BLOG: ON TOUR IN CHINA von Bernhard Jestl

Nach der Konzertreise in Cartagena 2018 berichtet wieder Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, von der Reise nach China, den kleinen, kulturellen Unterschieden und natürlich vom leckeren Essen!

Liebe Freunde,

was macht man als Musiker, wenn einem die Konzerte genommen werden? Meine Antwort ist: Mehr üben als sonst; und zwar nicht nur weil die instrumentale Qualität durch die Zeit ohne Auftritte hindurch erhalten werden muss, auch nicht weil mehr Zeit zum Üben da ist, sondern insbesondere weil – gestatten Sie mir das hochtrabende Wort – Musik unser Leben ist. Bislang ist mir das nie so klar gewesen wie jetzt; üblich ist es, sich vorzubereiten, zur Probe zu gehen, dann und wann auch mal gelangweilt zu sein oder über Musik zu meckern, jawohl, auch das gibt es, auch erfährt das Spielen von Konzerten im Laufe der Jahre eine gewisse Routine, verstehen Sie mich recht: bei aller Begeisterung für den Beruf und bei aller Privilegiertheit, die ich in Anbetracht meiner Tätigkeit fühle, kommt mir hin und wieder das Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu können, abhanden. Jetzt dagegen empfinde ich es ganz drastisch: Musik ist mein Leben! die Unmöglichkeit mit meinen Kollegen und Freunden zusammen Musik machen zu dürfen und die Begeisterung des Publikums spüren zu können, führt mir den Gefühlswert von Musik viel stärker vor Augen als sonst, mir fehlt etwas!

Nach diesem kurzen Lamento aber zurück zur eingangs gestellten Frage. Also mehr Üben, außerdem mehr Lesen: wie Sie wissen, ist das neben der Musik meine zweite Hauptbeschäftigung, und jetzt auch Schreiben. Ich habe für Sie einen Bericht über unsere China-Tournee, die wir von 29. Oktober bis 11. November unternommen haben, verfasst. Diesen Text können Sie, wenn Sie mögen, jetzt lesen. Ich habe alles, was mir merkwürdig erschien, aufgeschrieben; wenn die einzelnen Einträge verschieden lang sind, dann gab es eben unterschiedlich merkwürdige Begebenheiten, ich meine das im originalen Sinne des Wortes: merkwürdig. Dieser Bericht ist wie ein Blick zurück in eine ganz nahe Zeit, in der noch alles möglich war – was war nicht alles möglich vor ein paar Monaten!

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen,

herzlich, Ihr Bernhard Jestl

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1. Eintrag: 29. Oktober 2019

Sehr ereignisreich beginnt unsere Tournee, denn stellt sich das Einchecken am Münchner Flughafen als komplizierte Sache heraus: kann man nämlich keinesfalls direkt von München nach Taiwan fliegen. Entweder über London oder Paris oder Shanghai oder Singapur oder – das machen wir: über Hongkong. Wir wollen nach Kaohsiung, das ist eine Kleinstadt mit knapp 3 Millionen Einwohnern ganz im Süden von Taiwan, und von dort mit dem Bus weiter nach Tainan, aber ich greife vor, wir sind ja noch in München.

Umsteigen an sich ist keine besondere Sache: aussteigen, spazieren zum nächsten Flugzeug – einsteigen; bestenfalls paar Sicherheitskontrollen dazwischen. Wenig Zeit, anderthalb Stunden nur ist diesmal zum Umsteigen eingeplant, das ist nicht viel für einen riesigen Flughafen wie Hongkong, da treffen sich ja Tausende: Europa, Ostasien, Australien, Amerika begegnet sich dort: Menschen quirlen durcheinander, entheddern sich wieder und verschwinden in ihren jeweiligen Flugzeugen, als hätten sie sich nie gesehen. Jemand fliegt von Los Angeles nach Dubai, jemand anders von Moskau nach Sydney, wieder Andere von München nach Taiwan: in Hongkong haben sie sich getroffen – an der Kontrolle, im Café, im Shuttlebus – weg sind sie. Dort also sollten wir unser Flugzeug, welches uns nach Kaohsiung bringen würde, finden. Kein Problem, es steht irgendwo geschrieben: Cathay Dragon nach Kaohsiung: Gate G 32, also gehen nach G 32, schon wartet dort das neue Flugzeug auf uns, nicht schwierig. Nein! wir sind ja noch in München, was auch kein kleiner Flughafen ist, aber ich schweife ab.

