung.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Jetzt im Sommer in Japan. Das war in einem kleinen Tal, das berühmt ist für seine Thermalbäder. Wir sind von einem Dorf zum nächsten gewandert, immer am Fluss entlang und sind dabei nur ganz wenigen Leuten begegnet. Es war wahnsinnig heiß und stickig, aber andererseits unglaublich schön.

Welche Musik haben Sie beim Wandern im Kopf?
Ehrlich gesagt gar keine. Ich versuche dann einfach das, was um mich herum passiert mehr wahrzunehmen: ob Vögel oder Frösche, den Fluss oder sogar die Autobahn.

Welches Instrument verbinden Sie mit Wandern?
Kuhglocken (also im weitesten Sinne ein Schlagzeug-Instrument)… In der Schweiz trifft man irgendwie an jeder Ecke Kühe und dann hört man immer die Kuhglocken. Dieses Gebimmel, das immer da ist, so wie ein Ostinato, es ist immer ein Zufallsprinzip.


Inwiefern würden Sie sagen, dass Musik wandert?

Manchmal ist ›Musik machen‹ wie eine Reise: besonders bei langen Stücken und bei Uraufführungen. Man weiß nie genau, was während dieser Reise passieren wird. Ob das jetzt wirklich Wandern ist, weiß ich nicht, aber ganz sicher ist es, wenn man gemeinsam ankommt, jedes Mal eine neue, andere Reise gewesen. Auch ›Musik hören‹ hat mit Wandern zu tun: Allerdings ist das Gefühl, vor allem das Zeitgefühl, anders ob man spielt oder zuhört. Als Musiker muss man aus einem Stück das rausholen, was für den Zuhörer wichtig ist. Und für den Zuhörer ist das dann ein bisschen wie auf einer Achterbahnfahrt im Dunkeln. Vor allem wenn man Stücke hört, die man noch nicht kennt. Du hast keine Ahnung, wohin sie als nächstes fährt; du lässt dich einfach von der Musik mitziehen. Deswegen ist es eher ein passives Wandern, ein Mitwandern. Aber auch der Zuhörer kommt am Ende des Stückes
woanders an.

Was ist wichtiger: Das Wandern oder das Ankommen?
Ich glaube für mich ist doch das, was dazwischen ist, also eben das Wandern, wichtiger. Ich mag dieses Fortbewegen an sich – wenn ich Wandern gehe, gehe ich nicht, um irgendwo anzukommen. Wenn man Wandern auf einen gedanklichen Prozess bezieht und die Gedanken schweifen lässt, dann kommt man auch manchmal in Gebiete, die man nicht unbedingt kannte oder die man da nicht vermutet hat. Und manchmal kann Wandern auch eine Art Grenzerfahrung sei.


Das Interview führten Lotte Etschmann und Moéma Tiefengruber (Q12).

PETER WINTER, KLAVIERSTIMMER

Seit etwa 30 Jahren sorgt der gebürtige Münchner Peter Winter für gestimmte Klaviere in München und Umgebung. Seine Kindheit verbrachte er in Amerika. Mit 18 Jahren erblindete er und hat seitdem eine besondere Beziehung zur Musik. Ende der 70er Jahre macht er eine Ausbildung zum Klavierstimmer. Für ihn dürfte es durchaus mehr ›Stille‹ geben im Alltag.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Mmh… Schön (lacht). Es macht Spaß, Freude und wenn man in den Bergen wandert, dann fühlt es sich gut an, im Körper. Man tut was, genießt die tolle Luft und die Berge, und man fühlt sich danach total gut, wohl. Das Wandern durch ein Musikstück ist wie eine Reise, je nachdem was für ein Musikstück es ist, oder Wandern durch ein Konzert, genau so.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Das ist noch gar nicht so lange her. Jetzt im Sommer, im August irgendwann am Chiemsee mit meiner Familie.

Was ist Ihr Lieblingswanderziel?
Einer meiner Lieblingswanderwege ist in Schäftlarn an der Isar entlang gern auch öfter mal. Und Kochel am Walchensee ist schön. Und das Hörnle natürlich.

Sie sind ja Klavierstimmer und haben einen Bezug zur Musik. Welche Musik haben Sie denn beim Wandern im Kopf?
Ganz unterschiedlich, meistens höre ich eigentlich zu. Also den Vögeln, dem Wind, den Bäumen und dem Rauschen.

Haben Sie ein spezielles Lied, dass Sie mit dem Wandern verbinden?
Eigentlich nicht.  Am ehesten vielleicht „Der Schneider mit der Maus“- aber sonst eigentlich nicht. Ich genieße eher die Ruhe, dass mal nichts ist –  nichts ist außer Stille.


Welches Instrument verbinden Sie mit Wandern?
Schlagzeug, generell Percussion, oder Kontrabass.

In Ihrer Kindheit haben Sie ja an vielen verschiedenen Orten gelebt, auch in Amerika. Welche Erfahrungen haben Sie dadurch gemacht?
Naja ich hab quasi als Sehender, vor meiner Erblindung, schon sehr viel von der Welt gesehen. Die riesigen Wälder und wahnsinnigen Schneemassen dort in Amerika und später die Bahamas und Florida. Das Meer und auch die Welt unter Wasser. Da zehre ich viel davon, weil die Bilder habe ich alle noch im Kopf.

Haben Sie durch Ihre Erblindung besondere oder andere Erfahrungen beim Wandern gemacht?
Ja klar, man nimmt ja anders wahr. Nicht optisch, sondern eher durch Geruch, Hören, Fühlen, also die Wahrnehmung ist etwas anders. Als Sehender guckt man halt ›ah da drüben da ist der Berg‹ oder so und für mich ist es eher ›wie hört es sich an, wie fühlt es sich an, wie riecht es‹. Die Wahrnehmung ist einfach anders.

Was ist für Sie wichtiger, das Wandern oder das Ankommen?
Das Wandern! Es ist einfach schön so dahinzuwandern und bei sich zu sein. Wobei das Ankommen in der Wirtschaft ist auch schön (lacht).

Spielt die Erfahrung des Unbekannten, des Neuen für Sie eine Rolle beim Wandern oder beim Musik hören?
Klar. Das ist wichtig für mich. Wie gesagt für mich ist der Weg irgendwie interessanter als die Ankunft. Natürlich ist das auch schön vor allem wenn man in die Wirtschaft einkehrt, aber der Weg ist eigentlich das spannende. Wenn ich ein neues Musikstück höre und erobere, ist es dasselbe.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Ich bin ja spät erblindet, also durch einen Unfall mit 18 und es gibt nicht so viele Blindenberufe – die meisten davon sind Büroberufe und das gefällt mir nicht. Für mich kam damals nur in Frage Physiotherapeut oder  Klavierstimmer.

Und wieso Physiotherapeut? Physiothearpie und Klavierstimmen sind ja zwei sehr unterschiedliche Berufe.
Das waren die, die für mich in Frage kamen, die mir halt Spaß machen. Aber dadurch, dass ich sowieso schon Musik gemacht habe habe ich mich dann für Klavierstimmen entschieden. Und weil ich eben eine Affinität zur Musik habe.

Für welche VIPs haben Sie schon Klaviere gestimmt?
VIPs? Herbie Hancock, Udo Jürgens, dann mach ich viele so Fehrnsehsachen, zum Beispiel bei ‚Sportler des Jahres‘ und einigen Klassiker, also ‚Winners and Masters‘. Das ist eine Serie, die ARD Preisträger ist. Und, wer war denn noch…Caterina Valente, Paul Kuhn, ja für die Bambiverleihung auch mal. Und bei vielen Jazzgrößen zum Beispiel Eddie Harris. Und oft auch in die Muffathalle. Das sammelt sich im Lauf der Zeit alles an.


Das Interview führten Annika von Bechtolsheim und Sophie Cramer (Q12).

BLOG: ON TOUR IN KOLUMBIEN

Das MKO ist ›Orchestra in Residence‹ beim ›Festival de Musica Cartagena‹ 

 

Nach der Russlandtournee im Oktober berichtet wieder Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, von der Reise nach Cartagena, den Konzerten als ›Orchestra in Residence‹ vom 5. bis 9. Januar 2018, den kleinen, kulturellen Unterschieden und natürlich vom leckeren Essen!

Erster Eintrag, Dienstag 2. Januar 2018

Cartagena!

Liebe Freunde, morgen fliegt das MKO nach Cartagena in Kolumbien, kennen Sie Cartagena? Stellen Sie Südamerika sich vor und tippen Sie dann auf den nordwestlichsten Punkt des Kontinents, dann sind Sie in Cartagena – also so ziemlich. Zwischen Panama und Venezuela liegt die Stadt am Karibischen Meer. Cartagena de Indias, um genau zu sein, man soll es unterscheiden können vom viel kleineren gleichnamigen Ort im Süden Spaniens. Gegründet wurde die Stadt am 1. Juni 1533 – eine der ersten, die die Spanier seinerzeit in Südamerika gebaut haben – und gut eine Million Einwohner hat Cartagena heute, fast so groß wie München. In dieser Stadt wird jedes Jahr im Januar ein Festival veranstaltet, das ›Cartagena Festival International de Musica‹, und wir sind diesmal dabei.

Ich werde alles Merkwürdige berichten: wann immer ich Zeit habe, zum Stift zu greifen, werde ich das tun, und Sie werden sofort nachlesen können, was mir merkwürdig erscheint. Meine Zeit wird knapp sein, unser Terminplan ist sehr sehr straff, werden wir immerhin sieben Konzerte in fünf Tagen spielen: sechs unterschiedliche Programme, aber ich will nicht klagen, zu groß ist die Freude über diese feine Tournee. Nein, Sie werden in meinen Aufzeichnungen keine Fotos sehen, wer schreibt, braucht keine Bilder, und ein Fotograf benötigt keinen Text. Ich bin für das geschriebene Wort zuständig, Fotos machen können Andere besser, lesen Sie nur, das macht mehr Freude als Bilder ansehen.

Jetzt begleiten Sie uns – das Münchener Kammerorchester mit seinem Chefdirigenten Clemens Schuldt – in die Karibik: eine Woche Sommer mitten im Januar. Ich melde mich wieder aus Kolumbien,

Ihr Bernhard Jestl.

Zweiter Eintrag, Mittwochnacht 3. Januar 2018

Wir haben neue Kontrabass-flightcases! Mächtig und blitzweiß stehen sie in München am Flughafen, beherbergen sie eine wertvolle Fracht: unsere Bässe. Diesmal haben wir uns nicht lumpen lassen und nehmen unsere eigenen mit, nicht wollen wir uns auf kolumbianische Instrumente verlassen, das war doch zuletzt auf unserer Tournee etwas unerquicklich, naja, nicht kolumbianische, sondern argentinische bzw. peruanische Instrumente haben wir das letzte Mal gespielt, Sie erinnern sich? nicht so jetzt: unsere kommen mit nach Südamerika. Das ist wichtig. Also, da stehen sie und werden zum Schalter für Sperrgepäck gebracht, dort legen sie sich hin und werden verschlungen von schwarzem gefräßigem Maule. Wer zählt die Hände, durch die sie auf unseren drei Flügen gehen! Geht pfleglich um mit ihnen, wir brauchen sie, ohne Bässe geht nämlich nichts, gar nichts geht ohne Bässe.

Bisschen vertrackt gestaltet sich der Beginn unserer Reise, können wir nämlich nicht rechtzeitig starten, weil Madrid neblig ist, und verzögert sich unser Abflug dorthin schon um eine Stunde – fatal! denn unser Zwischenhalt in Madrid soll nur eine Stunde und 50 Minuten betragen, also beunruhigt nicht nur wir, auch andere Touristen machen sich Sorgen um ihre Anschlussflüge, weitläufig außerdem ist der Madrider Flughafen, aber: wir steigen aus und rennen schnell, schnell zum nächsten Terminal: 24 min. soll der Weg dorthin betragen, sagt uns die Anzeige unterwegs. Natürlich, man muss noch einen Zug erwischen, der uns mitnimmt, fahrerlos stürzt er sich in den Tunnel; dann wieder schnell, schnell – Passkontrolle gibt es auch noch – aber erreichen wir rechtzeitig die mächtige Schlange vor Gate S 25. Gleich geht’s hinein in die neue Maschine, naja, der Abflug nach Bogotá, erfahren wir jetzt, verzögert sich um eine Stunde, und dann nochmal um 45 Minuten, da sitzen wir. Man hätte sich ja noch etwas zu essen kaufen können, denn auf dem Flug von München nach Madrid gab es gar nichts, nichts gab es, nichtmal Wasser. Also knurrenden Magens sitzen wir. Aber wir sind alle guten Mutes, nicht dass Sie meinen, wir würden jammern, die Stimmung ist gut, wir sind ganz entspannt und ruhig.

Mein Nachbar zur Rechten hat tätowierte Arme bis zur Schulter, auch Handrücken und Finger sind beschriftet, weiß ich nicht, was da steht, ist Chinesisch, die Arme voller spärlich bekleideter Weibsbilder, kein Witz, er ist aber freundlich, macht mir Platz und steht nie auf. Er schaut sich Filme an und schläft dabei ein. Zur Linken über den Gang sitzt jemand, der immer wieder in seine Noten schaut, Partituren von vorne bis hinten durcharbeitet, eine nach der anderen, das ist Clemens Schuldt, unser Dirigent. Vorne links ein Mensch, der geradeso in den Sitz passt, hat die Armlehnen hochgeklappt, um genug Platz zu haben, schläft aber die ganze Zeit, trotzdem ist sein Monitor an, dieser zeigt die Position unseres Flugzeuges über dem Atlantik: bisschen ernüchternd, schaut man nämlich nach einer Stunde wieder hin, hat das Bild sich kaum verändert. Rechts vor mir spielt eine Frau digitales Kegeln auf ihrem Bildschirm, meistens trifft sie.

Interessant? Nein? Also, wenn wir angekommen sind, werden meine Beiträge musikalischer, das verspreche ich.

Bis dahin war das Bernhard Jestl.

