Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, berichtet in seinem Blog von den verschiedenen MKO Tourneen.

BLOG: ON TOUR IN SÜDAMERIKA

Vom 22. April bis 1. Mai 2017 ist das MKO auf Tournee in Südamerika mit fünf Konzerten in Buenos Aires, Montevideo und Lima.

Aus Südamerika berichtet Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, und hält Sie täglich auf dem Laufenden über die Konzerte, die kleinen Unterschiede zwischen Südamerikanern und Europäern und natürlich das leckere Essen!

Erster Eintrag: Sonntag, 23. April 2017

Liebe Freunde,

soll man 24041 km fliegen, um 5 Konzerte zu spielen? Ja, soll man. Gut, auf der anderen Seite: In München fahre ich für 5 Konzerte zusammen nur 51 km mit dem Fahrrad, das sind 23990 km weniger. Doch von Anfang an:

Am Samstag, den 22. April fahre ich mit der Straßenbahn zu unserem Proberaum in der Amalienstraße, wo bald 25 Koffer sich türmen, denn proben wir vor dem Abflug nochmals zweieinhalb Stunden einen Teil unseres Programms. Später dann mit dem Bus nach MUC, mit dem Flugzeug nach MAD und mit einem anderen nach EZE (Buenos Aires Ezeiza). Jetzt wieder mit einem Bus zu unserem Hotel, mit dem Fahrstuhl empor und: fast genau auf die Minute 25 Stunden nach meiner Trambahnfahrt in München betrete ich das Zimmer im Hotel Panamericano. Sie werden es nicht glauben: exakt das gleiche Zimmer wie vor zwei Jahren, aber das ist unwesentlich.

Wesentlich ist die grandiose Stadt, in der wir uns befinden, und das Teatro Colon, in welchem wir zwei Konzerte spielen werden, gleich gegenüber. Wir müssen nur die Av. 9 de Julio überqueren, und schon sind wir da.

Aber lassen Sie mich zuerst einen Tag ausruhen, ich gehe frühstücken – es ist erst neun Uhr früh – dann etwas spazieren zur Plaza de Mayo und nach San Telmo, auch noch paar Töne im Hotel üben – nein, diese Aussicht aus dem Schwimmbad in der 20. Etage! Und am Montag ist unser erstes Konzert, von welchem ich bald berichten werde. Bis dahin müssen Sie sich bitte gedulden, wir sind hier ja auch noch fünf Stunden später dran.

Herzlich, ihr Bernhard Jestl.

 

Zweiter Eintrag: Montag, 24. April 2017

Das Teatro Colon! muss in einem Atemzuge mit Musikverein, Carnegie Hall oder Royal Albert Hall genannt werden – oder auch mit Scala, Wiener Staatsoper und der Met. Hat man je solch ein Haus gesehen? Ein Gang durch den leeren Zuschauerraum lässt träumen: weiche Teppiche, roter Samt, sanftes Licht von unzähligen Lampen schaffen eine unvergessliche Atmosphäre. Logen, Sitze – alles von gediegener feinster Qualität – was haben diese Sitze nicht schon alles gehört!

Und hinter Bühne: auch die Stage Manager sind selbstbewusst und sicher, arbeiten sie doch in einem der berühmtesten Häuser. Huldvoll öffnen sie uns den Vorhang, durch welchen wir die Bühne betreten, halten den schweren Stoff am massiven Griff aus Leder.

Was für ein Glück, denke ich während des Spielens, was für ein Glück, 24041 km reisen zu dürfen, um hier aufzutreten. Ja, manche im Publikum kennen uns – vielleicht aus dem Radio, von einer CD, haben uns gesehen auf YouTube, gehört in Spotify – Humbug!!! das ist das Teatro Colon.

Wir spielen mit Veronika Eberle das D-Dur Violinkonzert von Mozart, außerdem die Sinfonie in B KV 319, ein Stück von David Fennessy, das Lyrisches Andante von Reger und am Ende die Abschieds-Sinfonie von Haydn: hinaus marschiert durch den Vorhang – jedesmal geöffnet von kundigen Händen.

Herzlich, ihr Bernhard Jestl.

 

Dritter Eintrag: Dienstag, 25. April 2017

Liebe Freunde,

der Weg nach Montevideo gestaltete sich folgendermaßen: aufstehen um halb sechs, hinunter zum Frühstück, ja, im Hotel Panamericano gibt’s schon ab sechs Uhr Frühstück, ganz regulär. Um halb sieben nämlich fährt uns ein Bus zum Schiff, das uns nach Uruguay bringen wird. Ein feines Schiff, ein sehr feines. So sauber und gepflegt, dass man weiße Überschuhe anziehen muss, wie im OP: die edle lindgrüne Auslegeware würde sonst leiden. Alles ist hermetisch abgeschlossen, die Fenster allerdings beschlagen, Schmutz oder Salz, man weiß es nicht.