Wichtig, wenn man umsteigt,

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ist die Frage, ob das Gepäck in Hongkong in Empfang genommen werden muss, um gleich hernach beim nächsten Flug erneut eingecheckt zu werden. Das würde bedeuten: wandern zur Gepäckankunft, warten bis der Koffer ankommt, gehen zum Schalter der Fluggesellschaft, Koffer einchecken, weiter zum Gate G 32, zudem durch drei bis vier Kontrollen! Also, das Gepäck bitte durchchecken, damit es automatisch zum neuen Flugzeug transportiert werden kann. Wir in München wollen das versuchen, aber ach, die freundlichen Lufthansamitarbeiter sehr bedauerlich, es gäbe kein Abkommen zwischen Lufthansa und Cathay Dragon, wir versuchen alles, jeder von uns an seinem Schalter, und was soll ich sagen, mein Schaltermensch schafft es: Gepäck durchgecheckt bis Kaohsiung, ich müsse meinen Koffer nicht zum neuen Flugzeug bringen, versichert er und hängt kurzerhand einen Anhänger an mein Gepäckstück: von München über Hongkong nach Kaohsiung steht da nun drauf.Ich also sehr froh, gehe durch die erste Kontrolle: Durchleuchten von Geigenkasten und Notentasche, Jacke, Gürtel, Handy, Kleingeld, alles aus meinen Taschen verschwindet sauber in ein Körbchen gelegt im Scanner, dann noch stehen mit erhobenen Armen auf genau markierter Stelle und sich durchleuchten lassen. Alles wieder einpacken, nehmen Tasche und Geigenkasten, weiter zur Passkontrolle; das geht schnell: EU-Pässe können gescannt werden, kein Mensch sitzt und schaut, die gläserne Tür öffnet sich automatisch.

Jetzt! Einen Kaffee trinken, und ruft mich gleich Viktor, ein Kollege, der noch draußen steht, an, mit meinem Kofferanhänger würde etwas nicht stimmen, ich solle zu einer Informationsstelle gehen, also ich gehe dahin, aber die freundliche Dame, wenn auf dem Anhänger stehe MUC – HKG – KHH, dann habe das bestimmt seine Richtigkeit, also keine Sorgen machen. Kaffee fertig trinken, jetzt lesen und gehen zum Abflug-Gate. Dort einige Kollegen, die alle nur bis Hongkong eingecheckt haben, nur drei von uns bis zum Ende der Reise! Ich und noch zwei. Konfusion, ich frage direkt am Gate nochmals, aber diese Mitarbeiter wissen nichts dazu zu sagen, merkwürdige Verschiedenheit bei gleichem Reiseziel. Sowieso nichts zu ändern, wir müssen bald einsteigen, also rein ins Flugzeug, das größte Passagierflugzeug der Welt: A 380, eine durchgehend zweistöckige Maschine, viele viele Menschen. Aber wenn man sitzt, hat man ja doch nur seinen halben Quadratmeter, egal ob 300 oder 600 mitfliegen.

Der Flug recht angenehm: 11 Stunden sitzen, zwei langweilige Filme ansehen, viel Wasser trinken, Abendbrot, Mittagessen, Buch lesen, bisschen durch die Reihen wandern, wenig schlafen, dabei beginnt der Flug um 23.15, Schlafenszeit eigentlich – aber schlafe ich nie lange auf solchen Flügen. Zwischendurch werden Einreisezettel für Hongkong ausgeteilt; nein, vielen Dank, ich fliege ja weiter nach Taiwan. Und dann um 6 Uhr morgens deutscher Zeit doch noch eingeschlafen.

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2. Eintrag: 30. Oktober 2019

Liebe Freundinnen, was übt man so alleine zu Hause? Also: mein Pensum ist strukturierter als sonst. Unser sonstiger Tagesablauf ist ja von Unregelmäßigkeit geprägt: kaum ein Tag ist wie der andere, das unterscheidet unseren Beruf wohltuend von anderen. Ich muss jeden Tag auf meinen Terminkalender schauen: Probe von 10 – 16 Uhr, aha, und wo proben wir heute? denn sind auch die Probenorte nicht immer die gleichen; oder es gibt eine Generalprobe um 17 Uhr und abends ein Konzert im Prinzregententheater; oder wir fahren um 14 Uhr irgendwohin, spielen dort und kommen nachts um 12 nach Hause zurück; es gibt auch Probentage, die von 14 bis 20 Uhr dauern; manchmal spielen wir eine Matinee, da beginnt die Generalprobe um neun; außerdem haben wir Konzertreisen unterschiedlicher Länge, ein bis vierzehn Tage. Um zum Üben zurückzukommen: wir üben, wenn uns der Zeitplan die Möglichkeit gibt, vormittags, nachmittags, abends, da sind wir nicht festgelegt.
Ganz anders jetzt: Nichts und niemand strukturiert meinen Tag, nachmittags also übe ich Tonleitern, Dreiklänge, Doppelgriffe, Töne aushalten. Warum nachmittags? Weil ich vormittags durch den Park laufe; um diese Tageszeit hat man mehr Platz, sich aus dem Weg zu gehen. Nachmittags also auch noch Etüden, vielleicht ein Satz aus einer Bach Solosonate.
Jetzt folgt aber der zweite Tag unserer China Tournee für Sie:

