Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, berichtet in seinem Blog von den verschiedenen MKO Tourneen.

BLOG: ON TOUR IN RUSSLAND

Vom 7. bis 11. Oktober 2017 ist das MKO auf Tournee in Russland mit drei Konzerten in Perm, Jekaterinburg und Tjumen.

Aus Russland berichtet wieder Bernhard Jestl und hält Sie täglich auf dem Laufenden über die Konzerte, die kleinen, kulturellen Unterschiede und natürlich das leckere Essen!

 

Erster Eintrag: Samstag, 7. Oktober 2017

Liebe Freunde,
wir sitzen in Moskau am Flughafen und warten auf den Anschlussflug nach Perm, wo wir morgen ein Konzert spielen werden – also nochmals zweieinhalb Stunden Richtung Osten.

Was alles habe ich mit an Bescheinigungen: Wertbestätigungen für Geige und Bogen, Fotos der Violine von vorne, von hinten und von der Seite, ein Foto des Bogens, dazu noch eine ›Declaration of Materials‹. Man darf ja alles Mögliche nicht dabei haben: Elfenbein vom Elephas Maximus, oder auch vom Loxodonta africana, des weiteren Holz von Dalbergia nigra, Schildpatt von den Cheloniidae spp. Auch nichts von Cetacea spp., das sind Knochen, Zahnmatial, Walbarten (auch Fischbein genannt) – das alles kann beim Geigen- oder Bogenbau zum Einsatz kommen, ist aber mittlerweile geschütztes Material: Das ungefähr war Anhang A der Verordnung 338/97.

Wollen Sie noch Anhang B wissen? Da geht es um geschützte Reptilien wie Krokodil, Schlange, Eidechse oder Waran: auch die können im Bogenbau Verwendung finden. Zum Schluss noch Walross (Odobenus rosmarus) – gibt es vielleicht auch am Violinbogen. Man bräuchte eine CITES-Genehmigung (Convention of International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora), um mit solchen Instrumenten zu reisen.

Ich habe einen Bogen, der eine Genehmigung benötigte, hat er doch am Frosch eine Perlmutteinlage vom Silberfisch, das ist der Name einer geschützten mexikanischen Muschelart, was soll ich machen, zur Zeit des Bogenbaus war diese Muschel noch nicht so selten. Jetzt lasse ich diesen Bogen zu Hause, reise mit einem anderen, also innerhalb der EU könnte ich damit spielen, aber nicht in Russland.

Doch genug von Materialien, wir sind glücklich durch den Zoll gelangt, haben haufenweise Stempel in den Pass und auf unsere Unterlagen bekommen, blau und rot, dazu noch Unterschriften, Bemerkungen und Kringel in allen Größen um alle möglichen Mitteilungen von verschiedenen Mitarbeitern auf den Dokumenten: muss man ja nachweisen können, dass man exakt mit den gleichen Instrumenten das Land verlassen wird. Jetzt freuen wir uns schon auf das erste Konzert: Haydn Sinfonie Nr. 102, Stravinsky ›Apollon Musagete‹ und die ›Schottische Sinfonie‹ von Mendelssohn – morgen in Perm, ich werde Ihnen bald davon berichten. Aber jetzt erstmal nach Perm fliegen.

Bis dahin herzliche Grüße von Bernhard Jestl.

 

Zweiter Eintrag: Sonntag, 8. Oktober 2017

So, heute kommt unser erstes Konzert, also, es ist gerade erst elf Uhr morgens: extra spätes Frühstück für uns vorbereitet, sind wir doch gegen halb fünf Uhr früh im Hotel angekommen. Der Saal ist quasi in Rufnähe, vom Hotel aus zu sehen, sehr angenehm. Angenehm auch der nächtliche Flug von Moskau hierher mitsamt kurzer Busfahrt durch die dunkle schlafende Stadt.

Heute, am Sonntag, zeigt die Stadt sich von ihrer ruhigen Seite, kein Stau, wenig Menschen, halbleere blass-orangene Trambahnen rattern vor sich hin, aber der kurze Spaziergang durch die trübe Kälte hat sich gelohnt: wir sehen alt und neu, verfallen und aufgebaut, traditionell und modern, hässlich und schick, Holz und Beton. Kirchen blassblau oder lindgrün angemalt mit geputzten glänzenden Goldkuppeln; alle Banken geschlossen, geöffnet ist aber ein Supermarkt und ein paar kleine Läden: ›Produkti‹, wir kaufen ein – fünf Musiker, jeder trägt eine Flasche Wasser in der Hand auf dem Weg zurück zum Hotel Ural in der ul. Lenina 58.