Dritter Eintrag, Donnerstag 4. Januar 2018

Cartagena zeigt sich ganz in weihnachtlichem Kleide: geschmückte Weihnachtsbäume vor jedem Kaufhaus und in jeder Hotellobby, jede zweite Palme ist mit glitzernden Lichterketten blau, grün und lila umwunden, leuchtende riesenhafte Pakete, Weihnachtsmänner, Schlitten und Rentiere: alles in den grellsten Farben, an jeder Laterne zwei Glitzerschneekristalle, ja sogar Schneemänner aus Pappmaché grinsen mit ihren roten Rüben im Gesicht von manchem Balkon. Dazwischen endlose Autoschlangen, eine einzige Blechlawine wälzt sich durch die Stadt, ja sogar im historischen Zentrum hupt und schiebt sich die Kolonne dahin, haben wir mit unserem Bus gerade eine Stunde für fünf Kilometer gebraucht – fünf km/h Geschwindigkeit! Aber angekommen bei der Eröffnungparty des Festivals. Ganz in weiß gewandet alle Gäste, sehr! laute Musik und Kühlschranktemparaturen. Dazu Whisky und Champagner, winzige Häppchen auf dem Silbertablett und viele schöne Menschen.

Mittags haben wir schon zwei Proben in unserem Saal, in welchem wir fünf Konzerte spielen werden, gemacht: schönes Theater, das Teatro Adolfo Mejia, kompetente und sehr freundliche Mitarbeiter auf der Bühne, alles klappt wie am Schnürchen, wir proben die Kleine Nachtmusik, die achte Sinfonie von Beethoven, die Prometheus-Ouvertüre und die Sinfonie Nr. 43 von Haydn. Die Stücke werden wir in den nächsten Tagen spielen und noch vieles mehr, Sie werden es rechtzeitig erfahren, oder sind Sie bereits informiert? sehr gut! Bisschen laut das Geräusch der Kimaanlage im Saal, ausgerechnet oberhalb der Bühne rattert und knattert es, dass es eine Freude ist, lieber macht man die Aircondition aus, und nach kurzer Zeit wird’s stickig, wobei das Geräusch bleibt. Das steigert sich zwischendurch noch, verschwindet jedoch nach einiger Zeit zum Glück, und uns stehen die Schweißperlen auf der Stirn, die Finger werden langsam, die Scheinwerfer brennen, aber klingt gut, der Saal, das sagt der Dirigent, der kurz in den Saal geht, um den Klang sich anzuhören, man muss aber arbeiten, das Saal schenkt uns nichts, den fehlenden Nachhall müssen wir selbst produzieren. Die Bläser spielen jetzt im Stehen, welch ein Unterschied! herrlich! schon bin ich bestens motiviert, was kurz etwas nachgelassen hat, gebe ich zu: kommt vom Jetlag. Aber dieser neue Klang mit den stehenden Bläsern hat geholfen. Zwischendurch paarmal ein Geräusch, welches Keiner identifizieren kann: stellen Sie sich einen Specht vor, der wütend auf ein Metallrohr trommelt, genauso klang es, sehr merkwürdig, wir hoffen, dass er bis zu den Konzerten verschwindet, der Specht.

Vierter Eintrag, Freitag 5. Januar 2018 – Teil 1

Die erste Probe mit Rudolf Buchbinder, nein die einzige Probe mit ihm gestaltete sich sehr entspannt, der Solist ließ es sich nicht nehmen, ein paar launige Schnurren aus seinem Künstlerleben zu erzählen: über Auftakte von berühmten Dirigenten, da gäbe es ja ein paar Stellen in den Beethoven Klavierkonzerten, diese legendären Läufe im dritten und im zweiten….. Sehr lustig auch ein Dirigent – ich nenne hier nicht den Namen – der sich bei allen Orchestern unbeliebt gemacht hat und deshalb mit keinem zweimal aufgetreten ist, naja, Buchbinder hat viel erlebt; aber sehr freundlich zu uns, sehr entspannt, wie schon gesagt, mit ihm zu arbeiten. Wir freuen uns auf das Konzert am Abend.

Das Meer ist ja jeden Tag anders, wer kennt das nicht, aber heute waren die Wellen hoch und die Mauern niedrig, ich weiß nicht, ob es üblich ist, dass manche Straßen knöcheltief überschwemmt sind, weil die Brecher die Mäuerchen überwinden, da ist glücklich, wer mit FlipFlops unterwegs ist. Das sind viele, aber manche tragen auch Straßenschuhe, es gibt sehr elegante Leute, die staksen dann auf Zehenspitzen und in Riesenschritten durch die Gegend, versuchen, in drei Sprüngen die Straße zu überqueren, ich habe einen gesehen, der auf Fersen mit hochgestellten Schuhspitzen durch das Wasser watete, sehr prall…. Naja, es sah eben prall aus, wie er dann auch noch seine nassen Socken befühlte, aber nein! ich mache mich keineswegs lustig, es ist nur absurd, wie so ein Orchester im kühlen Bus mitten im Verkehr steckt und Fußgänger beobachtet, oder Motorräder, die Fontänen auf der Fahrbahn erzeugen, ohne der Passanten zu achten, die an der Seite entlang hasten, nein, schlendern, denn schnell sind hier nur die Fahrzeuge, nicht die Fußgänger, die Temperaturen erlauben keinen flotten Schritt.

Ach, vom Essen soll ich erzählen, steht oben? Also gestern habe ich die Party der Schönen ganz in Weiß ja vorzeitig verlassen, viel schöner dachte ich mir die Welt da draußen, im Gegensatz zu dieser absurd kalten, wo wir hingebracht worden waren. Und wirklich, kaum hatte ich die kalte Gruft verlassen und das gelbe Armband, das mich als Mitglied dieses Clubs auswies, abgestreift – weg und in die Gosse damit! – umfing mich die sehr warme feuchte Nachtluft der Stadt: Herrlich zu wandern durch die kleinen Gassen, Musik aus den verschiedenen Lokalen zu hören, auf der Parkbank zu sitzen, nur sitzen und schauen, dann einen Fisch zu essen – catch of the day – wunderbar gegrillt mit Salat, wie schön kann das sein.

Das war – aus dem Hotelsofa ganz in Vorfreude auf das erste Konzert – Ihr

Bernhard Jestl.

Fünfter Eintrag, Freitag 5. Januar 2018 – Teil 2

Abends um elf nach dem Konzert wieder sitzend auf meinem Sofa; es ist nicht leicht zu berichten über unser Konzert, wenn vor dem Fenster direkt unter mir die Poolparty dröhnt!!! Starke Lautsprecher bringen mein Sofa zum wackeln, hopsen weiß gewandete Menschen sinnlos herum, schauen alle in eine Richtung, denn gibt es einen Vortänzer, der die mächtigen Klänge noch übertönt mit Gebrüll und hopp! alle hechten nach links einen Schritt, weil er’s vorgemacht hat, dann wieder zurück, und: Rechtsdrehung! Hände an die Knie und dasselbe nochmal, jetzt Blick zum Meer – ich glaube, Sie kennen dieses Lied, wenn nicht, seien Sie zufrieden, versuchen Sie nicht, es kennen zu lernen, lehnen Sie sich entspannt zurück und lesen Sie weiter, denn wir haben gespielt: Haydn Concertante für Oboe, Violine, Violoncello und Fagott, Mozart g-moll Sinfonie und das dritte Klavierkonzert von Beethoven mit Rudolf Buchbinder.

Tolles Publikum! alle fröhlich, begeistert, zufrieden, voller Saal, viel Applaus, Bravorufe, Zugabe, Einladung vom deutschen Botschafter. Nein, zu schnell, also nochmal. Zuerst die Hymnen von Deutschland und Kolumbien – erstere gespielt von unseren Stimmführern original aus dem Kaiserquartett, dann das ganze Orchester die kolumbianische mit Pauken und Trompeten sehr schön! anfangs zwei Trompetensignale, dann gesanglich, später pompös, dann der Mittelteil in der Subdominante wieder getragen und leise, am Ende nochmals ganz feierlich, so sind Hymnen eben. Alle standen andächtig und lauschten. Jetzt aber die Haydn Concertante, selten gespielt, aber ein wunderschönes Stück. Die Solisten waren unsere eigenen, ich schreibe sie gerne hier auf: Hernando Escobar, Yuki Kasai, Mikayel Hakhnazaryan und Jacob Karwath. Die haben gut gespielt, das war nicht leicht! gleich im ersten Konzert am Anfang, und morgen früh gleich nochmal, aber das nur am Rande. Danach kam die g-moll Sinfonie von Mozart, die Sie natürlich alle kennen, wir auch, und wir haben’s genossen, hat auch gut geklappt, die Leute laut! geklatscht und getrampelt. Nach der Pause Buchbinder gut gelaunt in aller Ruhe Beethoven, wer weiß zum wievielten Male. Ohne Ecken und Kanten, einfach wie’s sein soll, Zugabe und fertig. Noch kurz ins Foyer zum Botschafter, er hat Prosecco dabei, aber nicht zu viel, denn bald ist er ausgetrunken, und wir wieder im Stau zwischen Saal und Hotel.

Die Poolparty dauert an, ist die Musik leiser geworden jetzt um halb zwölf? oder habe ich mich an sie gewöhnt, vielleicht hört sie auch bald auf, ich glaube um zwölf ist Schluss, ich jedenfalls müde und morgen kommt wie gesagt das gleiche Konzert nochmals vormittags um elf und abends ein anderes.

Sie hören dann wieder von mir,

das war Bernhard Jestl.

Sechster Eintrag, Samstag 6. Januar 2018 – Teil 1

Wenn man so morgens am Strand entlang wandert, warum soll man nicht morgens am Strand entlang wandern? Übrigens steht unser Hotel direkt am Strand, habe ich das bereits erwähnt? Nein? Also unser Hotel steht direkt am Strand, müssen Sie wissen, macht man fünf Schritte, steht man im Nassen. Wenn also man da so entlang wandert morgens um sieben, da fallen einem fünf verschiedene Arten von Vögeln auf. Da sind zuallererst Möwen, solche mit schwarzem und andere mit orangenem Schnabel, aber alle gehen eifrig über den Sand, machen mir Platz, weichen aus als ganze Gruppe und kommen wieder zurück ganz nahe ans Wasser, wo sie alles mögliche finden, stochern herum mit ihren Schnäbeln, oder flattern auf, aber nur zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch und lassen sich wieder nieder. Dann gibt es schlanke schwarze Vögel, wie Elstern, aber kleiner, kommen angeflogen, laufen geschäftig durch die Gegend und interessieren sich für Abfälle, die das Hotel so ausspuckt. Sie begutachten alles, was im Sand sich befindet, springen von hier nach da, machen lange Hälse und gucken um die Ecke mit Glotzaugen. Dieselben sitzen auf dem Geländer unserer Frühstücksterrasse und warten, ob etwas für sie abfällt, ständig hoppeln sie seitwärts auf ihrer Stange hin und her und schlagen sich um Krümel. Ähnliche Vögel in glänzendem Braun oder mit grellgelbem Bauch sind etwas kleiner und schlanker, haben deshalb das Nachsehen, sie werden gnadenlos von den Großen weggejagt – beide aber zeichnen sich aus durch gellenden, durchdringenden Schrei. Einer heute morgen hat gewartet, ist langsam immer näher gehoppelt, Unschuld heuchelnd, und zack! – die Dame, die uns Pfannkuchen und Spiegeleier brät, hat ihren Tisch für kurze Zeit verlassen – stibitzte der Vogel sich von den Zutaten, suchte das Weite mit vollem Schnabel. Außerdem gibt es ganz kleine taubenartige Vögel: Mini-Ringeltauben; ganz vorsichtig und unaufdringlich warten sie neben unserem Tisch, ob etwas abfällt, schauen mit gedrehtem Halse immer wieder nach oben, sind aber recht scheu. Endlich am Strande die größten von allen: Reiher, die ganz still ausharren, höchstens dann und wann ein Bein heben, ganz langsam krümmen sie die Zehen und machen einen Schritt vorwärts, dann stehen sie wieder absolut still. Und mit einem Male, nur zwei Meter neben mir, fliegt er los, majestätisch mit langsamem Flügelschlag und gekrümmtem Halse. Aber ich glaube, ich muss einen Absatz machen, das liest sich angenehmer, ich brauche keinen, könnte endlos fortschreiben, aber sehen Sie, hier kommt der Absatz.

Anderes Vorkommnis: Wenn man den Hotelbereich verlässt, hat man nur noch fünf Meter bis zum Wasser, Platz genug für Menschen, die ihre Dienste anbieten: eine Bootsfahrt zur gegenüberliegenden Insel gefällig? Billig, billig, aber nein, wir sind zum Arbeiten hier, ich im Liegestuhl, der da vorne steht, nein nein, vielen Dank, aber eine Massage, schlendert eine Dame auf mich zu, billig, nicht teuer, und beginnt schon als Demonstration meine Waden zu kneten und mir den Sand von den Füßen zu waschen, hat sie in einem kleinen Plastikeimer Wasser dabei, welches sie mir über die Beine träufelt, danke, danke, keine Zeit, die älteste Ausrede von allen, aber diesmal stimmt es, unser Bus! fährt in zwanzig Minuten und nochmals nach oben schnell umziehen, Geige nehmen und losfahren zum Konzert: Wir spielen nochmals dasselbe wie am Abend zuvor.