30. Oktober 2019

In Hongkong machen sich fast alle Kollegen mit ihren ausgefüllten Einreisezetteln zur Immigration auf, schnell! wenig Zeit, ich hingegen will schon entspannt zum Gate G 32 gehen, lasse mich aber trotzdem von Viktor überzeugen, nach Hongkong einzureisen, nur um nachzusehen, ob nicht vielleicht doch mein Koffer auf dem Förderband auftauchen würde: wenn das der Fall wäre, und ich nicht da, würde mein Gepäck unweigerlich hier bleiben und nicht nach Kaohsiung mitkommen. Also schnell kritzeln einen Einreisezettel und anstellen an der Passkontrolle. Zum Glück sehr zügig arbeitet die Hongkonger Polizei und nur zwanzig Minuten später stehe ich an der Gepäckausgabe, ein weiter Weg übrigens von der Kontrollstelle zum Kringel mit der Nummer weiß ich nicht mehr. Aber noch nicht zu spät, alle Kollegen noch da, und einige haben bereits ihre Koffer in den Händen, meiner nicht da, natürlich, denke ich, er wird ja bis Kaohsiung transportiert.


Was aber muss ich sehen,

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tapfer steht er auf dem Förderband und wackelt mir entgegen, mein Koffer. Ich gerührt bedanke mich bei meinem Kollegen, der darauf gedrungen hatte, nach Honkong einzureisen, um die Koffer zu suchen, jetzt aber schnell! rennen wir weiter zum Check in: Schlange stehen, Gepäck abgeben, Ticketkontrolle, Passkontrolle, Sicherheitskontrolle, Gürtel ab, Kleingeld raus, Jacke, Geigenkasten, Notentasche, sich durchleuchten lassen mit erhobenen Armen, alles wieder einpacken und hasten nach Gate G 32, noch Zeit! fünf Minuten sitzen, einsteigen, jetzt müde. Nur zwei Stunden Flug, komisches trockenes Reisgericht mit Shrimps. Einreise in Taiwan! Umfangreiches Dokument zum Ausfüllen, viele Daten aufschreiben und recht lange warten auf das Gepäck, aber ich ganz entspannt, ist ja meins bestimmt dabei, da kommt es zum Glück, Andrea, eine Kollegin leider hat weniger Glück, ihr Koffer ist in München geblieben, 17 Stunden weit weg! jetzt muss sie einkaufen: Zahnbürste, Konzertkleid, sehr ärgerlich, ich aber froh. Die Einreise ist endlich geschafft, anderthalb Stunden seit der Landung: warten, stehen, warten bis alle da sind.


Eine fröhliche junge Dame von der Konzertagentur empfängt uns, ich kaufe mir während der Wartezeit Essen und Wasser zum Mitnehmen. Es dauert lange, bis das Nachsenden des fehlenden Koffers organisiert ist, aber jetzt auf dem Weg durch feuchte tropische Temperatur zum Bus, wir haben ja Ende Oktober und schon kalt in München, hier über 30 Grad, der Bus allerdings eisig. Wir lassen gleich die Lüftung abstellen und los geht die einstündige Fahrt nach Tainan, unserem Konzertort und vor allem zu unserem Hotel!


