Saison 19|20 ›WÄRME‹

›Wärme‹ ist das Motto der Saison 2019/20 des Münchener Kammerorchesters. Kaum ein Begriff eröffnet einen derart weiten und ambivalenten Assoziationsraum, der von der Musik eine Brücke in gesellschaftliche Fragen schlägt. Da gibt es zunächst die ›Wärme‹ in der Musik, als Charakteristikum eines Klangbilds, das oft oberflächlich mit der Romantik verbunden wird. Zentrale Aspekte – gerade für ein Streichorchester wie das MKO – sind dabei der ›warme‹ Streicherklang, die romantische Wärme bis hin zur Verklärung des Fin de Siècle, die südländische Wärme, die ›Reibungs‹-Wärme in der Neuen Musik und der heftig umstrittene Wärmebegriff der Nachkriegszeit. Gerade Arnold Schönberg, dessen Verklärte Nacht noch als Inbegriff des spätromantischen ›warmen Streichertons‹ gelten kann, leitet eine neue Entwicklung ein. Der europäischen Avantgarde nach 1945 erscheint die klangliche ›Wärme‹ zunehmend verdächtig, wenn nicht reaktionär, ebenso wie die energetische Wärme des Jazz oder die erotische Aufladung des Rock’n‘Roll; ersetzt wird sie durch eine auf Reibung beruhende Erhitzung in der seriellen oder in der mikrotonalen Musik. Seit Mitte der 1980er Jahre weitet sich dieser Horizont wieder, auch durch das zunehmende Interesse an musikalischen ›Grenz-ländern‹ und ihren traditionellen Wurzeln, etwa in Skandinavien oder dem Baltikum.

Es gibt die Wärme als Indikator sozialer Geborgenheit, als mit dem Modewort ›Hygge‹ umschriebe-nes Gefühl eines an den Biedermeier gemahnenden Rückzugs ins Private. Es gibt sie als positive Cha-rakterisierung und wachsendes Desiderat in einer Zeit zunehmender sozialer Kälte, auch als Ursprung (Prometheus) und Voraussetzung sozialer Kultur, und als Ausdruck der Erotik, die in Bild- wie Klang-welten oft in ein warmes Licht getaucht erscheinen. Andererseits ist Wärme stets ein Gefahrenherd, Ausdruck einer Krise, des Körpers (Fieber), der Natur (die aktiven Vulkane), des sozialen Zusammen-halts (›brennende Paläste‹). Und mehr denn je sind wir zurzeit – auch durch die junge Generation – mit einer der ›brennenden‹ Fragen an unser aller Zukunft konfrontiert, die die Folgen der Klimaer-wärmung betrifft.

ABONNEMENTKONZERTE
Vielen dieser Aspekte wird das MKO unter Leitung seines Chefdirigenten Clemens Schuldt durch alle Epochen nachspüren. Von Jean-Féry Rebels Le Cahos, das die Saison eröffnet, über klassisch-romantische Hauptwerke von Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Clara Schumann, von Carl Maria von Weber und Verdi und die Musik des frühen 20. Jahrhunderts (Sibelius, Schönberg, Schreker, Ravel) bis zur Nachkriegsmoderne, die mit so grundsätzlich verschiedenen musikalischen Ansätzen wie bei Frank Martin, Hanns Eisler, György Ligeti, Luigi Dallapiccola oder dem isländischen Komponis-ten Jón Leifs vertreten ist. Und dann, natürlich, die Gegenwart: neben Helmut Lachenmanns Zwei Gefühle, das Texte von Leonardo da Vinci zum Ausbruch des Ätna zitiert, gehören etwa Beat Furrers auf seinem Wüstenbuch basierendes Streicherstück Xenos III und Miroslav Srnkas Overheating, das unter dem Eindruck der verheerenden kalifornischen Waldbrände 2018 entstand, unmittelbar in diesen Zusammenhang; wir stellen das Werk des tschechischen Komponisten, der schon mit seiner Oper South Pole (eisige) Temperaturen in Musik setzte, als deutsche Erstaufführung vor. Eine Entde-ckung ist auch die litauische Komponistin Justė Janulytė, deren flirrende Streicherklänge im Stück Elongation of Nights eine ganz andere Art musikalischer Wärme suggerieren. Weitere zentrale Auf-trags- bzw. Ur- und Erstaufführungswerke in der Saison kommen von Johannes Maria Staud, der erstmals ein Kammerorchesterwerk für das MKO geschrieben hat, Thomas Adès (Deutsche Erstauf-führung des Cellokonzerts mit Steven Isserlis) und dem Ungarn Márton Illés, dessen Violinkonzert für Patricia Kopatchinskaja nach seiner Uraufführung in Köln zum Saisonabschluss in München zu erle-ben sein wird. Solisten der Abonnementreihe sind (neben den Genannten) der Geiger Christian Tetz-laff, die Pianisten Alexander Melnikov und Evgeni Bozhanov, der Cembalist Mahan Esfahani, die Klarinettistin Sharon Kam, der Bariton Georg Nigl sowie Helmut Lachenmann in beiden Sprecherrol-len seiner Zwei Gefühle. Als Gastdirigenten begrüßen wir Ilan Volkov, Joshua Weilerstein und Chris-tian Kluxen, die alle zum ersten Mal mit dem Orchester arbeiten.
Wie immer beim MKO geht es auch darum, das Saisonthema über die Musik hinaus in zentrale ge-sellschaftliche Fragestellungen zu erweitern. So begleiten wir in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung die ›Wärme‹-Saison mit einer Gesprächsreihe, um unter dem Titel ›Wärme und Wallung‹ vor vier der acht Abonnementkonzerten eine Stunde lang über die großen gesellschaftlichen Phäno-mene und die politischen Herausforderungen unserer Zeit zu sprechen: die Erwärmung des Planeten, soziale Kälte, Radikalisierung, technologische Beschleunigung und emotionale Überhitzung.