Wir überqueren den Rio de la Plata, 60 km breit an dieser Stelle, kurz bevor der Fluss in den Atlantik mündet. Ein gewaltiges Delta – tags zuvor konnte ich vom Dach des Panamericano die Küste Uruguays sehen; ganz hinten im Dunst.

Die beiden Hauptstädte liegen nicht direkt gegenüber, wir fahren auch ein bisschen längs, nicht nur quer, das erklärt die etwas längere Reise von zweieinhalb Stunden.

Soweit für diesmal.

Herzlich, ihr Bernhard Jestl

 

Vierter Eintrag: Dienstag, 25. April 2017

Liebe Freunde,

das Konzert im wunderschönen Montevideo ist zuende, und froh die Leute, ins Teatro Solis sich aufgemacht zu haben, wir sowieso. (Sie müssen zu unserer Rechnung übrigens noch 200 km dazu zählen: das ist etwa die Entfernung per Schiff zwischen Buenos Aires und Montevideo hin und zurück, das aber nur am Rande.)

Man sollte sich ein wenig auf die unterschiedliche Art und Weise, den Applaus zu gestalten, einstellen: schon im Teatro Colon plätscherte es spärlich, als wir die Bühne betraten, kaum zur Hälfte erschienen vor dem Vorhang unser Orchester, und bereits wieder still die Hände der Leute, dabei sind wir nur 26 Spieler! Das dauert nicht lange, bis wir auf der Bühne sind! Aber man soll nicht vorschnell urteilen: am Ende dann wollten sie gar nicht aufhören zu applaudieren. So auch im Teatro Solis in Montevideo. Wenig Klatschen zu Beginn, auch zwischen den einzelnen Werken nur einmal aufstehen und verbeugen, das alles hat nichts zu bedeuten, denn am Ende: Bravorufe.

Ausnahme: selbstverständlich nach dem Violinkonzert viel Applaus für unsere Solistin, bedankte sie sich mit Kreisler: Liebesfreud. Die kommt ja später nicht mehr, also klatschen wir jetzt! Vielen Dank! Das ist effektiv und spart Zeit. Und hernach ins Hotel geeilt im Sturmgebraus –  Regen und starker Wind vor meinem Fenster donnert laut! ums Gemäuer.

Das war aus Uruguay

Ihr Bernhard Jestl

 

Fünfter Eintrag: Mittwoch, 26. April 2017

Liebe Freunde,

der Sturm hat sich nicht gelegt: kein Schiff kann in den Hafen einfahren. Wir stehen bereits mit unseren Tickets beim Einchecken, warum eigentlich stehen wir da? weiß man doch bereits, dass das Schiff nicht abfahren wird. Also alle wieder heraus aus der Schlange, kriechen wir unter den Absperrungen durch, verhaken Geigenkästen sich am elastischen Band, aber das ist doch unwichtig! neue Ansage: mit dem nächsten Schiff, das möglicherweise um zwei fahren könnte, wenn das Wetter es erlaubt, würden wir unsere Probe um fünf im Teatro Colon nicht schaffen. Fliegen vielleicht? Oder ein anderes Boot von einer anderen Stelle?

Wir warten, sitzen, lesen, trinken Kaffee, warme Sonne, kalter Wind. Ein Bus kommt um zwölf! heißt es, also eine Stunde warten sitzen lesen. Nein, der Bus kommt in fünf Minuten, umso besser! Warten sitzen lesen, der Bus kommt nach zwanzig Minuten, uns nach Colonia zu bringen, damit wir dort ein Schiff besteigen können auf unserem Weg nach Argentinien.

Nach einigen Unwägbarkeiten endlich kurz vor zwölf fährt der Bus nordwestwärts nach Colonia.

Riesiger Containerhafen, bräunlicher Fluss, armselige Häuser, holpriger Asphalt,  wedelnde Palmen, grüne Wiesen, Rinderherden, Pferde, schwere Lastwagen, plattes Land.

175 km später: Colonia! halb zwei, aber das Schiff legt erst um vier ab, also warten sitzen lesen und pünktlich! um 15.15 Passkontrolle und einchecken aufs Schiff.

Es geht los und ich melde mich wieder nach dem Konzert.

