DER LOZZI-TALK

Im dritten gemeinsamen Semester mit dem P-Seminar des Pestalozzi-Gymnasiums interviewen die Schülerinnen und Schüler zu jedem Abo-Konzert eine Person, die über das ›Wandern‹ im Zusammenhang mit der Musik spricht – im Dialog dazu steht ein eigens dafür gemachtes fotografisches Porträt.

DOMINIK LUDERSCHMID, KONTRABASSIST MKO
Dominik Luderschmid wuchs in der Nähe von Donauwörth auf und hat eine enge Bindung zur Natur und den Bergen. Er studierte neben dem klassischen Kontrabass auch Jazzkontrabass und ist seit 2014 Mitglied des Münchener Kammerorchesters.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Für mich sind ganz klar die Berge damit verbunden, weil ich in der Nähe aufgewachsen bin. Wenn ich ans Wandern denke, dann heißt das raus fahren, jetzt auch mit meiner Tochter hinten auf dem Rücken spazieren gehen, Natur genießen, abschalten, Energie sammeln – ich verbringe viel Zeit draußen.

Und wo sind Sie aufgewachsen?
In der Nähe von Donauwörth, geboren bin ich in Augsburg, aber in den Ferien war ich immer in den Bergen, entweder irgendwo mit der Familie oder auf diversen Jugendfreizeiten – oft für mehrere Tage unterwegs von Hütte zu Hütte.

Welche Musik haben Sie beim Wandern im Kopf?
Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, ich hab da konkret was im Kopf. Wenn ich an meine Kindheit denke, war es tatsächlich Bruckner und Mahler. Aber jetzt als Erwachsener nichts mehr.

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Und beim Reisen? Ihr seid ja auch viel mit dem Orchester unterwegs!
Es ist meistens Musik, die mich durch unsere Konzertprogramme beschäftigt.

Und weswegen Bruckner und Mahler?
Wenn ich als Teenager in Richtung Berge gefahren bin, habe ich bei deren Anblick Bruckner aufgedreht; auch wenn das ein bisschen nerdig ist.

Also haben Sie dann immer die volle Dröhnung Klassik gehört, auch heute?
Nein, überhaupt nicht! In letzter Zeit höre ich vor allem Kinderlieder um ehrlich zu sein. Wenn ich versuche was anderes aufzulegen, dann sagt meine 2-jährige Tochter: „Papa, anderes!“ und dann müssen es wieder die Kinderlieder sein.

Und gibt es ein Instrument, das Sie mit Wandern oder Bergen verbinden?
Ich war immer auf einer Hütte, auf der der Wirt jeden Abend Akkordeon gespielt hat. Dann Gitarre. Und so trivial wie es klingt, aber ich würde mit dem Klang der Berge, Hörner assoziieren.

Und würden Sie sagen, dass Musik wandert?
Ich kann von mir persönlich sagen, dass ich Musik zu verschiedenen Zeitpunkten meines Lebens ganz anders gehört habe oder anders gut fand.
Auch wenn ich mir jetzt manche Aufnahmen anhöre, denke ich mir: „Wie haben die das gut finden können? Wie hat man das machen können?“, oder… [lacht] „wie hat man das so spielen können?“ Aber wahrscheinlich haben die Menschen in dieser Epoche so gedacht und den Zeitgeist, der Musiker und der Leute so getroffen.
Also in dem Sinne wandert Musik unglaublich. Auch für mich selber.

Was ist für wichtiger: Das Wandern selber oder das Ankommen?
Das kommt total darauf an. Schuhe schnüren und loslaufen – da ist das Ankommen für mich jetzt nicht so wichtig, da ist das Erleben zu hundert Prozent das Wichtigere. Beim Bergsteigen oder Klettern ist das anders. Da sucht man sich schon Ziele und geht mit dem Ziel vor Augen los.

Das Interview führten Paul Schubert, Emma Hoch und Sophie Cramer.

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AHMAD SHAKIB POUYA
Bedroht von den Taliban musste der gelernte Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya aus seiner Heimat Afghanistan fliehen. Nach zweijähriger Flucht gelangte er schließlich 2011 nach Deutschland. Unter öffentlichen Protesten und großer medialer Aufmerksamkeit drohte ihm nach 6 Jahren die Abschiebung, die er durch seine freiwillige Ausreise verhinderte. Nach 55 Tagen in seiner Heimat konnte er, dank der engagierten Unterstützung vieler Helfer und Institutionen nach Deutschland zurückkehren, wo er seither als Künstler in verschiedene kulturelle Projekte, unter anderem in Augsburg und München, eingebunden ist.