Siebter Eintrag, Samstag 6. Januar 2018 – Teil 2

Zwei Konzerte an einem Tag! Das haben wir heute gemacht: also morgens um halb zehn in den Bus und herrlich zügig ohne Stau zum Saal, ja, sehen Sie, so geht’s auch: das ist, weil heute Feiertag ist, die heiligen drei Könige sind da, wir in 20 Minuten gefahren wo wir schon mal eine Stunde gebraucht haben. Wir halten immer an der Stadtmauer, gehen dann durch einen schmalen Durchgang und sind schon beim Theater. Dasselbe Konzert wie gestern, das heißt Concertante, g-moll Sinfonie und Klavierkonzert: Sie können oben nachlesen, wir haben auch wieder gut gespielt, vielleicht bisschen anders, inspirierter oder so, die Leute jedenfalls haben es gemocht. Dann zurück zum Hotel und essen in einem winzigen Restaurant gegenüber, ich sitze direkt am offenen Fenster, das heißt, die Wand hat überhaupt kein Fenster, da sitze ich, esse Fleisch und lese Dostojewski. Vor mir dröhnt es, kommt dann und wann einer vorbei, der was will von mir, ich achte aber nicht darauf, schneide das Stück Fleisch entzwei. Nach dem Essen beim zurück Schlendern noch paar Kollegen getroffen, sie waren woanders Fisch essen, eine von ihnen will eigentlich nur Wasser kaufen, wir trinken aber Kaffe auf der Straße im winzigen Plastikbecher, schwarz bereits mit Zucker drin gegossen aus einer großen Kanne. Ich kaufe noch bei einem anderen Straßenhändler, der vorbei kommt, irgendwas Süßes aus Blätterteig mit Marmelade drauf, sehr lecker. Dann kaufen alle noch Wasser im kleinen Laden, und zurück ins Hotel ein wenig der Ruhe pflegen.

Wie kalt es im Zimmer ist! die Temperatur der Aircondition sagt 21 Grad, es erscheint mir wie 12. Aus schalte ich sie jetzt und relaxe. Später wieder in den Bus, jetzt schon mit mehr Verkehr und zur Probe. Wir spielen heute Abend die Prometheus Ouvertüre von Beethoven, die Sinfonie Nr. 43 von Haydn und das Jenamy-Klavierkonzert von Mozart. Der Solist ist Aaron Pilsan, mit ihm haben wir bereits in München geprobt, deswegen jetzt nur noch eine Anspielprobe, die anderen Stücke haben wir vor zwei Tagen bereits geprobt, lesen Sie gerne den dritten Eintrag, da steht’s. Bisschen Pause und los geht das Konzert, es läuft wie geschmiert, alle sind gut gelaunt und schon anderthalb Stunden später sitzen wir im Bus, der uns zurück bringt – jetzt wieder viel Verkehr, abends gibt es keinen Feiertag – noch was essen vielleicht, ist ja erst neun vorbei, na gut, dann gehe ich jetzt los.

Das war Bernhard Jestl.

Achter Eintrag, Sonntag 7. Januar 2018

Liebe Freunde, was habe ich nicht alles gemacht am 7. Januar!

Aufstehen um 6:15, denn schlafe ich niemals länger, das ist auch gut, denn morgens sind die Temperaturen erträglich, also hinaus an den Strand und wandern. Herrlich um diese Zeit das sanfte Wasser an den Füßen, der dunkle Sand, die niedrige Sonne doch schon stärker als erwartet, aber gehe ich weit bis zur Mauer, die irgendetwas abtrennt, nicht weiter geht die Wanderung, ich müsste abbiegen die Straße längs, lieber kehre ich um und beobachte eine Gruppe Touristen beim morgendlichen Animationsprogramm, nein, ich will gar nicht beschreiben, was das Programm war, schwer zu ergründen der Sinn dieser Tätigkeiten, aber fröhlich alle, das ist doch die Hauptsache, jawohl. Zurück beim Hotel zieht es mich unweigerlich ins Meer zum Schwimmen, nicht eigentlich Schwimmen, es geht ganz flach hinein, man kann sich nur in eine anbrausende Welle werfen, dann die nächste abwarten, sehr windig heute. Nach diesem meinem eigenen Animationsprogramm bin ich bestens vorbereitet für das Frühstück, dort lasse ich mir erst einen Smoothie zubereiten: Papaya, Ananas und eine mir unbekannte kleinere gelbliche Frucht, crushed ice, bisschen Milch….. was soll ich weiter sagen, zurücklehnen und genießen. Später Omelett, frisches Obst mit Limettensaft, Croissant, Kaffee, und jetzt zum Bus! denn wir haben Probe mit Nelson Freire im Teatro Adolfo Mejia.

Mit ihm spielen wir das fünfte Klavierkonzert von Beethoven, muss ich Ihnen das grandiose Werk schildern, nein! das wäre übertrieben, Eulen nach Athen, bei solcher Musik fehlen mir die Worte, lieber anhören, ich muss über solche Ausnahmewerke nicht sprechen, das haben genug Andere gemacht. Nelson Freire spielt ganz introvertiert, ganz konzentriert – von meiner Position im Orchester habe ich die Gesichter der jeweiligen Pianisten vor mir: das genaue Gegenteil von unserem gestrigen, Aaron Pilsan: dieser exaltiert mit großen Augen und expressiver Mimik drückt aus, was die Musik intendiert, sucht ständig den Kontakt zu Dirigent und Orchester, jener mit fast regloser Miene und freundlich in sich gekehrtem Blick hochkonzentriert erzeugt fantastische Stimmungen. Die Achte Beethoven! Auch so ein Werk, das jede Beschreibung entbehren kann, wer hat euphorischere Musik geschrieben als Beethoven? Niemand. Es gibt Leute, die Beethovens Musik nicht mögen, weil dieser Komponist den Hörern vorschreibt, was sie zu fühlen haben, das kann kein Nachteil sein in meinen Augen, ich lasse jene Euphorie gerne zu und ergebe mich dem Rausch der Achten, ja, bereits in der Probe.

Mittagessen! Jetzt beschreibe ich endlich was zu essen: kennen Sie Ceviche? ein gutes Essen, roher Fisch, Krabben, Zwiebeln, Limetten, dazu Mais und Chips von Kochbananen, wie schön. Als Hauptspeise gebratener Reis mit Oktopusringen, Krebsfleisch, paar Krabben kräftig gewürzt im Topf auf dem Tisch angefacht von kleinem Flämmchen, genug! wir müssen arbeiten. Zu Fuß zur Plaza San Pedro, dort gibt’s einen Soundcheck für unseren Auftritt um 22 Uhr abends. Mikrofone müssen eingestellt werden, denn ohne die würden wir kaum zu hören sein auf dem belebten Platz vor der Kirche, zu stark das Brummen der Stadt ringsum. Also stehen wir und lassen uns die Mikros vor die Violinen schieben, kurz anspielen und fertig.

Wieder zurück zum Saal, wo wir ja um sieben das Konzert haben: Beethoven Achte und 5. Klavierkonzert. Aber noch Zeit, in einem Café zu sitzen, also nicht im Café, sondern davor, zu kalt der Innenraum. Ein schönes Café, man kann Bücher kaufen und Kaffee trinken, ich gönne mir zudem einen Brownie, einen mit Kaffeegeschmack, sehr angenehm der Geschmack. Naja, schon ist Zeit zum Teatro zu gehen, umziehen, spielen. Nelson Freire spielt wunderschön, auch noch eine Zugabe von Gluck, eigentlich ein kitschiges Werk, aber mit dieser Bescheidenheit gespielt sehr bewegend; der Solist zufrieden, glaube ich, und das Publikum auch, übrigens unser Publikum! ich habe selten so begeisterungsfähige Menschen erlebt, fast wie unser Publikum in München, hier ist der Applaus heftig! dafür vergleichsweise kurz, aber rhythmisches Klatschen schon beim zweiten Zurückkommen des Dirigenten und Solisten, auf stehen die Leute von ihren Sitzen und freuen sich, vielen Dank dafür!

Und schon zurück zum Platz an der Kirche, Sie erinnern sich an den Soundcheck, jetzt ist noch eine Stunde Zeit bis zehn, dann geht’s los, aber wir sind nicht die ersten, die spielen, erst um viertel vor elf ist es soweit: die Kleine Nachtmusik ertönt vom Münchener Kammerorchester mit seinem Dirigenten Clemens Schuldt auf der Plaza San Pedro in Cartagena, Kolumbien vor brausender Stadtkulisse, aber wohlverstärkt, damit alle es hören können.

Dieser Beitrag war ganz schön lang, bemerke ich jetzt, es war ja auch ein langer Tag.

Herzlich, Ihr
Bernhard Jestl.

Neunter Eintrag, Montag 8. Januar 2018

Die Spanier haben eine Festung gebaut mit Stadtmauer, die auch heute noch fast die ganze Innenstadt von Cartagena umschließt. Diese Mauer ist an manchen Stellen sehr breit, ein Auto könnte da oben zwischen den beiden Außenmäuerchen entlang fahren; dann und wann allerdings ist von der alten breiten Mauer nur noch die äußere schmale vorhanden: nur 1 Meter breit und ungesichert, gleichwohl ist es eine Lieblingsbeschäftigung der Touristen und der Cartagener Liebespärchen gleichermaßen, auf diesen schmalen langen Mauerstreifen zu sitzen, zu flanieren und den Meerblick zu genießen. Man kommt ja kaum aneinander vorbei! und nicht jeder wagt es, zur Seite zu treten und Platz zu machen, manche bleiben in der Mitte stehen und erwarten, dass man ganz am Rande sich entlang ringelt. Es geht auf einer Seite mindestens fünf Meter in den Festungsgraben hinab, an der anderen Seite immerhin bis zu zwei Meter zur Straße hin, wer will da ausrutschen. Ich habe keine Angst vor Höhen und trotzdem erschien es mir nicht einfach, da oben entlang zu gehen, besonders, weil der Weg relativ holprig ist, weil die tiefstehende Sonne blendet, weil ich glatte Klappersandalen trage und weil andere Menschen es nicht lassen können, mit ihren vermaledeiten Selfiestangen in der Gegend herum zu stochern. An einer Stelle sogar ist die Mauer nur noch einen halben Meter breit und abgeschrägt, eine Einbahnstraße, die trotzdem frequentiert wird, ganz konzentriert schleichen die Leute mit kleinen Schritten diese zehn Meter lange Schlüsselstelle entlang und genießen ihr Solo sichtlich, wenn sie es geschafft haben. Also, hätte ich gute Schuhe angehabt, ich weiß ja nicht…..? So aber beobachte ich die Mutigen und erfreue mich am Sonnenuntergang.

Überhaupt quillt die Stadt über; besonders am Abend schieben sich die Leute durch die engen Gassen, da wird Wasser verkauft, dort Empanadas, dann wieder Obst im Becher, oder auch Souvenirs für die Gäste, Sonnenbrillen, Sonnenhüte haufenweise, wer soll das alles kaufen? Manche sehr dunkelhäutige Verkäuferinnen tragen grellbunte Gewänder mit Kopfbedeckungen aus bunten Tüchern – gekleidet wie die Bediensteten aus der Kolonialzeit. Polizei auf Motorrädern mittendrin, oder private Security, endlos drängeln Kutschen sich voran, manchmal zehn hintereinander, die armen Pferde, man lässt sich chauffieren und der Kutscher erklärt die Gebäude: Kirchen, Palazzi mit wunderschön alten Holzbalkonen voller bunter Blumen, die Häuser in allen Farben gestrichen, die Welt ist farbig und laut, Musik aus allen Ecken, jedes Restaurant hat seine eigene, und steht man auf der Stadtmauer, hört man alle gleichzeitig.

Das war Bernhard Jestl.

Zehnter Eintrag, Mittwoch 10. Januar 2018

Liebe Freunde, jetzt kommt die Schilderung unserer beiden letzten Konzerte, das eine im unserem Teatro Adolfo Mejia. Auf dem Programm stand die Linzer Sinfonie von Mozart und das Klavierkonzert in d-moll KV 466. Martin Stadtfeld an den Tasten interpretierte das Werk auf seine unkonventionelle Art mit leidendem Gesichtsausdruck, habe ich ja schon erwähnt, dass ich den Pianisten ins Gesicht schauen kann, nicht auf die Finger, umso besser, denn im Gesicht gibt’s Unterschiede, besonders dort. Stadtfeld eher die Tastatur und seine Hände gleichsam negierend: in Abwehrhaltung scheint er den Kopf wegzudrehen, das muss so sein bei ihm, genauso wie Freire mit gesenktem Blick seine Hände beobachtet, Pilsan mit begeisterten Augen zur Decke blickt und Buchbinder freundlich konziliant den direkten Kontakt mit dem Dirigenten sucht. Wir erwarten ja exorbitante Leistungen von den Solisten, da haben sie ihre individuellen Besonderheiten verdient.

Das letzte Konzert findet in der Kirche eines alten Klosters statt, mitten in der Stadt steht es an trubulösem Platze. Jetzt ist es umgebaut zu einem Hotel mit Innenhof, dem ehemaligen Kreuzgang, zweistöckig umfassen die Arkaden die palmenbestandene Mitte, drehen schlecht geölte Ventilatoren sich, ein unablässiges Quietschen von sich gebend. Heiß und stickig ist es in diesem Innenhof, fehlt ja die leichte Brise, die doch dann und wann vom Meer her weht und einem den Abend versüßt. Ein luxuriöses Hotel aber ist aus dem Kloster geworden. Die Sinfonie Nr. 103 von Haydn haben wir dort gespielt und das D-Dur Cellokonzert. Der Solist war Santiago Canon Valencia, ein erst 22-jähriger kolumbianischer Cellist.

Für uns boten die beiden letzten Tage der Reise nochmals angenehme Urlaubsgefühle, nach den sehr anstrengenden drei ersten: zwei Vormittage, die man geruhsam am Strande verbringen kann, sich in die Wellen werfen, Mangos essen, Buch lesen, die Palmen entlang schlendern, Kaffee trinken und was man eben so im Urlaub macht, vielen Dank.

Wir haben herrliche Werke gespielt, lesen Sie einfach nochmals oben nach, dann wird Ihnen auffallen, wie grandios unsere Programme waren; ich habe in diesen Tagen einen wesentlichen Unterschied bemerkt, oder bestätigt bekommen: hören Sie doch mal hintereinander etwa die Sinfonie 103 von Haydn und danach die g-moll Sinfonie von Mozart sich an. Spüren Sie es? also ich bemerke, dass Mozart mein Herz trifft, Haydn nicht, Haydn trifft nur meinen Verstand. Aber der zweite Satz von 103 ist doch wirklich hübsch! Das würde man von Mozarts Musik niemals sagen, die ist nicht hübsch, dieses Adjektiv würde seine Musik herabwürdigen. Ich mache es beispielsweise an der Behandlung des Fagotts fest: Haydn benutzt dieses Instrument zumeist in humoristischer Weise als Spaßmacher unter den Bläsern. Nicht so Mozart, niemals! im Gegenteil: achten Sie doch beim Anfang der Reprise im ersten Satz der g-moll Sinfonie auf das Fagott! Der Komponist schafft es, in diesem Moment zu aller dramatischen Tragik noch eine kleine menschliche Floskel einzubauen: sieben Töne und die Sinne schwinden einem.