Ihr Bernhard Jestl

 

Sechster Eintrag: Mittwoch, 26. April 2017

Entschuldigen Sie, liebe Leser, dieser Reisebericht erfordert zwei Abteilungen, wo waren wir? Vorschnell habe ich Sie entlassen, in der Meinung, unser Schiff, welches wir seit zwei Stunden an der Mole stehen sahen, würde uns zügig ans Ziel bringen, au contraire! 16 Uhr Abfahrt steht auf dem Ticket, und Sie glauben es nicht – das Schiff fährt ohne uns, genau um vier. Mit einem Wort, es war das falsche; leer, wie es da gestanden hat, macht es sich davon.

Aber naht sich schon das nächste! kommt angebraust, steigen aus die Passagiere, steigen ein wir – zusammen mit dreihundert anderen Menschen – und los geht die Fahrt: eine Stunde Verspätung, 17 Uhr. Jetzt aber wirklich zügig überqueren wir den Rio de la Plata wunderbar im Abendlicht, dunkelblauer Himmel, niedrige Wolken, Sonne länglich auf dem Wasser – ein Traum.

Lassen Sie mich doch kurz den Blick aus dem Fenster genießen.—— Danke.

Man hat uns netterweise in die Nähe des Ausgangs gesetzt, sinnlos! müssen wir doch auf unsere Koffer warten, wie am Flughafen. 18:25. Viel Verkehr um die Abendzeit in Buenos Aires, wie überall; wir stehen zunächst kurz im Stau, aber dann doch recht bald angekommen beim Teatro Colon;  (ins Hotel? viel zu spät) jetzt aber schnell, schnell hinauf auf die Bühne! auspacken schnell die Geigenkästen, 18:40 keinen Ton geübt heute und einmal ohne Wiederholungen durch die Fünfte Schubert. Auch die Solistin will natürlich paar Töne spielen, also nur vier Zeilen vom Mozart A-Dur Violinkonzert und einmal Kreisler Liebesleid.

Tja, die Stage Manager können uns leider nicht mehr Zeit geben, haben sie ja den Publikumseinlass für uns bereits um 15 Minuten verschoben, hören wir auch schon die Leute draußen im Foyer plaudern.

19:35 Probe zuende und schnell, schnell umziehen, 25 Rollenkoffer hinter der Bühne, Bananen essen – ich habe gehört, ich solle über das leckere Essen berichten: jetzt also nehme ich zwei Bananen zu mir, und schon beginnt unser zweites Konzert in Buenos Aires.

Ihr Bernhard Jestl

 

Siebter Eintrag: Donnerstag, 27. April 2017

Liebe Freunde,

jetzt endlich der Bericht über unser zweites Konzert in Buenos Aires. Wie Sie wissen, hat sich unsere Reise am heutigen Tag etwas hindernisreich gestaltet, aber vergessen alle unangenehmen Vorkommnisse, wir spielen jetzt! Und keiner im Publikum weiß, was wir tagsüber gemacht haben, keiner soll es wissen.

Manchmal entsteht gerade unter widrigen Umständen etwas Schönes, man rückt zusammen, die Ohren und Augen sind weit, wir sind uns nahe, mag sein, dass wir uns noch besser als sonst verstehen. Die Mozart-Sinfonie, gar nicht mehr geprobt seit vorgestern, läuft wie geschmiert, bisschen routiniert vielleicht? aber nein! und wenn doch: seinen Sie uns nicht gram, wir sind froh, dass es gut läuft. Respekt: Veronika Eberle hat ja unsere Reise (Bus – Warten – Bus – Warten – Schiff – Bus) mitgemacht; nicht leicht sich dann hinzustellen vor 2000 Leuten und Mozart zu spielen! Brava! ein Mensch in der ersten Reihe wird nicht müde, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, brava! Bravi! Ein netter Mensch, muss ich sagen, sehr sympathisch.

Nach der Pause dann Kreisler jetzt alle drei: Schön Rosmarin, Liebesleid, Liebesfreud in einer Fassung für Solovioline und Streichorchester, und danach die fünfte Sinfonie von Schubert, ganz österreichisch der zweite Teil also. Eine Flötistin mehr als 20000 km zu schicken, um eine Sinfonie zu spielen? Wir haben’s getan, und sie hatte nichts dagegen, ist froh, hier zu sein. Und wenn wir uns auf den Weg nach Lima machen, sitzt sie bereits wieder in der Maschine nach Frankfurt.