 

NACHTMUSIK DER MODERNE Die ›Nachtmusik‹ in der Pinakothek der Moderne erlebt mit Johannes Maria Staud nicht nur ihre 50. Ausgabe, sondern davor noch eine Premiere: erstmals ist ein Doppelporträt angesetzt, das den 2017 verstorbenen Komponisten Klaus Huber an die Seite seiner Frau Younghi Pagh-Paan stellt. Das dritte Porträtkonzert ist dem amerikanischen Komponisten Terry Riley gewidmet, der eine solitäre Rolle zwischen den Anfängen des Minimalismus, indischen Einflüssen und Hippiekultur einnimmt. Erstmals wird eine ›Nachtmusik‹ dabei von Konzertmeister Daniel Giglberger geleitet. Solisten der ›Nachtmusiken‹ sind der Pianist William Youn (Pagh-Paan|Huber), der Geiger Ilya Gringolts (Staud) und die amerikanische Pianistin Sarah Cahill, die mit dem Werk Terry Rileys engstens vertraut ist.

 

SONDERKONZERTE
Das jährliche Kinderkonzert bringt eine Neuauflage der Zusammenarbeit mit dem Schlagzeugduo Double Drums, die diesmal unter dem Titel ›Frostig, Feurig, Furios‹ vor allem afrikanischen und süd-amerikanischen Rhythmen nachgeht. Begleitet wird das Kinderkonzert im Vorfeld wieder von vorbe-reitenden Workshops im Rahmen des umfangreichen Education- und Musikvermittlungsprogramms des MKO.
Seine 14. Auflage erlebt das Münchener Aids-Konzert als zentrales soziales Engagement des MKO; als Gaststars musizieren die King’s Singers, die Geigerin Arabella Steinbacher, der Bariton Michael Volle, die Sopranistin Gabriela Scherer und der Schlagzeuger Alexej Gerassimez unter Leitung von Clemens Schuldt für die Münchner Aids-Hilfe. Seit seinem Entstehen im Jahr 2007 konnte das MKO bereits eine viertel Millionen Euro einspielen.
Neben den gemeinsamen Auftritten in drei Münchner Clubs (Harry Klein, Rote Sonne und Pacha) mit Musikern der Münchner Philharmoniker unter dem Titel BMW Clubkonzerte wird auch die Reihe MKO Songbook im Schwere Reiter in Kooperation mit ›scope, Spielraum für aktuelle Musik‹ fortge-setzt: mit einer Spezialausgabe anlässlich eines von der Pianistin Sabine Liebner initiierten Festivals zum 100. Geburtstag der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja im Dezember 2019 sowie einer weiteren Ausgabe im April 2020 unter der Leitung des jungen Dirigenten Ryan Bancroft.
Seine langjährige Zusammenarbeit mit der Versicherungskammer Kulturstiftung setzt das MKO mit dem Projekt ›A World of Daughters‹ fort. Im Mittelpunkt steht dabei eine der zentralen Musikerper-sönlichkeiten Norwegens: der Pianist und Komponist Jon Balke, ein Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz, komponierter und improvisierter Musik. Die Uraufführung von A World of Daughters, das er für die Trondheim Voices und das MKO unter Leitung von Clemens Schuldt schreibt, steht exempla-risch für diesen Ansatz.
Nicht zuletzt ist das MKO auch bei ›Der Gasteig brummt!‹ zu erleben. 2018 vertonte Ali N. Askin den Kinderbuchklassiker Peterchens Mondfahrt im Auftrag des MKO neu. Nach einer umjubelten Premie-re im MKO-Kinderkonzert 2018 mit Bildern des Kinder- und Jugendprogramms ›Fränzchen‹ des Mu-seums Villa Stuck bringt das Ensemble unter Leitung des jungen Dirigenten Patrick Hahn und mit dem Komponisten Ali N. Askin als Sprecher das Werk nun im Rahmen von ›Der Gasteig brummt!‹ erneut auf die Bühne.