Der Saal hatte seine Tücken: Eine laute Heizung, oder air condition, das konnte man schwer unterscheiden, auf jeden Fall wehte es kühl von rechts nach links über die Bühne, von den Geigen zu den Celli, von den Hörnern zu den Pauken, außerdem ein recht lautes Rauschen war zu hören, wir aber haben laut genug gespielt, das Geräusch zu übertönen. Während der Haydn Sinfonie ging plötzlich die Bühnenbeleuchtung aus, wir also im Dustern weitergespielt, nach zwei Minuten,wieder hell, naja macht nichts.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Schluss des Stückes ›Apollon Musagete‹ von Stravinsky richten: Nach der Geburt des Apollo, die ganz klar und rein erfolgt: sein Thema – punktiert und in sauberen Dreiklängen wird es präsentiert, ganz stolz in C-Dur schreitet es einher. Es folgen nun mehrere Tanzsätze, die die verschieden Musen symbolisieren, er tanzt mit allen mehr oder weniger unverbindlich, ein ganz zarter pas des deux und eine Coda schließen sich an, ganz Flitter und Tand, leicht und schnell. Jetzt aber nach der Coda schreibt Stravinsky noch eine Apotheose: dieser letzte Satz, ich gebe es gerne zu, treibt mir die Tränen in die Augen. Nicht C-Dur, sondern h-moll ist die Tonart, welche das Stück beschließt, auch das schreitende punktierte Motiv ist kein Dreiklang mehr, es hat sich verändert: auf eine Quinte aufwärts folgt eine große Septime abwärts, und eine große Terz nach oben. Dieses Motiv wird unablässig wiederholt, während die Musik langsam in h-moll sich einpendelt, Akzent auf jedem Ton, eine Grimasse, die sich festfrisst und schließlich entschwindet, so sehe ich das, wenn auch nicht unwidersprochen von Kollegen, aber, sehen Sie, so verschieden kann man dieselbe Musik empfinden.

So! Jetzt schlafen, denn morgen geht es früh los nach Yekaterinburg: der Weg ist weit und nicht ohne Hindernisse, haben wir gehört. Von Europa nach Asien, südlich am Ural vorbei in die Oblast Swerdlowsk.
Darauf freut sich schon Ihr

Bernhard Jestl.

 

Dritter Eintrag: Montag, 9. Oktober 2017

Liebe Freunde,
wir haben Perm um halb acht Uhr verlassen: eine neblige Holperfahrt durch elende Industriegebiete, uralte Anlagen, Blech, Ziegel, Eisen, Beton soweit das Auge reicht, viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit stehen und warten, ob sie der bis zum Dach von braunem Schmutz starrende Linienbus mitnimmt, sitzen stoisch hinter blind-schmutzig angelaufenen Scheiben. Aber dann lichtet allmählich der Nebel sich und die Stadt macht einer wunderbaren Landschaft Platz, Birkenwälder in der Sonne, die es endlich schafft, den Nebel zu durchdringen, über den Wiesen hält er sich freilich noch den ganzen Tag wahrscheinlich. Die Straße ist recht unterschiedlich beschaffen: bald verengt die Autobahn sich und wird zur schlechten Landstraße – selbst die wird noch gebaut – schleichen wir hinter graubraun verdreckten LKWs her. Der Bus ist recht angenehm und komfortabel, lässt unser Fahrer es sich nicht nehmen, zur Unterhaltung Musik anzuhören: romantische russische Schlager, russischer Hiphop, russischer Rap, russisch gecoverte Musik von alten Schinken, kennen Sie Boney M, macht nichts, Ohropax. Herrlich diese Farben der herbstlichen Bäume und Wiesen, hin und wieder eine Ortschaft, kleine Häuschen, oder aber Fabriken im Nebel, Schlote, aus welchen die Flammen empor lodern ganz hinten auf der anderen Seite des endlosen dunkelschwarz gefurchten Ackers. Dann wieder totaler Stillstand, einspurig die Straße aufgrund von Baustellen, warten wir auf Grün, da! kommt der Gegenverkehr, es geht weiter, langsam – langsam. So nähern wir allmählich uns der Stadt Jekaterinburg, wo wir abends recht früh um halb sieben unser Konzert spielen werden, nämlich Mendelssohn Hebriden, die Schottische Sinfonie, dazu noch Concert Romanesc von Ligeti und Kammersinfonie Nr. 1 von Isang Yun – ein eurasisches Programm also: koreanische, ungarische bzw. rumänische und deutsche Musik.

Jekaterinburg! Die Millionenstadt sendet uns eine Autobahn, die wir flugs benützen, und schnell nähern wir uns dem Zentrum. Übrigens ganz unspektakulär die Schwelle zwischen Europa und Asien: ein schlichter Drahtverhau, nein, ein Draht-Artefakt links der Autobahn zehn Kilometer vor der Stadt: hier beginnt Asien! ein kleiner goldener Drache aus Eisen mit weit aufgesperrtem Maule.