Wie lange hat Ihre Flucht insgesamt gedauert?
Zwei Jahre hat meine Reise oder meine Flucht gedauert und das war eine lange Zeit. Im Iran war ich zwei Tage. In der Türkei einen Monat. Und in Italien war ich nur ein paar Tage. Aber eine lange Zeit war ich in Griechenland. Vier Monate auch im Gefängnis, weil ich illegal nach Berlin fliegen wollte. Einmal bin ich mit dem Schiff nach Italien gekommen, aber mit einem falschen Pass. Ich wurde festgenommen und zurück nach Griechenland abgeschoben. Dann war ich einen Monat im Gefängnis. Als ich wieder frei war, habe ich es noch einmal versucht. Mit einem LKW – wir waren 13 oder 14 Leute in dem LKW und saßen zwischen Baumwolle – habe ich es dann von Griechenland nach Italien geschafft und von Italien bin ich mit einem Taxi nach Deutschland gekommen.

Was haben Sie auf Ihrer Reise gemacht? Hatten Sie ein Instrument dabei und haben Musik gemacht, oder wie kann man sich das vorstellen?
Musik konnte ich nicht wirklich machen. Tagsüber haben wir versucht, einen Weg zu finden weg zu kommen oder einen Schlepper zu finden. Arbeiten durften wir sowieso nicht. Abends oder nachts wenn wir dann zurückgekommen sind, haben wir gemeinsam gekocht, gegessen, zusammen gesessen und gesungen. Musik war immer eine Lösung für unseren Stress. Wir haben zumindest kurz versucht, einfach nur an Musik zu denken, zu singen und was zu spielen, um unseren Stress zu vergessen.

Inwiefern hat Ihre Flucht Ihr Verhältnis zum Wandern geändert?
Flucht kann man nicht Wandern nennen. Andererseits, irgendwie war das auch wandern: Du musst irgendwohin gehen, obwohl du nicht willst. Du weißt nicht, wohin du gehen wirst und was unterwegs passieren wird. Aber dieses Wandern hatte auch schöne Seiten. Ich habe auch unterwegs, also auf der Flucht,  viele neue Sachen gelernt. Irgendwie bin ich härter geworden im Kampf mit dem Leben. Ich habe schon so viele Sachen erlebt und für mich ist  Wandern, wenn ich etwas lerne. Durch dieses Wandern, diese Flucht, habe ich auch etwas gelernt.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Letztes Jahr war ich mit Freunden zusammen in den Alpen. Und als wir auf den Bergen waren, hab ich mich so zu Hause gefühlt. Das war für mich einfach schön, es war wie daheim in Afghanistan. Deswegen ist mir Wandern auch so wichtig.

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Sind Sie in einem kleinen Grüppchen geflohen, oder waren Sie alleine?
Immer wieder musstest du irgendwo bleiben und übernachten. Und natürlich waren da andere Flüchtlinge, die den gleichen Weg hatten. Also habe ich auch immer neue Leute kennengelernt. Mit einem Jungen war ich zwei, drei Monaten in einer Wohnung zusammen. Jetzt sind wir bei Facebook immer noch befreundet und ich sehe seine Videos. Er spielt mit einem großen Orchester und  ich mache meine Konzerte. Neulich hat er mir geschrieben: „Schau wo wir waren und wo wir jetzt sind und was wir geschafft haben“. Diese irgendwie schlechten Erlebnisse, die wir damals in Griechenland und unterwegs hatten, die sind jetzt zu schönen Erinnerungen geworden. … Ich denke immer noch an diese kleinen Momente, wie wir einen Abend zusammengesessen und Musik gespielt haben, das vergesse ich nicht. Aber diesen ganzen Stress, den habe ich vergessen. Die schönen Momente bleiben immer noch im Kopf, die habe ich immer noch in Erinnerung.