Das war mal wieder – heute etwas tiefsinnig

Ihr Bernhard Jestl.

Elfter Eintrag, Donnerstag 11. Januar 2018

Liebe Freunde, als letzten Gruß aus Kolumbien der Blick aus meinem Hotelzimmer, aber nein, es gibt kein Bild, also erlauben Sie mir, Ihnen zum Abschluss noch den Blick zu beschreiben: geradeaus sehe ich ganz am Horizont ein schmales Stück Land, das ist die vorgelagerte Insel, auf die man mit den wackeren Bootfahrern übersetzen könnte, einen Tagesausflug machen! Billig! Weiße Strände, Palmen und noch alles mögliche gibt es dort. Diese Insel kann ich ganz hinten erkennen. Davor dehnt das Meer sich aus, blau, mal grün, dann wieder grau, anderntags mit länglichen Schaumkronen, oder auch eher glatt, das kommt auf die Lichtverhältnisse und das Wetter an. Kleine Boote voller Touristen fahren hinüber zur Insel, auch große Schiffe liegen scheinbar unbeweglich da, aber doch langsam unterwegs zum Hafen von Cartagena. Wenn ich den Blick nach links wende, fallen mir weit hinten paar Hafenanlagen auf, recken Kräne ihre dürren Knochenarme empor, bisschen dunstig, nicht genau zu sehen, was da vor sich geht. An der rechten Seite bremsen hohe Palmen meinen Blick, flattern aber die bereits erwähnten schwarzen, braunen und gelben langschnäbeligen Vögel durch das Geäst immer auf der Suche nach Essbarem. Im Vordergrund ein siebeneckiger Swimmingpool mit daran hängender Bar, sitzen Leute bis zum Bauch im Wasser auf Hockern und schlürfen ihre exotischen Drinks. Poolboys mit langen Stangen haben frühmorgens bereits den Boden des Schwimmbades geputzt, also glänzt alles blitzsauber hell bläulich. Rundherum unter einem länglichen Dach stehen Liegen – fast alle bereits belegt mit dunkelblauen Tüchern – es gibt also überall Handtuchreservierer, wie Sie sehen. Ich blicke hinunter auf das Treiben: Kinder rennen, planschen im seichten Becken voller bunter Bälle, Gäste auf der Suche nach der letzen freien Liege, Angestellte in olivgrünen Hemden bringen Getränke und Snacks, ja sogar Animation gibt es, zu diesem Zweck wird eine laute! Musik abgespielt, versucht ein hektischer durchtrainierter Mensch mit Trillerpfeife die schlappen Körper im Schwimmbecken zum Hopsen zu bringen. Dann und wann schlendert ein Orchestermitglied vorbei, aber die haben ja keine Zeit! müssen üben. – Mehr, liebe Freunde, gibt’s wirklich nicht zu sehen aus meinem Fenster.

So, das war’s, jetzt kommt nichts mehr.

Bis bald im Prinzregententheater, herzlich Ihr

Bernhard Jestl.

ICMA Auszeichnung und GRAMMY Nominierungen für Tigran Mansurian ›Requiem‹

Unsere aktuellste Aufnahme bei ECM Records wurde in der Kategorie ›best contemporary audio recording‹ mit einem ›international contemporary classical music award‹ (›ICMA‹) ausgezeichnet. Außerdem wurde die CD für drei GRAMMYs nominiert. Die Einspielung des Requiems des armenischen Komponisten Tigran Mansurian mit Alexander Liebreich und dem RIAS-Kammerchor ist im März erschienen.

Tigran Mansurians ›Requiem‹ erinnert an die Opfer des Völkermordes, der von 1915 bis 1971 im damaligen Osmanischen Reich an den Armeniern verübt wurde. In bewegender Weise führt Mansurian die musikalische Tradition seines Landes, ihre Klangfarben und Stimmungen, mit dem lateinischen Bibeltext zusammen und erfüllt seine Komposition mit dem ›leuchtenden Glanz der armenischen modalen Musik‹, wie Paul Griffiths es in seinem Essay formuliert. Für Mansurian, der als bedeutendster Komponist Armeniens gilt und in dessen Musik, so die Los Angeles Times, ›ein tiefer kultureller Schmerz besänftigt wird durch wundersam sitlle, herzzerreißende Schönheit‹, bedeutet das Requiem einen Meilenstein.
Das Requiem entstand im Auftrag des MKO und des RIAS-Kammerchors und wurde im Januar 2016 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem mit Manfred Eicher als Produzent aufgenommen.

Weitere Informationen bei ECM Records

BLOG: ON TOUR IN RUSSLAND

Vom 7. bis 11. Oktober 2017 ist das MKO auf Tournee in Russland

mit drei Konzerten in Perm, Jekaterinburg und Tjumen.

 

Aus Russland berichtet wieder Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO,

und hält Sie täglich auf dem Laufenden über die Konzerte,

die kleinen, kulturellen Unterschiede und natürlich das leckere Essen!

Nachtrag, 12. Oktober 2017

Liebe Freunde,

zum Abschluss vielleicht noch die Ausblicke aus meinen Hotelzimmern? Interessiert Sie das? Also hier folgen Perm, Jekaterinburg und meine Lieblings-Zimmeraussicht, Tjumen:

So, das war’s, es kommt nichts mehr.

Fünfter Eintrag: Mittwoch, 11. Oktober 2017

Liebe Freunde,

schon bald zu Ende unsere kurze Reise nach Russland, drei Konzerte nur, schade eigentlich, es hätte noch weitergehen können nach meinem Geschmack. Das Publikum hat uns sehr freundlich aufgenommen, aufgestanden zum Applaus, das ist nicht immer so, versicherte man uns, rhythmisches Klatschen ja, aber Aufstehen, das gibt es nicht immer, wir also sehr zufrieden – die Aufführung hat uns tief berührt – sagte eine Dame zu uns an der Ampel, als wir zu Fuß zurück zum Hotel wanderten, alle sehr froh gewesen, uns zu sehen, gingen noch eine Zeitlang neben uns her. Die Säle waren unterschiedlich, Tjumen bisschen dumpf, dicker Vorhang hinter den Bläsern, mussten sie sehr deutlich und nicht zu leise spielen, Jekaterinburg dagegen bisschen grell, sollten die Bläser sich zugunsten der Streicher zurückhalten, naja, deswegen macht man eine Anspielprobe. Noch sitzen wir im Hotel und warten auf den Transfer zum Flughafen von Tjumen, um dann über Moskau wieder nach München zu reisen, wo auf uns bald die Proben für unser erstes Abonnementkonzert nächste Woche warten: Xenakis, Widmann und Schubert stehen dort auf dem Programm, wir freuen uns schon, Sie alle dort begrüßen zu können.

Also, Tjumen: überraschend viele kleine Holzhäuschen im Zentrum der Stadt, sehr alt, klein, nur Erdgeschoß normalerweise, selten eine erste Etage, braunes Holz, hellblaue oder auch hellgrüne Fensterläden, oder auch einfache bunte Umrandungen um die Fenster, die teilweise merkwürdig tief auf Straßenebene, also auf Fußhöhe angebracht sind, die Menschen, die dort wohnen, schauen uns direkt auf die Schuhe. Kleine Viertel von solchen Häusern umgeben von einem Zaun oder einer Wand zuweilen sind von einer sehr hohen modernen Fußgängerbrücke, welche den Fluss überspannt, zu sehen. Im Gärtchen, Obst und Gemüse werden wahrscheinlich dort gezogen, sind Frauen mit der Harke zugange und gießen die Pflänzchen. Sie meinen, das sei jetzt klischeehaft und übertrieben, ganz und gar nicht: bin ich ja lange an solchen Anlagen entlang gegangen. Dazwischen immer wieder die früher bereits erwähnten blank geputzten Kuppeln, ich glaube, jemand klettert zweimal täglich mit dem Lappen hinauf, um die goldenen Preziosen zu wienern, so glänzen sie in der Sonne.

Also, das war das Ende, jetzt Security, warten, fliegen, warten, Passkontrolle, Zollkontrolle, stehen, warten, Security, sitzen, fliegen, warten, Koffer, Busfahrt nach Hause.

Herzlich, Ihr

Bernhard Jestl

Vierter Eintrag: Dienstag, 10. Oktober 2017

Liebe Freunde,

tja, die schöne Autobahn auf unserem Weg nach Tjumen ist bereits nach 35 km zu Ende, nun orientiert das Tempo sich wieder am Langsamsten, das ist der LKW vor uns. Leider hat unser Bus nicht die Kapazitäten, behende vorbei zu ziehen, nein, mit fünf km/h Unterschied müsste er versuchen zu überholen. Zwar geradeaus geht es allemal, aber doch nicht wenig Verkehr vereitelt immer wieder unser Vorhaben: tröstlich ist, dass auch der BMW direkt vor uns kein Überholmanöver wagt. Also schleichen wir mit sechzig durch die Landschaft. Der BMW hat’s geschafft! jetzt sind wir die Nächsten. Die Landschaft! es gibt sehr viel Landschaft: eine platte Ebene breitet sich ringsum aus, trockene gelbgrüne Gräser, ewige herbstliche Birkenwälder – tausende schmale weiße Stämme tragen spärliches gelbes Laub – dazwischen dampfende Äcker, Felder, Wiesen, alles gelblich, hell- und dunkelbraun. Schmale hölzerne Stromleitungsmasten säumen die Straße und führen uns zum nächsten Ort, kleine Holzhäuser, eine kleine Kirche mit Goldkuppel, KOFE, PECTOPAH, Produkti, sehr pittoresk, jawohl. Die Landschaft bisweilen wie im Allgäu, aber anders. Über allem ein blitzblauer Himmel, keine Wolke, da! wir haben den Schleicher überholt und schon der nächste Zementmischer vor uns, aber die Straße ist gut, kaum Baustellen, nur dann und wann eine wahnwitzige Querrille, auch unser Fahrer überrascht, hopp! – arme Stoßdämpfer.

Fünf Stunden später hat unsere Rumpel-Landstraße in eine Rumpel-Autobahn sich verwandelt, also donnern wir jetzt im Eiltempo der Stadt Tjumen entgegen. Immer noch gleißendes Sonnenlicht, schlanke Birken, dunkelschwarze Äcker und gräuliche Lastkraftwagen: freilich rattern sie rechts von uns dahin – wir sind jetzt schnell!

Heute Abend spielen wir nochmals Haydn, Stravinsky und Mendelssohn, sind schon am Konzertsaal vorbei gefahren und Plakat gelesen, jetzt essen, schlafen, oder so……

Dritter Eintrag: Montag, 9. Oktober 2017

Liebe Freunde,

wir haben Perm um halb acht Uhr verlassen: eine neblige Holperfahrt durch elende Industriegebiete, uralte Anlagen, Blech, Ziegel, Eisen, Beton soweit das Auge reicht, viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit stehen und warten, ob sie der bis zum Dach von braunem Schmutz starrende Linienbus mitnimmt, sitzen stoisch hinter blind-schmutzig angelaufenen Scheiben. Aber dann lichtet allmählich der Nebel sich und die Stadt macht einer wunderbaren Landschaft Platz, Birkenwälder in der Sonne, die es endlich schafft, den Nebel zu durchdringen, über den Wiesen hält er sich freilich noch den ganzen Tag wahrscheinlich. Die Straße ist recht unterschiedlich beschaffen: bald verengt die Autobahn sich und wird zur schlechten Landstraße – selbst die wird noch gebaut – schleichen wir hinter graubraun verdreckten LKWs her. Der Bus ist recht angenehm und komfortabel, lässt unser Fahrer es sich nicht nehmen, zur Unterhaltung Musik anzuhören: romantische russische Schlager, russischer Hiphop, russischer Rap, russisch gecoverte Musik von alten Schinken, kennen Sie Boney M, macht nichts, Ohropax. Herrlich diese Farben der herbstlichen Bäume und Wiesen, hin und wieder eine Ortschaft, kleine Häuschen, oder aber Fabriken im Nebel, Schlote, aus welchen die Flammen empor lodern ganz hinten auf der anderen Seite des endlosen dunkelschwarz gefurchten Ackers. Dann wieder totaler Stillstand, einspurig die Straße aufgrund von Baustellen, warten wir auf Grün, da! kommt der Gegenverkehr, es geht weiter, langsam – langsam. So nähern wir allmählich uns der Stadt Jekaterinburg, wo wir abends recht früh um halb sieben unser Konzert spielen werden, nämlich Mendelssohn Hebriden, die Schottische Sinfonie, dazu noch Concert Romanesc von Ligeti und Kammersinfonie Nr. 1 von Isang Yun – ein eurasisches Programm also: koreanische, ungarische bzw. rumänische und deutsche Musik.

Jekaterinburg! Die Millionenstadt sendet uns eine Autobahn, die wir flugs benützen, und schnell nähern wir uns dem Zentrum. Übrigens ganz unspektakulär die Schwelle zwischen Europa und Asien: ein schlichter Drahtverhau, nein, ein Draht-Artefakt links der Autobahn zehn Kilometer vor der Stadt: hier beginnt Asien! ein kleiner goldener Drache aus Eisen mit weit aufgesperrtem Maule.

Zweiter Eintrag: Sonntag, 8. Oktober 2017

So, heute kommt unser erstes Konzert, also, es ist gerade erst elf Uhr morgens: extra spätes Frühstück für uns vorbereitet, sind wir doch gegen halb fünf Uhr früh im Hotel angekommen. Der Saal ist quasi in Rufnähe, vom Hotel aus zu sehen, sehr angenehm. Angenehm auch der nächtliche Flug von Moskau hierher mitsamt kurzer Busfahrt durch die dunkle schlafende Stadt.