 

KOOPERATIONEN IN MÜNCHEN Auch in der neuen Saison gibt es zahlreiche Kooperation und Konzertaktivitäten des MKO in Mün-chen. Erneut ist das Ensemble in zwei Produktionen der Bayerischen Staatsoper zu erleben: im April 2020 in Ambroise Thomas Mignon, der Opernstudio-Produktion unter der Musikalischen Leitung von Pierre Dumoussaud im Cuvillés-Theater, und in der Wiederaufnahme von Joseph Haydns Orlando Paladino im Prinzregententheater unter der Musikalischen Leitung von Ivor Bolton im Rahmen der Münchner Opernfestspiele.
Eine neue Zusammenarbeit verbindet das MKO seit 2019 mit der Münchner Sicherheitskonferenz. Nach einer ersten gemeinsamen Veranstaltung im Februar 2019 mit Igor Levit wird das MKO 2020 den Auftaktabend der 56. Münchner Sicherheitskonferenz am 13. Februar 2020 gestalten. Ziel ist es, eine Brücke zwischen Musik und Politik zu schlagen und einen Dialog mit herausragenden Persön-lichkeiten aus beiden Bereichen zu initiieren – auch hier wird es inhaltlich um Klimapolitik gehen. Solistin des Abends für geladene Gäste im Prinzregententheater ist die Geigerin Julia Fischer.
Traditionell startet das MKO in seine neue Saison beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD, 2019 in den Fächern Klarinette, Violoncello und Fagott sowie mit dem 2. Preisträgerkonzert.
In der Reihe der sonntäglichen Orchestermatineen im Prinzregententheater bei der Konzertdirektion Bell’Arte wird das Kammerorchester in der Saison 2019/20 dreimal zu erleben sein: Am 13. Oktober 2019 mit dem Pianisten Kit Armstrong, am 19. Januar 2020 mit Xavier de Maistre (Harfe) und Lucero Tena (Kastagnetten) und unter Leitung von Gregor A. Mayrhofer und mit dem Pianisten Szymon Nehring am 16. Februar 2020.

 

GASTSPIELE | TOURNEEN 2019 gastierte das Orchester u.a. in der Zaryadye Concert Hall Moskau, beim Festival Musika-Música Bilbao, in Barcelona, Madrid und mit zwei Konzerten im Teatro Cólon in Buenos Aires sowie in Rio de Janeiro. Für die Spielzeit 2019/20 sind u.a. Tourneen nach Asien mit Konzerten in Taiwan, Shanghai und Peking (mit dem Cellisten Steven Isserlis) sowie erneut nach Südamerika in Planung. Zudem füh-ren Gastspiele das Orchester nach Ravensburg, zum Mozartfest Würzburg, dem Rheingau Musik-festival, den Weidener Meisterkonzerten, den Kasseler Musiktagen, der Philharmonie Köln mit einer Uraufführung von Vito Žuraj und in die Tivoli Concert Hall in Kopenhagen.

 

MUSIKVERMITTLUNG
Das Musizieren mit und für Kinder und Jugendliche ist und bleibt ein zentraler Aspekt des MKO und seines umfangreichen und anspruchsvollen Education-Programms, das von den Orchestermitgliedern und Clemens Schuldt mit großem Engagement betrieben wird.
Für das Kinderkonzert 2020 arbeitet das MKO erneut mit dem bayerischen Percussion-Duo Double Drums zusammen. Es wird ›Frostig, feurig, furios‹, wenn das MKO und Double Drums in der ›Wär-me‹-Saison mit jeder Menge Instrumente aus allen Ecken und Hitzegeraden der Erde vor allem afri-kanischen und südamerikanischen Rhythmen nachgeht. Zudem bringt das MKO den Kinderbuchklas-siker Peterchens Mondfahrt wieder aufs Programm; beim ›Der Gasteig brummt!‹ am 20. Februar 2020 sowie ein paar Tage später auf Schloss Elmau.
Neben diesen Highlights und den BMW Clubkonzerten in den Münchener Clubs Pacha, Rose Sonne und Harry Klein gehören auch Probenbesuche, Konzerteinführungen durch Schüler vor den Abonne-mentkonzerten, die Kooperationen mit ›Rhapsody in School‹ sowie das Format ›MKO mini‹ zum Or-chesteralltag. Die Zusammenarbeit mit P-Seminaren an Münchener Gymnasien wird momentan mit einer Schülergruppe des Luitpold-Gymnasiums fortgesetzt, die über zwei Schuljahre den Orchester-betrieb begleitet. Ebenfalls auf zwei Jahre angelegt ist die Partnerschaft mit der Grundschule an der Flurstraße, die auf verschiedenen Ebenen mit moderierten Probenbesuchen, speziellen Konzertein-
führungen, Besuchen von Musikern im Unterricht etc. gefüllt werden wird. Eine intensive Zusam-menarbeit verbindet das MKO mit der Musikhochschule München, an der es regelmäßig an Dirigier-workshops mitwirkt.

 

FÖRDERUNG Das MKO wird vom Freistaat Bayern, der Landeshauptstadt München und dem Bezirk Oberbayern öffentlich gefördert.
Hauptsponsor des Münchener Kammerorchesters ist seit 2006 die European Computer Telecoms AG (ECT). Ab der Saison 2019/20 ist ECT auch exklusiver Sponsor der ›Nachtmusik‹-Reihe in der Pinako-thek der Moderne.

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