Es ist halb sechs Uhr abends, 23 Stunden, nachdem ich meine Wohnung in München verlassen habe; jetzt betrete ich mein Hotelzimmer. Aber nicht schlafen, nur bisschen ausruhen, denn wer jetzt schlafen geht, liegt dann hellwach um drei Uhr früh im Bett. Also finde ich eine Stunde später schräg gegenüber ein kleines Restaurant und esse Suppe: bestellen an der Kasse anhand einer Speisekarte, die aus Bildern besteht, gleich bezahlen, nein, kein Getränk, sitzen auf kleinem Metallhocker ohne Lehne. Ich muss den Tisch wechseln, weil mir die kalte Luft aus einem Ventilator ins Gesicht bläst, alle dreißig Sekunden kommt es bei mir vorbeigewedelt, also drei Tische weiter ist es besser; da ist die Suppe schon aus dem großen Topf gefischt und an meinen Tisch gebracht, man freut sich über etwas Warmes, dabei hat es draußen noch 30 Grad Celsius, im Lokal aber höchstens 15. Ich habe mir einen dicken Pullover mitgebracht, der wärmt mich jetzt: sehr angenehm. Nach dem Essen gehe ich noch ein wenig die Straße entlang, jetzt wieder warm und stickig, die Gehwege in Taiwan sind wahre Kraterlandschaften, man vollführt Kurven und Spitzkehren, um erstens nicht in Löcher zu tappen, zweitens den Menschen auszuweichen, und drittens den knatternden Mopeds, die ebenfalls durch die Kraterlandschaft kurven, zu entkommen.


Jede Seitenstraße sieht gleich aus! Nahezu identische Gebäude, Läden, Imbissbuden, viele fröhliche Leute, laute lachende Kinder, Mopedfahrer mit quäkenden Hupen und überall Stromleitungen, die über uns gespannt sind, mancherorts auch herunterhängen und baumeln. Ich gehe lieber die Hauptstraße entlang und auf der anderen Seite zurück, bis ich wieder am Platz ankomme, wo unser Hotel sich befindet. Ich kaufe noch irgendwo eine große Flasche Wasser, betrete schwitzend die kühle Halle des Hotels und hole den Aufzug, der mich in den siebten Stock bringt, Schlüsselkarte, und zurück in mein Refugium. Jetzt bisschen auspacken, nur das Geringste wird herausgeholt, muss ja morgen abends wieder hinein. Es gibt W-Lan! Also schnell eine Nachricht nach Hause mit Foto von meiner Suppe und von meinem Zimmer. Mittlerweile ist es Abend geworden, jetzt doch müde und um halb elf im Bett: so klappt die Zeitumstellung recht gut.

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3. Eintrag: 31. Oktober 2019

Liebe Freunde, ich habe mir ein neues Projekt ausgedacht: nämlich habe ich während des Studiums die Beethoven Violinsonaten sträflich vernachlässigt, außer der Kreutzersonate habe ich keine wirklich studiert, es gibt aber noch neun andere, also nehme ich mir jetzt jede Woche eine vor: zehn Wochen Beethoven Sonaten! herrlich! und schon beneide ich die Pianisten, die haben 32. Aber! ich beklage mich nicht, das Repertoire für uns Geiger ist ohnehin riesig. Leider habe ich niemanden, der mich am Klavier durch diese Wochen begleitet, also stelle ich mir die Klavierstimme eben vor. Ich habe schon früher ein Projekt dieser Art durchgeführt – ich bin ein Freund von langen Entwürfen – jeden Monat eine Paganini Caprice üben, das hat zwei Jahre gedauert, gibt es ja 24 solche Capricen, jetzt ist es Beethoven, passt ja auch zum Jubiläumsjahr 2020. Sehen Sie, ohne den shut down hätte ich das nicht gemacht.
Hier ist der dritte Tag unserer Tour:

31. Oktober 2019

Frühstück: ich habe mir vorgenommen, zwei Wochen nur chinesisch zu essen, also auch morgens: gebratene Nudeln, Gemüse, aber auch Nüsse, Misosuppe, Fisch, ein Spiegelei und andere kleine Dinge, die ich gar nicht alle benennen kann, dazu Kaffee und Orangensaft. Um neun Uhr schon wach, dabei ist es zu Hause erst zwei Uhr morgens, habe ich mir aber eigentlich abgewöhnt, auszurechnen, wie spät es zu Hause ist, das verhindert die schnelle Umstellung auf die neue Zeit. Ich spaziere ein wenig durch die brennend grelle Sonne und umrunde drei bis vier Blocks, aber laut die Autos, laut die Mopeds und laut die Menschen, also wieder zurück und etwas üben, später nochmals zum gleichen Suppenrestaurant wie am Vortag.