Heute, am Sonntag, zeigt die Stadt sich von ihrer ruhigen Seite, kein Stau, wenig Menschen, halbleere blass-orangene Trambahnen rattern vor sich hin, aber der kurze Spaziergang durch die trübe Kälte hat sich gelohnt: wir sehen alt und neu, verfallen und aufgebaut, traditionell und modern, hässlich und schick, Holz und Beton. Kirchen blassblau oder lindgrün angemalt mit geputzten glänzenden Goldkuppeln; alle Banken geschlossen, geöffnet ist aber ein Supermarkt und ein paar kleine Läden: ›Produkti‹, wir kaufen ein – fünf Musiker, jeder trägt eine Flasche Wasser in der Hand auf dem Weg zurück zum Hotel Ural in der ul. Lenina 58.

Der Saal hatte seine Tücken: Eine laute Heizung, oder air condition, das konnte man schwer unterscheiden, auf jeden Fall wehte es kühl von rechts nach links über die Bühne, von den Geigen zu den Celli, von den Hörnern zu den Pauken, außerdem ein recht lautes Rauschen war zu hören, wir aber haben laut genug gespielt, das Geräusch zu übertönen. Während der Haydn Sinfonie ging plötzlich die Bühnenbeleuchtung aus, wir also im Dustern weitergespielt, nach zwei Minuten,wieder hell, naja macht nichts.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Schluss des Stückes ›Apollon Musagete‹ von Stravinsky richten: Nach der Geburt des Apollo, die ganz klar und rein erfolgt: sein Thema – punktiert und in sauberen Dreiklängen wird es präsentiert, ganz stolz in C-Dur schreitet es einher. Es folgen nun mehrere Tanzsätze, die die verschieden Musen symbolisieren, er tanzt mit allen mehr oder weniger unverbindlich, ein ganz zarter pas des deux und eine Coda schließen sich an, ganz Flitter und Tand, leicht und schnell. Jetzt aber nach der Coda schreibt Stravinsky noch eine Apotheose: dieser letzte Satz, ich gebe es gerne zu, treibt mir die Tränen in die Augen. Nicht C-Dur, sondern h-moll ist die Tonart, welche das Stück beschließt, auch das schreitende punktierte Motiv ist kein Dreiklang mehr, es hat sich verändert: auf eine Quinte aufwärts folgt eine große Septime abwärts, und eine große Terz nach oben. Dieses Motiv wird unablässig wiederholt, während die Musik langsam in h-moll sich einpendelt, Akzent auf jedem Ton, eine Grimasse, die sich festfrisst und schließlich entschwindet, so sehe ich das, wenn auch nicht unwidersprochen von Kollegen, aber, sehen Sie, so verschieden kann man dieselbe Musik empfinden.

So! Jetzt schlafen, denn morgen geht es früh los nach Yekaterinburg: der Weg ist weit und nicht ohne Hindernisse, haben wir gehört. Von Europa nach Asien, südlich am Ural vorbei in die Oblast Swerdlowsk.

Darauf freut sich schon Ihr

Bernhard Jestl.

Erster Eintrag: Samstag, 7. Oktober 2017

Liebe Freunde,

wir sitzen in Moskau am Flughafen und warten auf den Anschlussflug nach Perm, wo wir morgen ein Konzert spielen werden – also nochmals zweieinhalb Stunden Richtung Osten.

Was alles habe ich mit an Bescheinigungen: Wertbestätigungen für Geige und Bogen, Fotos der Violine von vorne, von hinten und von der Seite, ein Foto des Bogens, dazu noch eine ›Declaration of Materials‹. Man darf ja alles Mögliche nicht dabei haben: Elfenbein vom Elephas Maximus, oder auch vom Loxodonta africana, des weiteren Holz von Dalbergia nigra, Schildpatt von den Cheloniidae spp. Auch nichts von Cetacea spp., das sind Knochen, Zahnmatial, Walbarten (auch Fischbein genannt) – das alles kann beim Geigen- oder Bogenbau zum Einsatz kommen, ist aber mittlerweile geschütztes Material: Das ungefähr war Anhang A der Verordnung 338/97.

Wollen Sie noch Anhang B wissen? Da geht es um geschützte Reptilien wie Krokodil, Schlange, Eidechse oder Waran: auch die können im Bogenbau Verwendung finden. Zum Schluss noch Walross (Odobenus rosmarus) – gibt es vielleicht auch am Violinbogen. Man bräuchte eine CITES-Genehmigung (Convention of International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora), um mit solchen Instrumenten zu reisen.

Ich habe einen Bogen, der eine Genehmigung benötigte, hat er doch am Frosch eine Perlmutteinlage vom Silberfisch, das ist der Name einer geschützten mexikanischen Muschelart, was soll ich machen, zur Zeit des Bogenbaus war diese Muschel noch nicht so selten. Jetzt lasse ich diesen Bogen zu Hause, reise mit einem anderen, also innerhalb der EU könnte ich damit spielen, aber nicht in Russland.

Doch genug von Materialien, wir sind glücklich durch den Zoll gelangt, haben haufenweise Stempel in den Pass und auf unsere Unterlagen bekommen, blau und rot, dazu noch Unterschriften, Bemerkungen und Kringel in allen Größen um alle möglichen Mitteilungen von verschiedenen Mitarbeitern auf den Dokumenten: muss man ja nachweisen können, dass man exakt mit den gleichen Instrumenten das Land verlassen wird. Jetzt freuen wir uns schon auf das erste Konzert: Haydn Sinfonie Nr. 102, Stravinsky ›Apollon Musagete‹ und die ›Schottische Sinfonie‹ von Mendelssohn – morgen in Perm, ich werde Ihnen bald davon berichten. Aber jetzt erstmal nach Perm fliegen.

Bis dahin herzliche Grüße von Bernhard Jestl.

ERSTER MKO-WANDERTAG

Gemeinsam mit unserern Freunden und Förderern sowie Abonnenten möchten wir dem Saisonthema ›Wandern‹ folgen und eine Herbstwanderung am schönen Schliersee unternehmen. Am Sonntag, den 22. Oktober 2017, findet unser erster MKO-Wandertag statt, zu dem wir Sie herzlich einladen.


Zusammen mit Clemens Schuldt und Musikern des MKO geht es vom MKO-Probenraum in der Amalienstraße aus mit dem Bus an den Schliersee. In der Kapelle St. Georg am Weinberg gibt ein kleines Konzert den musikalischen Auftakt des Tages. Im Anschluss laufen oder fahren wir gemeinsam zur Talstation der Seilbahn, die uns zur Schliersbergalm in 1061 m Höhe bringt. Optional können Sie natürlich auch gern einen der Wanderwege zur Schliersbergalm nutzen, weitere Informationen zu allen möglichen Touren und Spazierwegen finden Sie am besten direkt auf der Website der Schliersbergalm.

Ausblick von der Schliersbergalm

Von dort aus gibt es die Möglichkeit, Wanderungen verschiedener Dauer und Schwierigkeitsgrade zu unternehmen – vom einstündigen Spaziergang auf den Schliersberggipfel über die eineinhalbstündige Tour nach Zielmoos bis zur zweistündigen Wanderung zum Taferlmoos und zurück. Wer nicht gut zu Fuß ist, kann von der Alm aus den Ausblick über den Schliersee genießen. Nach den Wanderungen versammeln wir uns alle in der Almhütte, wo wir uns vor der Rückfahrt stärken können.

Für weitere Informationen und die Anmeldemodalitäten schreiben Sie uns bitte unter: h.schwenkglenks@m-k-o.eu.

SAISON 2017/18 IN APPLAUS KULTURMAGAZIN

Die Titelstory in der Septemberausgabe von APPLAUS ist die zweite Saison von Clemens Schuldt mit dem Münchener Kammerorchester:

»Als er jung war , fuhren die Eltern mit ihm immer von Bremen aus zum Wandern. ›Ob in die Schweizer Berge, Schwarzwald, Österreich, Mittenwald: Jedes Jahr ging es woanders hin; bis ich dann in die Phase der Ablehnung rutschte‹, gesteht Clemens Schuldt. Kein Wunder, dass er erst jetzt, nah den Alpen in München wohnend, wieder in die Berge geht (›freiwillig‹) und sich mit neuen Wanderschuhen (›das war schon symbolisch‹) von Gipfel zu Gipfel steigert. Natürlich ist der Chef auch dabei, wenn es zu Spielzeitbeginn am 22. Oktober eine musikalische Herbstwanderung mit Freunden, Förderern und Abonnenten geben wird.«

Den ganzen Artikel mit mehr Informationen zu Clemens Schuldt und dem Programm der Saison 2017/18 ›Wandern‹ des MKO aus der Septemberausgabe von APPLAUS können Sie hier (als pdf) nachlesen.



NEUE ORCHESTERMITGLIEDER AB DER SAISON 2017/18

Mit Beginn der Saison 2017/18 begrüßen wir drei neue Mitglieder im Münchener Kammerorchester, die die Probespiele in den letzten Monaten gewonnen haben:

Yuki Kasai übernimmt die vakante Konzertmeisterstelle. Sie leitet u.a. das zweite Abonnementkonzert am 23. November 2017 im Prinzregententheater mit Werken von Janáček
, Haydn, Tüür und Mozart.

Viktor Stenhjem ist ab sofort Mitglied der Violinen. Der junge norwegische Geiger spielt zum ersten Mal mit dem MKO beim ARD-Musikwettbewerb im September.

Und der in Kapstadt geborene Xandi van Dijk ist neuer Stimmführer der Bratschen, sein erstes Konzert diese Saison mit dem MKO ist der Auftritt auf der Oiden Wiesn am 30. September 2017.

Wir gratulieren zu den gewonnenen Probespielen und freuen uns auf die ersten Konzerte mit unseren neuen Orchestermitgliedern!

SAISON 2017/18 – ›WANDERN‹

›Wandern‹ ist das Motto des Münchener Kammerorchesters für die Konzertsaison 2017/18. ›Kaum ein anderer Begriff eröffnet einen so weiten Assoziationsraum für eine neue Saison‹,  so Chefdirigent Clemens Schuldt im Grußwort zur neuen Saison. ›Die Thematik hat viele Spuren in der Musik hinterlassen, und das nicht nur in der Romantik, wo der einsame Wanderer zur Ikone einer Generation wird … Dabei ist Wandern nicht durchweg positiv belegt; es hat auch mit Abschied zu tun, mit Ermüdung, Erschöpfung, Sehnsüchten, dem Wunsch, dem Alltag zu entfliehen oder dem Verlust der Heimat.‹
All diesen verschiedenen Aspekten spürt das MKO in seiner neuen Saison nach.

Es ist die zweite Saison mit Clemens Schuldt als Chefdirigent, und er wird diesmal nicht nur 4 Abonnementkonzerte im Prinzregententheater dirigieren, sondern auch die Leitung aller drei Nachtmusiken in der Pinakothek der Moderne, eines MKO Songbook, des Kinderkonzerts ›Peterchens Mondfahrt‹ und des neuen Projekts ›MKO trifft Whitebox‹  übernehmen.

Mit John Storg
årds, auch in der Saison 2017/18 Artistic Partner, bringt das MKO den saisonübergreifenden, sehr erfolgreichen Haydn-Ligeti-Zyklus zum Abschluss.

Wir freuen uns, auf eine spannende Saison voller neuer Herausforderungen, Uraufführungen und Reisen!

Weitere Informationen hier und Download des neuen Saisonprogramms hier


BLOG: ON TOUR IN SÜDAMERIKA

Vom 22. April bis 1. Mai 2017 ist das MKO auf Tournee in Südamerika

mit fünf Konzerten in Buenos Aires, Montevideo und Lima.

 

Aus Südamerika berichtet Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO,

und hält Sie täglich auf dem Laufenden über die Konzerte,

die kleinen Unterschiede zwischen Südamerikanern und Europäern

und natürlich das leckere Essen!

Zehnter Eintrag: Sonntag, 30. April 2017

Liebe Freunde,

jetzt endlich der Bericht über unser zweites Konzert in Buenos Aires. Wie Sie wissen, hat sich unsere Reise am heutigen Tag etwas hindernisreich gestaltet, aber vergessen alle unangenehmen Vorkommnisse, wir spielen jetzt! Und keiner im Publikum weiß, was wir tagsüber gemacht haben, keiner soll es wissen. 

Manchmal entsteht gerade unter widrigen Umständen etwas Schönes, man rückt zusammen, die Ohren und Augen sind weit, wir sind uns nahe, mag sein, dass wir uns noch besser als sonst verstehen. Die Mozart-Sinfonie, gar nicht mehr geprobt seit vorgestern, läuft wie geschmiert, bisschen routiniert vielleicht? aber nein! und wenn doch: seinen Sie uns nicht gram, wir sind froh, dass es gut läuft. Respekt: Veronika Eberle hat ja unsere Reise (Bus – Warten – Bus – Warten – Schiff – Bus) mitgemacht; nicht leicht sich dann hinzustellen vor 2000 Leuten und Mozart zu spielen! Brava! ein Mensch in der ersten Reihe wird nicht müde, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, brava! Bravi! Ein netter Mensch, muss ich sagen, sehr sympathisch.

Nach der Pause dann Kreisler jetzt alle drei: Schön Rosmarin, Liebesleid, Liebesfreud in einer Fassung für Solovioline und Streichorchester, und danach die fünfte Sinfonie von Schubert, ganz österreichisch der zweite Teil also. Eine Flötistin mehr als 20000 km zu schicken, um eine Sinfonie zu spielen? Wir haben’s getan, und sie hatte nichts dagegen, ist froh, hier zu sein. Und wenn wir uns auf den Weg nach Lima machen, sitzt sie bereits wieder in der Maschine nach Frankfurt.

Das war Bernhard Jestl aus Buenos Aires, ach ja: ich gehe jetzt essen; wird wohl ein Steak werden. Wenn man schon mal hier ist…..