Das war Bernhard Jestl aus Buenos Aires, ach ja: ich gehe jetzt essen; wird wohl ein Steak werden. Wenn man schon mal hier ist…..

 

Achter Eintrag: Freitag, 28. April 2017

Liebe Freunde,

angekommen in Lima!

Lima morgens um neun, noch ziemlich trüb und wärmlich, es soll aber aufheitern, sagt der Wetterbericht, wie? Drei Grad Celsius in München, das finde ich nicht okay.

Unsere Reise hierher war recht anstrengend, am Ende doch neuneinhalb Stunden unterwegs einmal quer über den Kontinent und noch Richtung Norden, sehr unruhig dieser Flug, sehr unruhig.

Jetzt aber frei bis 18 Uhr, wir brauchen nur noch eine Anspielprobe zu machen, das ist komfortabel. Also was tun? Pazifikküste oder Altstadt, habe ich gehört, ich kenne beides schon, wirklich herrlich die Altstadt, kann ich mich erinnern, und eindrucksvoll das Meer, also nicht am Meer die Altstadt, da liegen einige Kilometer dazwischen, muss man Taxi fahren, aber Vorsicht, welches Taxi, am besten, man lässt sich vom Hotel eins rufen – mit einem Wort: ich bleibe in der Gegend. Üben ,Schlafen, Lesen, Ausruhen, Essen, das ist alles.

Ihr Bernhard Jestl

 

Neunter Eintrag: Samstag, 29. April 2017

Liebe Freunde,

das erste Konzert in Lima haben wir hinter uns: Mozart Sinfonie A-Dur, Violinkonzert D-Dur, Fennessy, Reger, Haydn Abschiedssinfonie, Sie kennen ja inzwischen unser Programm genau so gut wie wir, neun Stücke immer wieder anders zusammen gesetzt.

David Fennessy hat das Stück „Hirta Rounds“ vor zwei Jahren für uns komponiert, haben wir dann auch im Prinzregententheater uraufgeführt und später noch einige Male gespielt. Hirta, eine nicht von Menschen bewohnte Insel ist Namensgeberin für das Werk, also es leben unzählige Seevögel dort, das hört man auch in der Komposition: Hirta, eine schottische Insel über Bayern nach Peru gebracht, das ist doch schön, ja, finde ich auch.

Die Abschiedsinfonie kommt immer gut an; es gibt ja Menschen, die behaupten, die Tonart fis-moll und später Fis-Dur sei von Haydn mit Bedacht gewählt, damit es möglichst unsauber klinge, das wage ich zu bezweifeln, wir jedenfalls geben uns alle Mühe, diesen Verdacht nicht aufkommen zu lassen und haben die schwierigsten Stellen nochmals extra langsam geprobt. Das Publikum froh und lächelte zufrieden, als der zweite Hornist und die erste Oboistin aufstanden, die Bühne zu verlassen, denn die beiden beginnen den Hinausmarsch.

Ihr Bernhard Jestl

 

Zehnter Eintrag: Sonntag, 30. April 2017

Liebe Freunde,

gerade komme ich von einer cevicheria, soviel zum Essen, und jetzt muss ich etwas üben: wir haben ja demnächst zu tun. Bald fahren wir nach Berlin, wo wir mit dem RIAS Kammerchor auftreten, Pärt und Beethoven wird es geben, und danach unser Abonnement-Konzert in München mit Copland, Reich und Schönberg. Das sind alles schwierige Werke, die vorbereitet werden müssen, deshalb nutze ich den letzten freien Nachmittag dafür.

In unserem zweiten Lima-Konzert spielen wir Mozart 201, das A-Dur Violinkonzert, die drei Stücke von Kreisler und nochmals die Abschiedssinfonie. Wieder im gleichen Saal wie gestern, dem Colegio Santa Ursula.

Wir reisen übrigens nicht mit unserem eigenen Kontrabass, zu umständlich und zu teuer, das Instrument mitsamt flight case durch die Welt zu schicken, schleppen, schieben. Ich kenne allerdings eine Person, die sich nichts sehnlicher wünschen würde, als das. Es ist verdammt schwer, sich in jeder Stadt auf ein anderes Instrument einzustellen, auch differiert die Qualität der einzelnen Bässe gewaltig. Kennen Sie die Abschiedssinfonie? Da gibt’s nämlich ein Solo am Ende: bevor die Bassistin das Podium verlässt, spielt sie ein Solo, und wie unsere Bassistin diese Herausforderung erledigt hat, da fehlen mir die Worte.

Tatjana, wir lieben dich dafür, vielen Dank.

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