Nachmittags

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gibt es eine Generalprobe im Tainan Municipal Cultural Center, wir fahren mit dem Bus, ein sehr farbiges Gefährt, auch innen, geschmückt mit künstlichen Blumen, falschen Kristallleuchtern und grellen Sitzbezügen – das ist in Asien häufig so, nicht nur hier. Wir bekommen Einlasskarten für den Saal, die hängen jetzt jedem am Halse. Natürlich habe ich mir wieder meinen Winterpullover mitgebracht, den brauche ich für den Bus und für den Saal. Dort ist es kalt, wir lassen gleich die Air Condition ausschalten, aber es wird doch recht schnell stickig, das ist das Dilemma in solchen klimatischen Verhältnissen: also wieder einschalten, aber nur ein wenig, Pullover wieder an, so ist’s erträglich. Wir spielen die Sinfonie „La casa del diavolo“ von Boccherini, die Abschiedssinfonie von Haydn, das C-Dur Cellokonzert von Haydn, Andante Cantabile von Tschaikowsky für Solocello und Streicher und als Zugabe den 4. Satz der Sinfonie in A-Dur KV 201 von Mozart. Das wird unser Programm für die ganze Reise sein, nichts anderes. Mit unserem Solisten, Steven Isserlis, haben wir in München bereits ausführlich geprobt, heute fangen wir die Probe an, er kommt eine Stunde später dazu, wird im extra Auto vom Hotel zum Saal gefahren.

 

Nach der Probe bekommen wir Abendessen in Pappschachteln, drei Türmchen aufgebaut gleich am Künstlereingang: Gemüse gebraten mit oder ohne Fleisch, Reis dazu, außerdem Essstäbchen und ein Zahnstocher. Alle holen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank, so sitzen wir draußen und knabbern mit der Pappe auf den Knien unter Bäumen in lauem warmem Lüftchen. Nur eine Stunde Zeit und das Konzert beginnt: voller Saal, laute Lüftung, aber es klingt schön, das Publikum begeistert, Isserlis spielt herrlich, alle sind froh, wir sind auch nicht müde, denn für uns ist es ja erst mittags, sehen Sie, jetzt habe ich doch nachgerechnet.

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4. Eintrag: 1. November 2019

Eine weite und umständliche Reise liegt heute vor uns, also frühstücke ich mich satt, wer weiß, wann man wieder etwas Richtiges bekommt.

Ein sehr bunter Bus bringt uns in einstündiger Fahrt zum Flughafen nach Kaohsiung, von wo wir nach Hongkong zurückfliegen, also Ausreisen aus Taiwan, was ganz schnell geht und zwei Stunden später Einreisen in Hongkong, wir füllen wieder ein kleines Papier aus, welches uns als Transitfahrende nach China ausweist, gehen wir ja auch gleich Richtung Brücke, die Hongkong mit Festlandchina, Mainland, wie es genannt wird, verbindet. Also, China und Hongkong haben sehr wohl eine gemeinsame Landesgrenze, habe ich schon einmal vor Jahren dort gestanden und schaudernd nordwärts geschaut, als Hongkong noch Kronkolonie von England war. Aber diese neue Brücke führt uns direkt vom Flughafen Chek Lap Kok, welcher auf einer künstlichen Insel gebaut ist, über das Perflussdelta nach Zhuhai und Macao. Kennen Sie den alten Flughafen Kai Tak? legendär dort zu landen, mitten in der Stadt zwischen den Wolkenkratzern, das ist vorbei, seit der neue Flughafen da ist, schade eigentlich, aber ich schweife ab.

Wir steigen in einen weniger bunten Bus ein und kurven etwas herum,

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wie das bei Flughäfen immer ist, bis wir schließlich in einiger Entfernung Hongkongs Skyline im Dunst erkennen können, wir aber halten uns links und steuern auf ein Gebäude zu, das uns gleich verschlucken wird: Ausreise aus der Sonderwirtschaftszone. Wir entsteigen unserem Bus, alles muss ich mitnehmen: Geigenkasten und Koffer, in welchem sich auch das Notenmaterial befindet, jetzt wiegt er fast zwanzig Kilo. Wir gehen direkt zu den Ausreiseschaltern und werden lässig und recht schnell von den Hongkonger Beamten kontrolliert, Geige und Koffer müssen durchleuchtet werden, kennt man ja. Where are you going? Zhuhai. Das Niemandsland besteht aus einer riesigen Halle, fast leer, wenig Menschen, viel zu groß ist dieser Grenzübergang, nur paar Imbissbuden und Läden sind hier zu finden, wir suchen schon den Ausgang ganz am Ende, hinter welchem wieder unser Bus wartet, er ist inzwischen außen herum gefahren. Nicht zehn, nicht zwanzig, nein, fünfzig Kameras begleiten uns auf unserem Weg. Koffer wieder in den Bus, der Fahrer macht alles, er stapelt und schiebt und räumt.