Liebe Freunde,

gerade komme ich von einer cevicheria, soviel zum Essen, und jetzt muss ich etwas üben: wir haben ja demnächst zu tun. Bald fahren wir nach Berlin, wo wir mit dem RIAS Kammerchor auftreten, Pärt und Beethoven wird es geben, und danach unser Abonnement-Konzert in München mit Copland, Reich und Schönberg. Das sind alles schwierige Werke, die vorbereitet werden müssen, deshalb nutze ich den letzten freien Nachmittaoig dafür.

In unserem zweiten Lima-Konzert spielen wir Mozart 201, das A-Dur Violinkonzert, die drei Stücke von Kreisler und nochmals die Abschiedssinfonie. Wieder im gleichen Saal wie gestern, dem Colegio Santa Ursula.

Wir reisen übrigens nicht mit unserem eigenen Kontrabass, zu umständlich und zu teuer, das Instrument mitsamt flight case durch die Welt zu schicken, schleppen, schieben. Ich kenne allerdings eine Person, die sich nichts sehnlicher wünschen würde, als das. Es ist verdammt schwer, sich in jeder Stadt auf ein anderes Instrument einzustellen, auch differiert die Qualität der einzelnen Bässe gewaltig. Kennen Sie die Abschiedssinfonie? Da gibt’s nämlich ein Solo am Ende: bevor die Bassistin das Podium verlässt, spielt sie ein Solo, und wie unsere Bassistin diese Herausforderung erledigt hat, da fehlen mir die Worte.

Tatjana, wir lieben dich dafür, vielen Dank.

Neunter Eintrag: Samstag, 29. April 2017

Liebe Freunde, 

das erste Konzert in Lima haben wir hinter uns: Mozart Sinfonie A-Dur, Violinkonzert D-Dur, Fennessy, Reger, Haydn Abschiedssinfonie, Sie kennen ja inzwischen unser Programm genau so gut wie wir, neun Stücke immer wieder anders zusammen gesetzt.

David Fennessy hat das Stück „Hirta Rounds“ vor zwei Jahren für uns komponiert, haben wir dann auch im Prinzregententheater uraufgeführt und später noch einige Male gespielt. Hirta, eine nicht von Menschen bewohnte Insel ist Namensgeberin für das Werk, also es leben unzählige Seevögel dort, das hört man auch in der Komposition: Hirta, eine schottische Insel über Bayern nach Peru gebracht, das ist doch schön, ja, finde ich auch.

Die Abschiedsinfonie kommt immer gut an; es gibt ja Menschen, die behaupten, die Tonart fis-moll und später Fis-Dur sei von Haydn mit Bedacht gewählt, damit es möglichst unsauber klinge, das wage ich zu bezweifeln, wir jedenfalls geben uns alle Mühe, diesen Verdacht nicht aufkommen zu lassen und haben die schwierigsten Stellen nochmals extra langsam geprobt. Das Publikum froh und lächelte zufrieden, als der zweite Hornist und die erste Oboistin aufstanden, die Bühne zu verlassen, denn die beiden beginnen den Hinausmarsch.

Ihr Bernhard Jestl

Achter Eintrag: Freitag, 28. April 2017

Liebe Freunde,

angekommen in Lima!
Lima morgens um neun, noch ziemlich trüb und wärmlich, es soll aber aufheitern, sagt der Wetterbericht, wie? Drei Grad Celsius in München, das finde ich nicht okay. 

Unsere Reise hierher war recht anstrengend, am Ende doch neuneinhalb Stunden unterwegs einmal quer über den Kontinent und noch Richtung Norden, sehr unruhig dieser Flug, sehr unruhig.

Jetzt aber frei bis 18 Uhr, wir brauchen nur noch eine Anspielprobe zu machen, das ist komfortabel. Also was tun? Pazifikküste oder Altstadt, habe ich gehört, ich kenne beides schon, wirklich herrlich die Altstadt, kann ich mich erinnern, und eindrucksvoll das Meer, also nicht am Meer die Altstadt, da liegen einige Kilometer dazwischen, muss man Taxi fahren, aber Vorsicht, welches Taxi, am besten, man lässt sich vom Hotel eins rufen – mit einem Wort: ich bleibe in der Gegend. Üben ,Schlafen, Lesen, Ausruhen, Essen, das ist alles.

Ihr Bernhard Jestl

Siebter Eintrag: Donnerstag, 27. April 2017

Liebe Freunde,

jetzt endlich der Bericht über unser zweites Konzert in Buenos Aires. Wie Sie wissen, hat sich unsere Reise am heutigen Tag etwas hindernisreich gestaltet, aber vergessen alle unangenehmen Vorkommnisse, wir spielen jetzt! Und keiner im Publikum weiß, was wir tagsüber gemacht haben, keiner soll es wissen. 

Manchmal entsteht gerade unter widrigen Umständen etwas Schönes, man rückt zusammen, die Ohren und Augen sind weit, wir sind uns nahe, mag sein, dass wir uns noch besser als sonst verstehen. Die Mozart-Sinfonie, gar nicht mehr geprobt seit vorgestern, läuft wie geschmiert, bisschen routiniert vielleicht? aber nein! und wenn doch: seinen Sie uns nicht gram, wir sind froh, dass es gut läuft. Respekt: Veronika Eberle hat ja unsere Reise (Bus – Warten – Bus – Warten – Schiff – Bus) mitgemacht; nicht leicht sich dann hinzustellen vor 2000 Leuten und Mozart zu spielen! Brava! ein Mensch in der ersten Reihe wird nicht müde, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, brava! Bravi! Ein netter Mensch, muss ich sagen, sehr sympathisch.

Nach der Pause dann Kreisler jetzt alle drei: Schön Rosmarin, Liebesleid, Liebesfreud in einer Fassung für Solovioline und Streichorchester, und danach die fünfte Sinfonie von Schubert, ganz österreichisch der zweite Teil also. Eine Flötistin mehr als 20000 km zu schicken, um eine Sinfonie zu spielen? Wir haben’s getan, und sie hatte nichts dagegen, ist froh, hier zu sein. Und wenn wir uns auf den Weg nach Lima machen, sitzt sie bereits wieder in der Maschine nach Frankfurt.

Das war Bernhard Jestl aus Buenos Aires, ach ja: ich gehe jetzt essen; wird wohl ein Steak werden. Wenn man schon mal hier ist…..

Sechster Eintrag: Mittwoch, 26. April 2017

Entschuldigen Sie, liebe Leser, dieser Reisebericht erfordert zwei Abteilungen, wo waren wir? Vorschnell habe ich Sie entlassen, in der Meinung, unser Schiff, welches wir seit zwei Stunden an der Mole stehen sahen, würde uns zügig ans Ziel bringen, au contraire! 16 Uhr Abfahrt steht auf dem Ticket, und Sie glauben es nicht – das Schiff fährt ohne uns, genau um vier. Mit einem Wort, es war das falsche; leer, wie es da gestanden hat, macht es sich davon.

Aber naht sich schon das nächste! kommt angebraust, steigen aus die Passagiere, steigen ein wir – zusammen mit dreihundert anderen Menschen – und los geht die Fahrt: eine Stunde Verspätung, 17 Uhr. Jetzt aber wirklich zügig überqueren wir den Rio de la Plata wunderbar im Abendlicht, dunkelblauer Himmel, niedrige Wolken, Sonne länglich auf dem Wasser – ein Traum.

Lassen Sie mich doch kurz den Blick aus dem Fenster genießen.——- Danke. 

Man hat uns netterweise in die Nähe des Ausgangs gesetzt, sinnlos! müssen wir doch auf unsere Koffer warten, wie am Flughafen. 18:25. Viel Verkehr um die Abendzeit in Buenos Aires, wie überall; wir stehen zunächst kurz im Stau, aber dann doch recht bald angekommen beim Teatro Colon;  (ins Hotel? viel zu spät) jetzt aber schnell, schnell hinauf auf die Bühne! auspacken schnell die Geigenkästen, 18:40 keinen Ton geübt heute und einmal ohne Wiederholungen durch die Fünfte Schubert. Auch die Solistin will natürlich paar Töne spielen, also nur vier Zeilen vom Mozart A-Dur Violinkonzert und einmal Kreisler Liebesleid.

Tja, die Stage Manager können uns leider nicht mehr Zeit geben, haben sie ja den Publikumseinlass für uns bereits um 15 Minuten verschoben, hören wir auch schon die Leute draußen im Foyer plaudern. 

19:35 Probe zuende und schnell, schnell umziehen, 25 Rollenkoffer hinter der Bühne, Bananen essen – ich habe gehört, ich solle über das leckere Essen berichten: jetzt also nehme ich zwei Bananen zu mir, und schon beginnt unser zweites Konzert in Buenos Aires.

Ihr Bernhard Jestl

Fünfter Eintrag: Mittwoch, 26. April 2017

Liebe Freunde,

der Sturm hat sich nicht gelegt: kein Schiff kann in den Hafen einfahren. Wir stehen bereits mit unseren Tickets beim Einchecken, warum eigentlich stehen wir da? weiß man doch bereits, dass das Schiff nicht abfahren wird. Also alle wieder heraus aus der Schlange, kriechen wir unter den Absperrungen durch, verhaken Geigenkästen sich am elastischen Band, aber das ist doch unwichtig! neue Ansage: mit dem nächsten Schiff, das möglicherweise um zwei fahren könnte, wenn das Wetter es erlaubt, würden wir unsere Probe um fünf im Teatro Colon nicht schaffen. Fliegen vielleicht? Oder ein anderes Boot von einer anderen Stelle? 

Wir warten, sitzen, lesen, trinken Kaffee, warme Sonne, kalter Wind. Ein Bus kommt um zwölf! heißt es, also eine Stunde warten sitzen lesen. Nein, der Bus kommt in fünf Minuten, umso besser! Warten sitzen lesen, der Bus kommt nach zwanzig Minuten, uns nach Colonia zu bringen, damit wir dort ein Schiff besteigen können auf unserem Weg nach Argentinien.

Nach einigen Unwägbarkeiten endlich kurz vor zwölf fährt der Bus nordwestwärts nach Colonia.

Riesiger Containerhafen, bräunlicher Fluss, armselige Häuser, holpriger Asphalt,  wedelnde Palmen, grüne Wiesen, Rinderherden, Pferde, schwere Lastwagen, plattes Land.

175 km später: Colonia! halb zwei, aber das Schiff legt erst um vier ab, also warten sitzen lesen und pünktlich! um 15.15 Passkontrolle und einchecken aufs Schiff.

Es geht los und ich melde mich wieder nach dem Konzert.

Ihr Bernhard Jestl

Vierter Eintrag: Dienstag, 25. April 2017

Liebe Freunde,

das Konzert im wunderschönen Montevideo ist zuende, und froh die Leute, ins Teatro Solis sich aufgemacht zu haben, wir sowieso. (Sie müssen zu unserer Rechnung übrigens noch 200 km dazu zählen: das ist etwa die Entfernung per Schiff zwischen Buenos Aires und Montevideo hin und zurück, das aber nur am Rande.)

Man sollte sich ein wenig auf die unterschiedliche Art und Weise, den Applaus zu gestalten, einstellen: schon im Teatro Colon plätscherte es spärlich, als wir die Bühne betraten, kaum zur Hälfte erschienen vor dem Vorhang unser Orchester, und bereits wieder still die Hände der Leute, dabei sind wir nur 26 Spieler! Das dauert nicht lange, bis wir auf der Bühne sind! Aber man soll nicht vorschnell urteilen: am Ende dann wollten sie gar nicht aufhören zu applaudieren. So auch im Teatro Solis in Montevideo. Wenig Klatschen zu Beginn, auch zwischen den einzelnen Werken nur einmal aufstehen und verbeugen, das alles hat nichts zu bedeuten, denn am Ende: Bravorufe.

Ausnahme: selbstverständlich nach dem Violinkonzert viel Applaus für unsere Solistin, bedankte sie sich mit Kreisler: Liebesfreud. Die kommt ja später nicht mehr, also klatschen wir jetzt! Vielen Dank! Das ist effektiv und spart Zeit. Und hernach ins Hotel geeilt im Sturmgebraus –  Regen und starker Wind vor meinem Fenster donnert laut! ums Gemäuer.

Das war aus Uruguay

Ihr Bernhard Jestl

Dritter Eintrag: Dienstag, 25. April 2017

Liebe Freunde,


der Weg nach Montevideo gestaltete sich folgendermaßen: aufstehen um halb sechs, hinunter zum Frühstück, ja, im Hotel Panamericano gibt’s schon ab sechs Uhr Frühstück, ganz regulär. Um halb sieben nämlich fährt uns ein Bus zum Schiff, das uns nach Uruguay bringen wird. Ein feines Schiff, ein sehr feines. So sauber und gepflegt, dass man weiße Überschuhe anziehen muss, wie im OP: die edle lindgrüne Auslegeware würde sonst leiden. Alles ist hermetisch abgeschlossen, die Fenster allerdings beschlagen, Schmutz oder Salz, man weiß es nicht. 

Wir überqueren den Rio de la Plata, 60 km breit an dieser Stelle, kurz bevor der Fluss in den Atlantik mündet. Ein gewaltiges Delta – tags zuvor konnte ich vom Dach des Panamericano die Küste Uruguays sehen; ganz hinten im Dunst. 

Die beiden Hauptstädte liegen nicht direkt gegenüber, wir fahren auch ein bisschen längs, nicht nur quer, das erklärt die etwas längere Reise von zweieinhalb Stunden.

Soweit für diesmal.


Herzlich, ihr Bernhard Jestl

Zweiter Eintrag: Montag, 24. April 2017

Das Teatro Colon! muss in einem Atemzuge mit Musikverein, Carnegie Hall oder Royal Albert Hall genannt werden – oder auch mit Scala, Wiener Staatsoper und der Met. Hat man je solch ein Haus gesehen? Ein Gang durch den leeren Zuschauerraum lässt träumen: weiche Teppiche, roter Samt, sanftes Licht von unzähligen Lampen schaffen eine unvergessliche Atmosphäre. Logen, Sitze – alles von gediegener feinster Qualität – was haben diese Sitze nicht schon alles gehört!