Sind Sie während Ihrer Flucht viel gelaufen?
Ich war zu Fuß unterwegs, bin mit dem Auto gefahren, war mit dem Schiff unterwegs und in einem LKW versteckt zwischen Baumwolle. Aber eigentlich bin ich mehr gelaufen und dieses Laufen war furchtbar, immer mit Angst verbunden, weil du illegal bist. Du hast Angst vor der Polizei, du hast Angst vor normalen Leuten und du hast Angst vor Schleppern.  Du bist ein Flüchtling. Und so bin ich viel gelaufen und durch viele Länder. Ich bin aus Afghanistan in den Iran, und vom Iran in die Türkei und von der Türkei nach Griechenland, Griechenland dann Italien, und dann über die Schweiz nach Deutschland gekommen. Sieben Länder musste ich durchqueren.

Das Interview führten Annika von Bechtolsheim und Piernicolo Bilato (Q12).
Foto: Piernicolo Bilato 
 

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PETER FLEMING, HARRY KLEIN CLUB
Peter Fleming, Mitinhaber des Harry Klein Clubs, einem international bekannten Techno-Club in der Sonnenstraße, ist begeisterter Techno-Fan, freut sich aber auch immer wieder die Konzerte des MKO zu besuchen und die Musiker in seinem Club spielen zu hören. Noch begeisterter ist er jedoch, wenn er dem Alltag ganz entfliehen und an seinen Lieblingsort wandern kann: die Berge.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Entspannung, Meditation – und man kann beim Wandern seine eigenen Grenzen austesten. Bei meiner ersten Schneeschuhwanderung beispielsweise bin ich an meine Grenzen gestoßen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mehr weiter komme. Da stand ich hüfttief im Schnee und habe mir gedacht, „jetzt solltest du lieber mal umdrehen“. Es ist auch etwas ganz wichtiges, dass man solche Gefahren in den Bergen erkennen kann, denn die Natur nimmt keine Rücksicht auf den Menschen.

Wann sind Sie zuletzt gewandert?
Ich war letztes Jahr von 365 Tagen 65 Tage in den Bergen. Dieses Jahr werden es wahrscheinlich noch mehr! Das kann ich glücklicherweise mit meinem Job verbinden. Die Arbeit ist stressig, ich arbeite auch meine 180 Stunden im Monat, aber das ist eben eine Entscheidung, die man für sich trifft. Andere gehen dafür regelmäßig feiern, in Konzerte oder ins Kino. Ich geh eigentlich ganz selten ins Kino. Ich hab die Natur, das ist mein großes Kino. Ich finde es klasse, welche Perspektiven sich beim Wandern ergeben. Selbst wenn du den gleichen Weg noch einmal gehst. Mal hast du anderes Wetter oder bist mit anderen Leuten unterwegs. Es ist immer ein anderes Gefühl. 

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Haben Sie eine bestimmte Musik im Kopf, wenn sie wandern gehen?
Ich hab tatsächlich mal versucht mit Musik wandern zu gehen, aber es gefällt mir nicht. Ich war dann irgendwie nicht mehr in der Natur, denn die Natur hat ihre eigenen, wichtigen Klänge. Man hört Tiere, den Wald oder den Wind und das sind ja auch Zeichen, die man zum Teil deuten muss.

In wie weit wandert Musik für Sie?
Ich bin recht vielseitig und offen wenn es um das Hören von Musik geht. Da ich aber natürlich einen Elektro-Club betreibe, verfolge ich elektronische Musik am aller meisten. Und das Schöne an dieser Musik ist dabei eben diese Entwicklung zu beobachten und wahrzunehmen. Es passiert auch immer noch, wenn ich im Club oben stehe, dass ich einen Bass oder ein Geräusch höre, das ich vorher noch nicht kannte und das ist eben das faszinierende und spannende für mich. Ich gehe auch immer noch mindestens einmal im Jahr auf ein Techno-Festival, lustiger Weise meistens nach einer 14 Tage Wandertour [lacht], weil es immer noch inspirierend und ein ganz besonderes Erlebnis ist, bei dem man in eine ganz andere Welt eintaucht.

Was ist für Sie wichtiger? Das Wandern oder das Ankommen?
Natürlich das Wandern. Das Ankommen ist auch schön, gerade wenn man auf einer Mehr-Tages-Tour ist. Dann kommt man sicher auch gern auf der Hütte an und entspannt sich. Das ist ja auch die Ruhezeit dazwischen, die auch wichtig ist. Aber gerade beim Bergsteigen, das ich persönlich noch viel interessanter finde, da man hier auch größeren Herausforderungen begegnet, ist der Weg natürlich schon das Ziel. Ganz klar!