 

Vierter Eintrag: Dienstag, 10. Oktober 2017

Liebe Freunde,
tja, die schöne Autobahn auf unserem Weg nach Tjumen ist bereits nach 35 km zu Ende, nun orientiert das Tempo sich wieder am Langsamsten, das ist der LKW vor uns. Leider hat unser Bus nicht die Kapazitäten, behende vorbei zu ziehen, nein, mit fünf km/h Unterschied müsste er versuchen zu überholen. Zwar geradeaus geht es allemal, aber doch nicht wenig Verkehr vereitelt immer wieder unser Vorhaben: tröstlich ist, dass auch der BMW direkt vor uns kein Überholmanöver wagt. Also schleichen wir mit sechzig durch die Landschaft. Der BMW hat’s geschafft! jetzt sind wir die Nächsten. Die Landschaft! es gibt sehr viel Landschaft: eine platte Ebene breitet sich ringsum aus, trockene gelbgrüne Gräser, ewige herbstliche Birkenwälder – tausende schmale weiße Stämme tragen spärliches gelbes Laub – dazwischen dampfende Äcker, Felder, Wiesen, alles gelblich, hell- und dunkelbraun. Schmale hölzerne Stromleitungsmasten säumen die Straße und führen uns zum nächsten Ort, kleine Holzhäuser, eine kleine Kirche mit Goldkuppel, KOFE, PECTOPAH, Produkti, sehr pittoresk, jawohl. Die Landschaft bisweilen wie im Allgäu, aber anders. Über allem ein blitzblauer Himmel, keine Wolke, da! wir haben den Schleicher überholt und schon der nächste Zementmischer vor uns, aber die Straße ist gut, kaum Baustellen, nur dann und wann eine wahnwitzige Querrille, auch unser Fahrer überrascht, hopp! – arme Stoßdämpfer.

Fünf Stunden später hat unsere Rumpel-Landstraße in eine Rumpel-Autobahn sich verwandelt, also donnern wir jetzt im Eiltempo der Stadt Tjumen entgegen. Immer noch gleißendes Sonnenlicht, schlanke Birken, dunkelschwarze Äcker und gräuliche Lastkraftwagen: freilich rattern sie rechts von uns dahin – wir sind jetzt schnell!

Heute Abend spielen wir nochmals Haydn, Stravinsky und Mendelssohn, sind schon am Konzertsaal vorbei gefahren und Plakat gelesen, jetzt essen, schlafen, oder so……

 

Fünfter Eintrag: Mittwoch, 11. Oktober 2017

Liebe Freunde,
schon bald zu Ende unsere kurze Reise nach Russland, drei Konzerte nur, schade eigentlich, es hätte noch weitergehen können nach meinem Geschmack. Das Publikum hat uns sehr freundlich aufgenommen, aufgestanden zum Applaus, das ist nicht immer so, versicherte man uns, rhythmisches Klatschen ja, aber Aufstehen, das gibt es nicht immer, wir also sehr zufrieden – die Aufführung hat uns tief berührt – sagte eine Dame zu uns an der Ampel, als wir zu Fuß zurück zum Hotel wanderten, alle sehr froh gewesen, uns zu sehen, gingen noch eine Zeitlang neben uns her. Die Säle waren unterschiedlich, Tjumen bisschen dumpf, dicker Vorhang hinter den Bläsern, mussten sie sehr deutlich und nicht zu leise spielen, Jekaterinburg dagegen bisschen grell, sollten die Bläser sich zugunsten der Streicher zurückhalten, naja, deswegen macht man eine Anspielprobe. Noch sitzen wir im Hotel und warten auf den Transfer zum Flughafen von Tjumen, um dann über Moskau wieder nach München zu reisen, wo auf uns bald die Proben für unser erstes Abonnementkonzert nächste Woche warten: Xenakis, Widmann und Schubert stehen dort auf dem Programm, wir freuen uns schon, Sie alle dort begrüßen zu können.

Also, Tjumen: überraschend viele kleine Holzhäuschen im Zentrum der Stadt, sehr alt, klein, nur Erdgeschoß normalerweise, selten eine erste Etage, braunes Holz, hellblaue oder auch hellgrüne Fensterläden, oder auch einfache bunte Umrandungen um die Fenster, die teilweise merkwürdig tief auf Straßenebene, also auf Fußhöhe angebracht sind, die Menschen, die dort wohnen, schauen uns direkt auf die Schuhe. Kleine Viertel von solchen Häusern umgeben von einem Zaun oder einer Wand zuweilen sind von einer sehr hohen modernen Fußgängerbrücke, welche den Fluss überspannt, zu sehen. Im Gärtchen, Obst und Gemüse werden wahrscheinlich dort gezogen, sind Frauen mit der Harke zugange und gießen die Pflänzchen. Sie meinen, das sei jetzt klischeehaft und übertrieben, ganz und gar nicht: bin ich ja lange an solchen Anlagen entlang gegangen. Dazwischen immer wieder die früher bereits erwähnten blank geputzten Kuppeln, ich glaube, jemand klettert zweimal täglich mit dem Lappen hinauf, um die goldenen Preziosen zu wienern, so glänzen sie in der Sonne.

Also, das war das Ende, jetzt Security, warten, fliegen, warten, Passkontrolle, Zollkontrolle, stehen, warten, Security, sitzen, fliegen, warten, Koffer, Busfahrt nach Hause.
Herzlich, Ihr

Bernhard Jestl

 

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