 

Jetzt beginnt die Fahrt über die längste Brücke der Welt, auf Stelzen stelzt die Straße dahin: fast immer geradeaus nur einmal gibt es einen weiten Bogen nach links, in gleißendem Licht rattern wir geblendet von der späten Sonne dahin. Nicht schneller als 60 km/h fährt unser Bus auf freier sechsspuriger Strecke. Nach ein paar Kilometern senkt sich die Straße und führt mithilfe einer kleinen künstlichen Insel unter Wasser, über uns können die Containerschiffe in die Bucht einfahren. An der nächsten Insel geht es aus dem Tunnel wieder heraus, auf Stelzen weiter Richtung Mainland China. Wir begegnen auf dieser einstündigen Fahrt fast niemandem, habe ich etwa drei Autos und einen Bus gesehen, die uns entgegengekommen sind. Hoffnungslos überdimensioniert ist dieses Projekt, ich weiß nicht, wieviel Millionen das gekostet haben mag.

        Einreise in die Volksrepublik: wir haben ja schon vor Wochen unseren Visa-Antrag gestellt, nein! ich werde nicht schreiben, wie umständlich das war; das sechsseitige Visum wurde jedenfalls auf der chinesischen Vertretung in Deutschland in einen schlichten Klebezettel in meinem Reisepass verwandelt: ich darf einreisen. Trotzdem fülle ich nochmals ein DIN-A 4 Blatt aus, scanne meine Fingerabdrücke, ein kleines Stück Papier voller Zahlen wird ausgespuckt: das bin ich, und gehe damit zu den Schaltern, das geht schnell! sind ja fast keine Reisenden da. Aber der Beamte lässt sich viel Zeit, face the camera, fingerprints, thumb, first finger, jeder Finger einzeln, der Beweis, dass ich derselbe geblieben bin auf dem kurzen Weg von dahinten, where are you going, Zhuhai, Stempel. Geige tragen, Koffer ziehen und warten, bis alle Kollegen es geschafft haben, zwei Stunden hat es gedauert. Ein 1,50 Meter kleiner weißer Roboter mit Grinsegesicht kurvt neugierig um uns herum, bleibt höflich auf Abstand: tritt man ihm in den Weg, weicht er aus oder hält an, hat uns aber im Visier. Ein paar Kinder finden es lustig und winken, er hat aber auch ein niedliches Gesicht.

        Zurück in den Bus, er ist wieder außen herum gefahren, der Fahrer stapelt, schiebt, ächzt zum dritten Mal, und fahren wir Richtung Zhuhai: links geht es nach Macao, da waren wir schon vor paar Jahren, wir erkennen die wunderlichen Gebäude, die Stadt ist ein Spielerparadies wie Las Vegas. Jetzt aber rechts herum und schon sind wir an unserem Ziel. Wir fahren durch den donnernden Verkehr, viel los hier, durchqueren das Zentrum und landen schließlich nach drei viertel Stunden in einem gläsernen Fünf-Sterne-Hotel direkt am Meer, wir sind froh nach dieser Ochsentour: tolles Zimmer, schöner Ausblick auf einen grünen Park, schön ausgestattetes Bad, Seifen, Shampoo, Cremes, acht Handtücher, Wasserflaschen, großes weiches Bett, sechs Kopfkissen, Ruhe!

        Abends essen gehen, ich spaziere einen kleinen Abhang hinunter und gehe durch eine sehr belebte Straße, ziemlich zwielichtiges Volk unterwegs, macht nichts. Ich finde ein kleines Lokal mit Dumplings-Holzkästchen, zwei Meter hoch türmen sie sich, gefüllt mit verschiedensten Inhalten, sehr gut, habe ich gleich drei ausprobiert, alle schon warm, ist eine Imbissbude, es dauert nur dreißig Sekunden, da stehen sie schon vor mir herrlich dampfend. Eins dauert länger, denn die Dim Sum werden mit Ei drüber gebraten. Sehr lecker, ich bestelle diese nochmals. Alter Mann ohne Zähne lacht mir entgegen und bringt die vierte Portion an meinen kleinen Metalltisch, ich auf dreibeinigem Metallhocker schwitze. Draußen ist es heiß und hier am Feuer erst recht, deshalb empfinde ich die Temperatur draußen als sehr angenehm. Ich gehe nochmals eine halbe Stunde links, dann eine halbe Stunde wieder zurück, die Seitenstraßen sind nicht sehr pittoresk, also bleibe ich in meiner zwielichtigen Straße, es gibt wirklich jede Menge Clubs und aufgetakelte Schicksen hier: mit Hackenschuhen staksen sie durch die Kraterlandschaft des hiesigen Trottoirs. Am Ende der Straße bisschen den Hügel hinauf, ich treffe unterwegs noch paar Kollegen und Kolleginnen in verschiedenen Restaurants, sie lassen sich bedienen, sitzen draußen auf weichen Polstern und schlürfen Cocktails, oder Weißbier! trinken sie, nein, das gibt es zuhause nicht. Ich pflege in meinem Zimmer noch ein bisschen der Ruhe und gehe schlafen.