Das Interview führten Emma Hoch und Paul Schubert (Q12). 

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ABT JOHANNES ECKERT, BENEDIKTINERABTEI SANKT BONIFAZ
Der Geistliche Johannes Eckert bezeichnet sich selbst als ›Gottsuchenden‹. Seit 2003 steht der charismatische Abt der Bedektinerabtei St. Bonifaz in München vor, wo er sich unter anderem für obdachlose Mitbürgerinnen und Mitbürger engagiert und für ein sehr lebendiges Gemeindeleben sorgt. Auf seinem Weg zu Gott leitet ihn sein Wahlspruch: ›Lieben aus ganzem Herzen‹.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Also für mich ist Wandern wichtig. Ich versuche einmal in der Woche wandern zu gehen. Das ist die normale Geschwindigkeit des Menschen, man muss nicht so aufpassen wie beim Fahrradfahren oder beim Skifahren, und ich komme so einfach zur Ruhe und kann dabei gut meine Gedanken sortieren oder mich inspirieren lassen. Es ist einfach für meine Seele gut.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Gestern [lacht] mit einem Freund. Weil gestern nicht so schönes Wetter war, sind wir nicht in die Berge, sondern waren unterwegs zwischen Starnberger See und Isar. Um Wolfratshausen rum.

Welche Musik haben Sie beim Wandern im Kopf?
Ach das ist ganz unterschiedlich. Mal kommt mir irgendein Lied in den Sinn oder etwas, das wir in der Liturgie singen. Aber es kann auch mal etwas Aktuelles sein, gestern hatte ich irgendwie Avici Without you im Kopf, weil ich das vorher gehört hatte, neulich ist mir die Bach-Kantate Bleibt der Engel bleibt bei mir nicht aus dem Kopf gegangen.

Sie engagieren sich in St. Bonifaz für Menschen ohne festen Wohnsitz und öffnen obdachlosen Menschen ohne jegliche Vorbedingungen Ihre Türen. Sie kümmern sich daher um auf der Wanderung befindliche Menschen. Was bewegt Sie dazu?
Für Menschen, die auf der Straße leben und keinen festen Wohnsitz haben, ist es wichtig, dass sie einen festen Anlaufpunkt haben, wo sie bleiben können. Das soll unser Hanebergerhaus hier in der Stadt sein. Ein Stück Heimat für Viele auf der Wanderung.

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Inwiefern sind diese Menschen für Sie auf einer Wanderung?
Wir stellen fest, dass viele unserer Gäste in den letzten Jahren aus Osteuropa kommen, weil sie dort keine Perspektiven für ihr Leben finden. Leider haben sie auf ihrer Suche nach Arbeit und neuer Heimat bis jetzt keinen Erfolg gehabt.

Wie bewerten Sie aktuell die Situation in Deutschland, speziell in München?
Leider nimmt die Zahl derer, die Hilfe brauchen, in München und in unserem Lande nicht ab. Wenn wir ihnen wenigstens mit grundlegenden Bedürfnissen wie Verpflegung, Dusche, Kleidung, ärztlicher Versorgung und Beratung weiterhelfen können, sehen wir darin einen wichtigen Dienst.

Passend zur Weihnachtszeit: Inwiefern verbinden Sie die Adventszeit mit Wandern?
Der Advent ist eine Zeit der Erwartung, weil wir einem Geburtsfest entgegen gehen. Wir selbst sollen immer wieder zur Menschlichkeit finden, so betrachtet ist unser ganzes Leben eine einzige Wanderung – ein einziger Advent.

Das Interview führten Piernicoló Bilato und Annika von Bechtolsheim (Q12). 