Und hinter Bühne: auch die Stage Manager sind selbstbewusst und sicher, arbeiten sie doch in einem der berühmtesten Häuser. Huldvoll öffnen sie uns den Vorhang, durch welchen wir die Bühne betreten, halten den schweren Stoff am massiven Griff aus Leder. 

Was für ein Glück, denke ich während des Spielens, was für ein Glück, 24041 km reisen zu dürfen, um hier aufzutreten. Ja, manche im Publikum kennen uns – vielleicht aus dem Radio, von einer CD, haben uns gesehen auf YouTube, gehört in Spotify – Humbug!!! das ist das Teatro Colon. 

Wir spielen mit Veronika Eberle das D-Dur Violinkonzert von Mozart, außerdem die Sinfonie in B KV 319, ein Stück von David Fennessy, das Lyrisches Andante von Reger und am Ende die Abschieds-Sinfonie von Haydn: hinaus marschiert durch den Vorhang – jedesmal geöffnet von kundigen Händen.

Herzlich, ihr Bernhard Jestl. 

Erster Eintrag: Sonntag, 23. April 2017

Fotos: Sarah Louvion

Liebe Freunde,

soll man 24041 km fliegen, um 5 Konzerte zu spielen? Ja, soll man. Gut, auf der anderen Seite: In München fahre ich für 5 Konzerte zusammen nur 51 km mit dem Fahrrad, das sind 23990 km weniger. Doch von Anfang an:

Am Samstag, den 22. April fahre ich mit der Straßenbahn zu unserem Proberaum in der Amalienstraße, wo bald 25 Koffer sich türmen, denn proben wir vor dem Abflug nochmals zweieinhalb Stunden einen Teil unseres Programms. Später dann mit dem Bus nach MUC, mit dem Flugzeug nach MAD und mit einem anderen nach EZE (Buenos Aires Ezeiza). Jetzt wieder mit einem Bus zu unserem Hotel, mit dem Fahrstuhl empor und: fast genau auf die Minute 25 Stunden nach meiner Trambahnfahrt in München betrete ich das Zimmer im Hotel Panamericano. Sie werden es nicht glauben: exakt das gleiche Zimmer wie vor zwei Jahren, aber das ist unwesentlich.

Wesentlich ist die grandiose Stadt, in der wir uns befinden, und das Teatro Colon, in welchem wir zwei Konzerte spielen werden, gleich gegenüber. Wir müssen nur die Av. 9 de Julio überqueren, und schon sind wir da.

Aber lassen Sie mich zuerst einen Tag ausruhen, ich gehe frühstücken – es ist erst neun Uhr früh – dann etwas spazieren zur Plaza de Mayo und nach San Telmo, auch noch paar Töne im Hotel üben – nein, diese Aussicht aus dem Schwimmbad in der 20. Etage! Und am Montag ist unser erstes Konzert, von welchem ich bald berichten werde. Bis dahin müssen Sie sich bitte gedulden, wir sind hier ja auch noch fünf Stunden später dran.

Herzlich, ihr Bernhard Jestl. 

Trailer: Antrittskonzert Clemens Schuldt

Mit dem 1. Abonnementkonzert der Saison 2016/17, die unter dem Motto ›Reformation‹ steht, trat Clemens Schuldt am 13. Oktober 2016 sein Amt als neuer Chefdirigent des MKO an.

Der Trailer, gefilmt von Benedikt Schulte (Lichtbilder Filmproduktionen), gewährt Einblicke in den spannenden Probenprozess des Konzertprogramms aus Bachs Orchestersuite Nr. 4 BWV 1069, der Uraufführung von Clara Iannottas ›dead wasps in the jam-jar (ii)‹ und Beethovens Symphonie Nr. 3 op. 55 ›Eroica‹. In Gesprächen mit Clemens Schuldt und Orchestermusikern wird nochmal deutlich, wie sehr sich beide Seiten auf diese neue Ära freuen!

Anri Sala: ›The Last Resort‹

Nach dem Projekt ›The Present Time‹ für das Münchener Haus der Kunst im Jahr 2014, gibt es jetzt eine neue Zusammenarbeit des MKO mit dem albanischen Videokünstler Anri Sala. Im November hat das MKO in den Bavaria Studios zusammen mit der jungen belgischen Klarinettistin Annelien van Wauwe Salas neues Projekt ›The Last Resort‹ eingespielt. ›The Last Resort‹ nimmt Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 mit auf eine klangliche Reise nach Australien. Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert entstand kurz vor dessen Tod 1791, eine Zeit, in der sich die Ereignisse überschlugen: das neue Gedankengut der Aufklärung stand in deutlichem Gegensatz zum Kolonialismus und der Errichtung mehrerer britischer Sträflingskolonien in Australien.

Anri Sala lässt in seinem neuen Projekt ein zentrales Werk der abendländischen Musikgeschichte mit der Kultur der indigenen australischen Bevölkerung verschmelzen. Das aufgenommene Konzert mit Annelien van Wauwe wird in Einzelstimmen zerlegt, deren tiefe Frequenzen durch von der Decke hängende Trommeln verfremdet werden – Mozarts Musik trifft so direkt auf die Musik der Aborigines.

Die Installation ›The Last Resort‹ wird nächstes Jahr in Sydney in einem Pavillon auf dem Observatory Hill zu erleben sein.  Weitere Infos u.a. zur Eröffnung der Installation in Sydney folgen in Kürze!

Zum Projekt ›The Present Time‹ im Haus der Kunst 2014 weiter lesen

On Tour: In Taiwan und China im Herbst 2016

Gemeinsam mit der Star-Klarinettistin Sabine Meyer und Reiner Wehle (Bassethorn) gastierte das Münchener Kammerorchester vom 31. Oktober bis 6. November mit einem Mozart- und Mendelssohn-Programm in Taiwan und China. Fünf Konzerten an sieben Tagen in unterschiedlichen Städten stellten das Ensemble nicht nur vor die Herausforderungen von engen Reiseplänen und akustisch unterschiedlichen Konzertsälen: wechselhafte Wetterbedingungen von 3 Grad und Schneeregen bis zu 30 Grad und Sommer, hierzulande unbekannte Verzögerungen wie eine 4-stündige-Flugverspätung wegen Smog und das wiederkehrende Problem des Transports von Instrumenten mussten gemeistert werden. Zum Ausgleich erlebte das MKO in jeder Stadt aufs Neue beeindruckende Konzerthallen und Kulturzentren sowie Konzerte vor ausverkauften Häusern und begeistertem Publikum.

Die Stationen der Tournee: 
31. Oktober: National Concert Hall Taipei
2. November: Wuhan Qintai Grand Theatre Concert Hall
4. November: National Centre for the Performing Arts Peking
5. November: Shenzhen Concert Hall
6. November: Xinghai Concert Hall Guangzhou

Wir freuen uns schon auf unsere nächste Tournee nach Südamerika im April 2017!

BMW Clubkonzert am 15. Oktober im Harry Klein


Auch in der Saison 2015-16 werden die ›BMW Clubkonzerte‹ fortgeführt. Erstmals wagte das MKO 2012 den Schritt in die Club-Szene: im renommierten Club ›Harry Klein‹ traf ein Kammermusikensemble des MKO  auf ein höchst aufmerksames jugendliches Publikum. Über die Jahre folgten weitere Auftritte im ›Bob Beaman‹ und erneut im ›Harry Klein‹ und es zeigte sich: Musik in entspannter und kommunikativer Atmosphäre erreicht sowohl Clubgäste als auch etablierte Konzertbesucher. Unter dem Titel ›BMW Clubkonzerte – zwei Orchester, zwei Clubs, zwei Abende‹ wird diese Tradition nun in Zusammenarbeit der Clubs mit dem Münchener Kammerorchester und den Münchner Philharmonikern fortgeführt. 

Das erste ›BMW Clubkonzert‹ der Saison 2015-16 fand am 15. Oktober im ›Harry Klein‹ statt. Wo normalerweise getanzt wird, erklangen Erwin Schulhoffs ›Fünf Stücke für Streichquartett‹ und Bryce Dessners ›Aheym‹ für Streichquartett mit Mario Korunic und Andrea Schumacher (Violine), Nancy Sullivan (Viola) und Bridget MacRae (Violoncello) vom MKO. Die Schlagzeuger der Münchener Philharmoniker, Sebastian Förschl, Stefan Gagelmann, Jörg Hannabach und Michael Leopold, spielten Giovanni Sollimas ›Millennium Bag‹, Steve Reichs ›Drumming‹ (Part I) und ›Music for Pieces of Wood‹.

 

Nächster Termin: 18. März 2016 im Bob Beaman

Mit freundlicher Unterstützung von BMW.

Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Clemens Schuldt

Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten des MKO: Pauken und Trompeten in stattlicher Zahl müssen da schon sein. Und natürlich ist Bach gesetzt zum Auftakt einer ›Reformations‹-Saison. ›Bei einer andächtigen musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart‹, hat der Thomas-Kantor in seiner Bibel notiert. Für ihn galt das auch für weltliche Musik – so hat er Teile der grandiosen vierten Orchestersuite später in einer Weihnachtskantate wieder verwendet. Wenn es je eine Komposition gab, die der Instrumentalmusik völliges Neuland eröffnete, dann die Eroica, das erste veritable Ideenkunstwerk der Gattung Symphonie. Nichts Heroisches, sondern das bewusstseinshelle, skrupulöse Ergründen musikalischer Essenzialien zeichnet dagegen die Arbeiten von Clara Iannotta aus. Die Italienerin ist Preisträgerin der musica femina.

Donnerstag, 13.10.2016, 20 Uhr
Prinzregententheater

JOHANN SEBASTIAN BACH Bach Ouvertüre Nr. 4 D-Dur BWV 1069
CLARA IANNOTTA »dead wasps in the jam-jar (ii)«
Auftragswerk des musica femina münchen e.V. für das MKO – URAUFFÜHRUNG
***
LUDWIG VAN BEETHOVEN Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 ›Eroica‹

19.10 Uhr Konzerteinführung mit Oswald Beaujean und Clemens Schuldt.
Mit freundlicher Unterstützung des Freundeskreises des MKO.

Das Konzert wird mitgeschnitten und am 20.Oktober ab 20:03 Uhr im Programm BR-Klassik gesendet.
Der Kompositionsauftrag an Clara Iannotta erfolgt im Rahmen einer Zusammenarbeit des MKO mit dem musica femina münchen e.V.

Pressestimmen:
»Der Dirigent hat die Münchner sofort für sich eingenommen« R. Brembeck, Süddeutsche Zeitung
»Die Beethoven-Aufführungen des Münchener Kammerorchesters hatten schon immer eine eigene Qualität. Diese energiegeladene, klare, präzise und zugleich risikofreudige Aufführung wird noch lange im Gedächtnis bleiben.« R. Braunmüller, Abendzeitung

ECHO Klassik 2016 für François Leleux und das MKO

François Leleux und das Münchener Kammerorchester werden mit einem Echo Klassik 2016 ausgezeichnet. Die gemeinsame Aufnahme der ›Prince Esterházy Concertos‹ bei Sony Classical mit Werken von Haydn und Hummel gewinnt den renommierten Preis in der Kategorie ›Konzerteinspielung des Jahres (Musik bis inkl. 18 Jh.)‹. Schon auf der 2012 beim gleichen Label erschienenen CD ›Charme der Oboe‹ mit Werken von Cimarosa, Bellini, Vivaldi u.a. wurde der französische Ausnahmesolist von den Musikern des Kammerorchesters rund um Konzertmeister Daniel Giglberger begleitet.

Seinen ersten ECHO erhielt das MKO 2012 für die Einspielung des Fauré-Requiems mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks, die in der Kategorie ›Chor/Ensemblemusik 18./19. Jahrhundert‹ prämiert wurde.

Die diesjährige ECHO-Preisverleihung findet am 9. Oktober im Konzerthaus Berlin statt und wird am gleichen Abend von 22.00 Uhr an vom ZDF übertragen.

In München werden François Leleux und das Münchener Kammerorchester am 27. September 2016 bei einem Konzert im Rahmen des Festivals ›Bartók for Europe‹ in der Allerheiligen Hofkirche zu erleben sein. Weitere Kooperationen sind bereits vereinbart.

NACHTMUSIK DER MODERNE 15|16

Komponistenporträt Andrzej Panufnik

Samstag, 25.6.16 | 22.00 Uhr | Pinakothek der Moderne, Rotunde

Einführungsgespräch mit Lady Camilla Panufnik und Alexander Liebreich

21.00 Uhr | Ernst von Siemens-Auditorium

Alexander Liebreichs letzte Nachtmusik in seiner Funktion als Künstlerischer Leiter des MKO stellt den Komponisten Andrzej Panufnik vor. Das Werk des Polen, der 1954 nach England auswanderte, weil er die künstlerischen Einschränkungen im Sozialismus nicht länger hinnehmen wollte, ist in Deutschland nach wie vor wenig bekannt. Panufniks kompositorischen Handschrift erscheint ebenso expressiv wie impulsiv. Dabei gehorchen seine Werke strengen Formplänen – häufig sind sie aus kleinen intervallischen Zellen heraus entwickelt.

In seiner Heimat bis dahin als führender Komponist seiner Generation hofiert, begann Panufnik im Exil noch einmal als völlig Unbekannter. Erst Ende der sechziger Jahre fanden seine Arbeiten auch international Beachtung. Das Violinkonzert von 1971 entstand als Auftragswerk für Yehudi Menuhin; Solist im Konzert in der Pinakothek der Moderne ist der junge russische Geiger Alexander Sitkovetsky, der gerade den Lincoln Center Emerging Artist Award gewann. Aus den frühen achtziger Jahren stammt »Arbor Cosmica«, eine Sammlung von zwölf kurzen Sätzen für zwölf Streicher. Eines der letzten Werke Panufniks ist das dritte Streichquartett – im Konzert interpretiert von Elissa Cassini (Violine), Rüdiger Lotter (Violine), Kelvin Hawthorne (Viola), Bridget MacRae (Violoncello). Der Untertitel des Streichquartetts, »Wycinaki«, spielt auf das traditionelle polnische Kunsthandwerk des Scherenschnitts an. Zu Beginn des Konzerts steht »Landscape« auf dem Programm.