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5. Eintrag: 2. November 2019

Liebe Freunde, wie manche von Ihnen wissen, bin ich ja auch Komponist und habe etwas Neues geschrieben: mein „Krisenstück“. Seit zwölf Jahren arbeite ich an Präludien und Fugen, ich schreibe eigentlich seitdem nur noch Präludien und Fugen, fällt mir dabei auf. 12 sollen es werden, gibt es ja 12 Tonarten, das ist nicht neu, sagen Sie? stimmt, nicht neu. Neu ist, dass ich mir für jede Tonart eine andere Besetzung ausgedacht habe: von Duo bis Oktett ist alles dabei, es sind auch eher Tonzentren als Tonarten im herkömmlichen Sinne. Das Krisenstück heißt „Präludium und Fuge in A für Violine senza basso“. Eine Fuge! von der Bauart eigentlich wie gemacht für mehrere Spieler: jeder Stimme Thema und Kontrapunkt zuzuteilen und dann in bester Kommunikation zu Gehör zu bringen, ist für eine Isolation naturgemäß ungeeignet, Fugen für Violine allein sind zwar selten, aber nicht ohne Beispiel. Zwar gibt es etliche Fugen für Cembalo, Klavier oder Orgel, da regiert aber ein Mensch mehrere Stimmen mit seinen Fingern ganz kommunikativ: vier Personen in zwei Händen. Mir fehlt nur noch die Fuge in H, und der Zyklus ist fertig. Ich liebe es, eine lange Zeit mit einer Sache beschäftigt zu sein, vielleicht zögere ich deshalb das Ende hinaus, schreibe erst dann, wenn es sein muss, und jetzt musste es sein.

Hier ist aber etwas ganz anderes für Sie, nämlich der fünfte Tag unserer China-Tournee:

2. November 2019

Heute keine Fahrt und Probe erst am Abend, also was mache ich nach diesem ausgiebigen Frühstück – unmöglich übrigens, sich vom Allem zu nehmen, es dauert schon einige Zeit, bis ich die ganze Länge der Angebote abgeschritten habe: die westlichen Speisen lasse ich ohnehin liegen, also kann ich ein gutes Drittel ignorieren: quadratisch labbrig bleiche Toastscheiben, Tomatensalat, Birchermüsli, glitschige Pfirsichstücke, Fruchtsalat, weich gewordene Butter, Honig und Marmelade, nichts von alledem! meine Wahl sind wieder gebratene Nudeln mit Auberginen, gebratener Gemüse-Reis, gedämpfte Teigtaschen, dazu Kaffee aus der Maschine, nein, ich trinke keinen Jasmintee, nur weil ich in China bin, der schmeckt mir auch hier nicht.

Nach dem Frühstück

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gehe ich in den Fitnessraum des Hotels und laufe paar Kilometer, die Gewichte lasse ich beiseite, auch das Trimm-dich-Rad und den Stepper, ich wohne im vierten Stock, da brauche ich keine extra Stufen. Danach wieder die Straße entlang, seltsam hässlich am Tage so eine Straße, die in der Nacht grellbunt erleuchtet ist: Dreck, Staub und Unrat allenthalben, auch die Lichtreklamen sehen jämmerlich aus, wenn sie nicht blinken und rattern wie am Abend zuvor. Leider hat der Imbiss von gestern geschlossen, deshalb esse ich ein paar Häuser weiter eine Gemüsesuppe, sehr gut, eine große Schüssel dampfender Suppe vor der Nase, bisschen Zunge verbrannt, macht nichts.

Jetzt im Hotel Violine üben: Tonleitern und so Sachen, was man eben so braucht, oder man kann den Fernseher einschalten und sich durch 200 Programme quälen, das ist aber eher unerquicklich, und warten auf die Busabfahrt zum Zhuhai Huafa & CPAA Grand Theatre. Heute haben wir nur eine Anspielprobe, die dauert nur 45 Minuten: besonders wichtig ist es, für die Abschiedssinfonie den Weg zu erkunden, der uns nach draußen führt, während die anderen noch ein wenig weiterspielen. Da muss jemand an der Tür stehen und diese öffnen, wenn einer von uns angeschlichen kommt, das Ende dieser Sinfonie, wo von der Bühne gegangen wird, ist naturgemäß recht leise, also keine knarrenden Schuhe und nicht stolpern! ist die Hauptsache. Steven Isserlis spielt wieder herrlich, zwei Zugaben.