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YUKI KASAI, KONZERTMEISTERIN DES MKO
Yuki Kasai begann im Alter von fünf Jahren mit dem Geigenspiel. Nach Studienjahren, u. a. an der Musikhochschule ›Hanns Eisler‹ Berlin, ist sie heute international bei zahlreichen Orchestern zu Gast. Die Schweizerin mit dem charmanten Lachen ist seit dieser Saison Konzertmeisterin des MKO.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Ich komme aus der Schweiz; wir waren jede Woche mit der Schulklasse wandern. Ich wandere sehr gerne, sowohl physisch als auch einfach in meinen Gedanken. Ich finde weiterkommen, woanders ankommen immer spannend, deswegen wohne ich auch in vier verschiedenen Städten [lacht]. Ein Stillstand ist nie gut. Wenn man sich menschlich weiterentwickeln möchte, beinhaltet das Wege, Abkürzungen, Sackgassen, und im weitesten Sinne ist das für mich auch eine Wanderung.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Jetzt im Sommer in Japan. Das war in einem kleinen Tal, das berühmt ist für seine Thermalbäder. Wir sind von einem Dorf zum nächsten gewandert, immer am Fluss entlang und sind dabei nur ganz wenigen Leuten begegnet. Es war wahnsinnig heiß und stickig, aber andererseits unglaublich schön.

Welche Musik haben Sie beim Wandern im Kopf?
Ehrlich gesagt gar keine. Ich versuche dann einfach das, was um mich herum passiert mehr wahrzunehmen: ob Vögel oder Frösche, den Fluss oder sogar die Autobahn.

Welches Instrument verbinden Sie mit Wandern?
Kuhglocken (also im weitesten Sinne ein Schlagzeug-Instrument)… In der Schweiz trifft man irgendwie an jeder Ecke Kühe und dann hört man immer die Kuhglocken. Dieses Gebimmel, das immer da ist, so wie ein Ostinato, es ist immer ein Zufallsprinzip.

Inwiefern würden Sie sagen, dass Musik wandert?
Manchmal ist ›Musik machen‹ wie eine Reise: besonders bei langen Stücken und bei Uraufführungen. Man weiß nie genau, was während dieser Reise passieren wird. Ob das jetzt wirklich Wandern ist, weiß ich nicht, aber ganz sicher ist es, wenn man gemeinsam ankommt, jedes Mal eine neue, andere Reise gewesen. Auch ›Musik hören‹ hat mit Wandern zu tun: Allerdings ist das Gefühl, vor allem das Zeitgefühl, anders ob man spielt oder zuhört. Als Musiker muss man aus einem Stück das rausholen, was für den Zuhörer wichtig ist. Und für den Zuhörer ist das dann ein bisschen wie auf einer Achterbahnfahrt im Dunkeln. Vor allem wenn man Stücke hört, die man noch nicht kennt. Du hast keine Ahnung, wohin sie als nächstes fährt; du lässt dich einfach von der Musik mitziehen. Deswegen ist es eher ein passives Wandern, ein Mitwandern. Aber auch der Zuhörer kommt am Ende des Stückes
woanders an.

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Was ist wichtiger: Das Wandern oder das Ankommen?
Ich glaube für mich ist doch das, was dazwischen ist, also eben das Wandern, wichtiger. Ich mag dieses Fortbewegen an sich – wenn ich Wandern gehe, gehe ich nicht, um irgendwo anzukommen. Wenn man Wandern auf einen gedanklichen Prozess bezieht und die Gedanken schweifen lässt, dann kommt man auch manchmal in Gebiete, die man nicht unbedingt kannte oder die man da nicht vermutet hat. Und manchmal kann Wandern auch eine Art Grenzerfahrung sei.

Das Interview führten Lotte Etschmann und Moéma Tiefengruber (Q12).

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PETER WINTER, KLAVIERSTIMMER
Seit etwa 30 Jahren sorgt der gebürtige Münchner Peter Winter für gestimmte Klaviere in München und Umgebung. Seine Kindheit verbrachte er in Amerika. Mit 18 Jahren erblindete er und hat seitdem eine besondere Beziehung zur Musik. Ende der 70er Jahre macht er eine Ausbildung zum Klavierstimmer. Für ihn dürfte es durchaus mehr ›Stille‹ geben im Alltag.

Was bedeutet Wandern für Sie?
Mmh… Schön (lacht). Es macht Spaß, Freude und wenn man in den Bergen wandert, dann fühlt es sich gut an, im Körper. Man tut was, genießt die tolle Luft und die Berge, und man fühlt sich danach total gut, wohl. Das Wandern durch ein Musikstück ist wie eine Reise, je nachdem was für ein Musikstück es ist, oder Wandern durch ein Konzert, genau so.