In Zusammenarbeit mit dem Adam Mickiewicz Institut im Rahmen des Polska Music Programms.

SAISON 2016/17 – ›REFORMATION‹

REFORMATION

›Reformation‹ ist das Motto des Münchener Kammerorchesters für die Konzertsaison 2016/17. Der Bezug zum großen Reformationsjubiläum 2017 ist augenfällig und die Wirkungen und Ausprägungen des reformatorischen Gedankenguts auf die Musikgeschichte der letzten 500 Jahre werden in den Konzertprogrammen vielfältig reflektiert. Aber ›Reformation‹ ist für das MKO auch ein Thema, das die Haltung zum Musizieren an sich, die Entwicklung und Erweiterung des Repertoires und nicht zuletzt die Struktur des Orchesters selbst betrifft.

 

CLEMENS SCHULDT

Die ›Reformations‹-Saison ist die erste des neuen Chefdirigenten Clemens Schuldt beim MKO. Der gebürtige Bremer hat zunächst als Geiger in verschiedenen Orchestern, zuletzt in der Kammerphilharmonie Bremen, gespielt, bevor er sich ganz der Dirigentenlaufbahn zuwandte. Inzwischen gilt Schuldt international als einer der spannendsten jungen deutschen Dirigenten; die ersten beiden Dirigate beim MKO 2014 und 2015 waren für beide Seiten so erfreulich, dass das Orchester ihn im letzten Sommer einmütig zum Nachfolger von Alexander Liebreich gewählt hat.

 

Schuldt wird in seiner ersten Saison u.a. drei Abonnementkonzerte, zwei Komponistenporträts in der Pinakothek der Moderne und das Kinderkonzert leiten; insgesamt sind 15 Dirigate, in den nächsten Spielzeiten dann 18 Dirigate beim MKO vereinbart. Gleich im ersten Abonnementkonzert am 13. Oktober steht neben der vierten Orchestersuite von J.S. Bach und einer Uraufführung von Clara Iannotta die ›Eroica‹-Symphonie von Beethoven auf dem Programm – eine ideale Gelegenheit also, den neuen Chefdirigenten mit einer ›MKO-typischen‹ Repertoirebreite kennen zu lernen.

KÜNSTLERISCHES GREMIUM

Die wachsende Beteiligung von Orchestermusikern an programmatischen Entscheidungsprozessen als allgemein zu beobachtender Prozess ist beim MKO jetzt auch formal verankert: die Planung der ›Reformations‹-Saison lag erstmals in den Händen eines Künstlerischen Leitungsgremiums, dem neben dem Chefdirigenten und der Geschäftsführung (Florian Ganslmeier, Anselm Cybinski) auch zwei Orchestermusiker (Kelvin Hawthorne, Rüdiger Lotter) angehören, die jeweils auf die Dauer von zwei Jahren vom Orchester gewählt werden.

 

›ARTISTIC PARTNER‹ / ›IM FOKUS‹

Seit Jahren schon gehört es zum Profil des Orchesters, neben der Entdeckung neuer, junger Musiker und Komponisten vor allem auch nachhaltige künstlerische Partnerschaften zu entwickeln. Dies findet nun erstmals seinen konkreten Ausdruck: der Dirigent und Violinist John Storgårds leitet als ›Artistic Partner‹ das gerade im April begonnene, auf drei Jahre angelegte Projekt mit Haydns Londoner Sinfonien und den Solokonzerten von Györgi Ligeti und tritt daneben auch als Solist in der Nachtmusik mit Werken von Kaija Saariaho auf. Erneuert und intensiviert wird die Kooperation mit Jörg Widmann, der unter dem Titel ›Im Fokus‹ sowohl ein Abonnementkonzert im Prinzregententheater (u.a. mit Mendelssohns ›Reformations-Symphonie‹) als auch sein (nach 2003) zweites Komponistenporträt in der Pinakothek der Moderne leitet. Widmann ist darüber hinaus zu Gast beim neuen Kammermusikfest des MKO in der Villa Stuck; für die übernächste Saison arbeitet er an einer neuen Komposition für das Kammerorchester. Auch die Zusammenarbeit mit Alexander Liebreich wird in 2016/17 mit zwei Konzerten fortgeführt: er leitet ein Abonnementkonzert mit dem RIAS Kammerchor sowie das 11. Münchener Aids-Konzert, bei dem u.a. Sergey Khachatryan, Okka von der Damerau und Daniel Müller-Schott auftreten werden.

 

Weitere Informationen u.a. zu Konzerten des MKO und dem Musikvermittlungsprogramm siehe die Pressemitteilung Saison 16/17 Reformation zum Download

Das Puchheimer Jugendkammerorchester wurde schon so oft und mit so hochwertigen Auszeichnungen gewürdigt, dass man beinahe versucht ist, es als selbstverständlich anzusehen, dass dieses Streicherensemble aus 25 Jugendlichen von 11 bis 20 Jahren unter Leitung von Peter Michielsen am gestrigen Montag in Ulm den – alle vier Jahre stattfindenden – Deutschen Orchesterwettbewerb in der Kategorie Jugendkammerorchester gewonnen hat.


Um daran überhaupt teilnehmen zu können, musste sich das Orchester im November vergangenen Jahres zunächst einmal im Bayerischen Orchesterwettbewerb durchsetzen. Dort erreichten sie eine traumhaft hohe Punktzahl und zogen als einziger bayerischer Vertreter ihrer Kategorie in den deutschlandweiten Wettbewerb ein.

4500 Musiker nahmen am 9. Deutschen Orchesterwettbewerb teil. In der Kategorie ›Jugendkammerorchester‹ waren neun Bewerber aus neun verschiedenen Bundesländern angetreten und es ist ein fantastischer Erfolg für das PJKO, von einem derartigen Wettbewerb mit einem ersten Platz nach Hause zu fahren!


Die Jury würdigte den ›bestechend schönen Klang‹ des Orchesters und hob das vom Orchesterleiter Peter Michielsen zusammengestellte Programm mit Werken von Schubert, Tschaikowsky und Ginastera, als ausgesprochen anspruchsvoll hervor. Auch die fast sprichwörtliche jugendliche Frische und Leichtigkeit, das kommunikative, einander zugewandte Musizieren des Orchesters haben großen Eindruck hinterlassen.

(Lisa Buchner)

MKO beginnt Haydn/Ligeti-Projekt mit JOHN STORGÅRDS als ›ARTISTIC PARTNER‹

Mit dem kommenden Abonnementkonzert am 21. April 2016 beginnt das Münchener Kammerorchester eine auf drei Spielzeiten angelegte Reihe unter Leitung des finnischen Dirigenten John Storgårds. Die fünf Programme stellen insgesamt zehn der Londoner Sinfonien Joseph Haydns den Solokonzerten von György Ligeti gegenüber. Ergänzend werden zeitgenössische Werke zu hören sein, einige davon in Ur- oder Erstaufführungen.

Mit John Storgårds hatte das Orchester im Frühjahr 2013 erstmals sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Bereits damals erstand die Idee, gemeinsam ein größeres Projekt über mehrere Spielzeiten zu realisieren. Die Auseinandersetzung mit den Londoner Sinfonien – Höhepunkt und Abschluss in Haydns sinfonischem Schaffen – stand seit langem auf der Wunschliste des MKO.

 

Das Repertoire des ersten Abends am 21. April 2016 im Münchener Prinzregententheater umfasst die Sinfonien Nr. 94 (Paukenschlag) und Nr. 100 (Militär) sowie das spektakuläre Hamburgische Konzert für Horn und Kammerorchester von Ligeti. Hinzu kommt It is pain flowing down slowly on a white wall für Akkordeon und Streicher, ein Stück des Dänen Bent Sørensen, dessen feinsinnige Theatralik aufs Schönste mit dem Humor Haydns und Ligetis korrespondiert. Solisten des Konzerts sind der Hornist Stefan Dohr und der norwegische Akkordeonist Frode Haltli.

Die beiden Programme im April respektive Juni 2017 werden Ligetis Violin-und Klavierkonzert vorstellen, zwei Gipfelwerke der zeitgenössischen Konzertliteratur, die enorme Ansprüche an die Ausführenden stellen. Die Solisten hierbei sind Renaud Capuçon und Kit Armstrong. Beide Abende werden wieder von Haydn-Sinfonien gerahmt; programmiert sind die Nummern 95, 96, 101 und 102. Des Weiteren vorgesehen sind Werke von Fabio Nieder und Christian Mason (Uraufführung).

 

Pressemitteilung zum Download

CLEMENS SCHULDT wird neuer Chefdirigent des MKO ab der Saison 2016/17

Clemens Schuldt wird neuer Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters. Der 32-jährige gebürtige Bremer, der Alexander Liebreich nachfolgt, tritt sein Amt im Herbst 2016 an; sein Vertrag läuft vorerst bis 2019. Schuldt, selbst ausgebildeter Geiger, ist der fünfte Chefdirigent des 1950 gegründeten Ensembles von 28 festangestellten Streichern, die regelmäßig mit einem festen Bläserstamm zusammenarbeiten. 

 

›Am Ende eines langen und intensiven Findungsprozesses haben die Orchestermusiker Clemens Schuldt mit beeindruckender Mehrheit zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt‹, sagt Michael Weiss vom Orchestervorstand. ›In Werken von Mozart, Henze und Richard Strauss haben wir Schuldt als einen Künstler von höchster Kompetenz und mit einem brennenden Gestaltungswillen kennen gelernt, dessen genuin kammermusikalisches Partiturverständnis der Arbeitsweise des Orchesters unmittelbar entgegenkommt. Wir hatten dabei das Gefühl in Bereiche zu gelangen, in denen sich das gemeinsame Atmen von Dirigent, Musikern und Publikum ereignen kann.‹

 

›Es ist für mich eine große Ehre, eines der profiliertesten Kammerorchester als Chefdirigent leiten zu dürfen‹, kommentiert Clemens Schuldt seine Wahl. ›Mit Neugier habe ich stets die innovative Programmatik dieses Orchesters verfolgt und seinen energiegeladenen und stilistisch vielseitigen Musizierstil bewundert. Als Musiker, der selbst im Kammerorchester sozialisiert wurde, suche ich die Transparenz und Detailschärfe, die dieses Ensemble auszeichnen. Nach zwei gemeinsamen Konzerten spüre ich eine enge Verwandtschaft mit der Klangsprache des MKO und freue mich sehr auf sein aufgeschlossenes Publikum in München.‹

2010 Gewinner des Donatella Flick Dirigierwettbewerbs in London, hat Schuldt in Großbritannien mit Klangkörpern wie dem Philharmonia Orchestra, dem BBC National Orchestra of Wales und dem Scottish Chamber Orchestra gearbeitet. Ein Jahr lang war er Assistant Conductor des London Symphony Orchestra, was ihm die Arbeit mit Dirigenten wie Sir Colin Davis, Valery Gergiev und Sir Simon Rattle sowie die Leitung eigener Projekte mit dem Orchester ermöglichte. In Deutschland leitete er unter anderen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, die Bamberger Symphoniker und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Regelmäßige Tourneen führen ihn nach Japan und Spanien. Neben seiner Tätigkeit als Konzertdirigent nimmt die Arbeit an Opernhäusern einen zunehmend wichtigen Platz in Clemens Schuldts Kalender ein; so leitete er Produktionen in Gelsenkirchen, Mainz, Osnabrück und Innsbruck. Schuldt studierte Violine an der Musikhochschule Düsseldorf und hat in Orchestern wie der Kammerphilharmonie Bremen und dem Kölner Gürzenich-Orchester gespielt. Sein Dirigierstudium absolvierte er bei Rüdiger Bohn in Düsseldorf, bei Mark Stringer in Wien sowie Nicolás Pasquet in Weimar. 

Beim Münchener Kammerorchester wird Clemens Schuldt in der ersten Saison drei, später vier der insgesamt acht Abonnementkonzerte im Prinzregententheater dirigieren und Abende in der Reihe der monographischen Porträtkonzerte in der Pinakothek der Moderne sowie Kinder- und Sonderkonzerte betreuen. Die Education-Arbeit des Orchesters ist ihm ein besonderes Anliegen. Ebenfalls geplant sind Gastspiele, Tourneen und gemeinsame Aufnahmen. In Fragen der künstlerischen Planung wird dem Chefdirigenten ein vierköpfiges künstlerisches Gremium zur Seite stehen, dem zwei vom Orchester ernannte Musiker sowie die Geschäftsführung des MKO angehören. 

 

Alexander Liebreich, der 2006 die Leitung des Orchesters übernommen hatte, wird den Musikern über 2016 hinaus verbunden bleiben. So wird er die Münchner AIDS-Konzerte 2017 und 2018 dirigieren; für beide Spielzeiten ist überdies eine Fortführung der Kooperation mit dem RIAS-Kammerchor unter Liebreichs Leitung geplant.

 

Das Münchener Kammerorchester gilt als eines der vielseitigsten und stilistisch flexibelsten Ensembles seiner Art, in dessen Programmen zeitgenössische Musik – darunter zahlreiche Uraufführungen und Wiederaufführungen eigens beauftragter Werke – dramaturgisch spannungsvoll mit dem Kernrepertoire für Streichorchester und schlankes Sinfonieorchester in Dialog treten. Neben seiner überaus erfolgreichen Konzerttätigkeit am Heimatstandort München gastiert das Ensemble regelmäßig auf den bedeutenden Bühnen Europas, Asiens und Amerikas und tritt bei renommierten Festivals auf. Seine Aufnahmen erscheinen bei ECM Records und Sony Classical.

 

Gefördert wird das Münchener Kammerorchester vom Freistaat Bayern, der Stadt München und dem Bezirk Oberbayern. Hauptsponsor des Orchesters ist ECT / European Computer Telecoms AG, wichtigster Projektsponsor ist die BMW Group.           

Menü