Wann sind Sie das letzte Mal gewandert?
Das ist noch gar nicht so lange her. Jetzt im Sommer, im August irgendwann am Chiemsee mit meiner Familie.

Was ist Ihr Lieblingswanderziel?
Einer meiner Lieblingswanderwege ist in Schäftlarn an der Isar entlang gern auch öfter mal. Und Kochel am Walchensee ist schön. Und das Hörnle natürlich.

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Sie sind ja Klavierstimmer und haben einen Bezug zur Musik. Welche Musik haben Sie denn beim Wandern im Kopf?
Ganz unterschiedlich, meistens höre ich eigentlich zu. Also den Vögeln, dem Wind, den Bäumen und dem Rauschen.

Haben Sie ein spezielles Lied, dass Sie mit dem Wandern verbinden?
Eigentlich nicht.  Am ehesten vielleicht „Der Schneider mit der Maus“- aber sonst eigentlich nicht. Ich genieße eher die Ruhe, dass mal nichts ist –  nichts ist außer Stille.

Welches Instrument verbinden Sie mit Wandern?
Schlagzeug, generell Percussion, oder Kontrabass.

In Ihrer Kindheit haben Sie ja an vielen verschiedenen Orten gelebt, auch in Amerika. Welche Erfahrungen haben Sie dadurch gemacht?
Naja ich hab quasi als Sehender, vor meiner Erblindung, schon sehr viel von der Welt gesehen. Die riesigen Wälder und wahnsinnigen Schneemassen dort in Amerika und später die Bahamas und Florida. Das Meer und auch die Welt unter Wasser. Da zehre ich viel davon, weil die Bilder habe ich alle noch im Kopf.

Haben Sie durch Ihre Erblindung besondere oder andere Erfahrungen beim Wandern gemacht?
Ja klar, man nimmt ja anders wahr. Nicht optisch, sondern eher durch Geruch, Hören, Fühlen, also die Wahrnehmung ist etwas anders. Als Sehender guckt man halt ›ah da drüben da ist der Berg‹ oder so und für mich ist es eher ›wie hört es sich an, wie fühlt es sich an, wie riecht es‹. Die Wahrnehmung ist einfach anders.

Was ist für Sie wichtiger, das Wandern oder das Ankommen?
Das Wandern! Es ist einfach schön so dahinzuwandern und bei sich zu sein. Wobei das Ankommen in der Wirtschaft ist auch schön (lacht).

Spielt die Erfahrung des Unbekannten, des Neuen für Sie eine Rolle beim Wandern oder beim Musik hören?
Klar. Das ist wichtig für mich. Wie gesagt für mich ist der Weg irgendwie interessanter als die Ankunft. Natürlich ist das auch schön vor allem wenn man in die Wirtschaft einkehrt, aber der Weg ist eigentlich das spannende. Wenn ich ein neues Musikstück höre und erobere, ist es dasselbe.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Ich bin ja spät erblindet, also durch einen Unfall mit 18 und es gibt nicht so viele Blindenberufe – die meisten davon sind Büroberufe und das gefällt mir nicht. Für mich kam damals nur in Frage Physiotherapeut oder  Klavierstimmer.

Und wieso Physiotherapeut? Physiothearpie und Klavierstimmen sind ja zwei sehr unterschiedliche Berufe.
Das waren die, die für mich in Frage kamen, die mir halt Spaß machen. Aber dadurch, dass ich sowieso schon Musik gemacht habe habe ich mich dann für Klavierstimmen entschieden. Und weil ich eben eine Affinität zur Musik habe.

Für welche VIPs haben Sie schon Klaviere gestimmt?
VIPs? Herbie Hancock, Udo Jürgens, dann mach ich viele so Fehrnsehsachen, zum Beispiel bei ‚Sportler des Jahres‘ und einigen Klassiker, also ‚Winners and Masters‘. Das ist eine Serie, die ARD Preisträger ist. Und, wer war denn noch…Caterina Valente, Paul Kuhn, ja für die Bambiverleihung auch mal. Und bei vielen Jazzgrößen zum Beispiel Eddie Harris. Und oft auch in die Muffathalle. Das sammelt sich im Lauf der Zeit alles an.

Das Interview führten Annika von Bechtolsheim und Sophie Cramer (Q12).

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