Nach dem Konzert fährt uns der Bus zurück zum Hotel, ich gleich ins Bett, denn der Wecker steht auf 4:45 Uhr!

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6. Eintrag: 3. November 2019

Aufgestanden eine Viertelstunde später als geplant, fünf Uhr reicht, denn das Hotel öffnet extra für uns um 5:15 Uhr das Frühstücksbuffet, also ich schnell ziemlich viel gegessen und um halb sechs in den Bus gestiegen, der uns zum Flughafen bringt. Manche Kolleginnen und Kollegen sehen recht bleich aus, haben teilweise nicht mehr als drei Stunden geschlafen, ich immerhin sechs, das reicht wenn es sein muss. Während fast alle die Fahrt zum Flughafen schnarchend verbringen, schaue ich mir die erwachende Stadt an: Müllabfuhr, Frühaufsteher, paar schnelle Autos nützen die halbleeren Straßen. Einige Autos haben zwei verschiedene Kennzeichen: so dürfen sie in Mainland und in Hongkong fahren.

Unser Flugzeug

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bringt uns heute in zweieinhalb Stunden nach Shanghai – Pu Dong Airport, schon wieder ein riesiger Flughafen weit außerhalb der Stadt, und brauchen wir fast zwei Stunden zum Hotel und, ach, es sind erst die Hälfte der Zimmer gemacht, nachmittags um zwei. Also ein paar Glückliche – Solist und Stimmführer – bekommen ihre Zimmer und gehen schlafen oder essen, ich stelle mein Gepäck in einer Ecke der Lobby hinter das Sofa und begebe mich nach draußen. Die Temperatur ist recht angenehm herbstlich, nicht kalt, nicht warm, gerade richtig. Das Hotel befindet sich in einem etwas abgeschlossenen Bereich, ich muss rechts raus, etwa eine Minute gehen, dann rechts herum halbe Minute, dann durch eine Schranke, jetzt erst bin ich auf der Straße, das heißt hinter einem Bauzaun, den ich auch noch umrunden muss, um auf die andere Straßenseite zu gelangen, dort nämlich habe ich vorhin vom Bus aus eine Reihe von Restaurants gesehen. In China die Straße zu überqueren, sagt man, sei gefährlich, nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen der Überwachung. Gibt es nicht Kameras, die die Menschen zwingt, bei Rot wirklich stehen zu bleiben, und erscheinen nicht neben der Kreuzung auf gigantisch großer Leinwand gleich Fotos von den Übeltätern? XY hat am 3. November um 14.23 Uhr die Straße bei Rot überquert und erhält drei Punkte, und wird es in Zukunft schwer haben, einen Kredit zu erhalten und eine Wohnung zu mieten oder so ähnlich? Ich zähle etwa sieben bis acht Kameras, welche die Kreuzung beobachten, aber keine Leinwand, und während ich auf Grün warte, bemerke ich, dass ungerührt einige Leute schnell bei Rot losrennen, oder die vielen Elektroroller langsam schräg die Kreuzung überqueren, diagonal hinüber, es ist aber auch wenig Verkehr.

Drüben angelangt gehe ich an den Restaurants entlang, es sind wieder Imbissbuden ohne Service, man bestellt an der Kasse, was man möchte, alle sind gleichermaßen schlecht besucht. Ich entscheide nach bleich-bunten Bildern von Speisen, die an den Wänden hängen: Gemüse, Suppe, Fleisch, Fisch und gleich dabei die Preise. Sieben Tische, zwei surrende Kühlschränke mit Getränken oder Gemüse hinter der blinden Glastür, drei junge Gäste sitzen mit Kopfhörern, starren in ihre Smartphones und stochern mit Stäbchen im Essen. Ganz hinten die Theke, ein qualmender Reiskocher und eine nette Frau, die mich beobachtet, aber es genügt, auf ein Bild zu zeigen und einen Finger zu heben: ich hätte gerne einmal das. 20 Yuan, € 2,60. Was ich laut Foto als Rindersuppe identifiziert hatte, entpuppt sich als Fischsuppe, in Windeseile gemacht von schnellen Händen, die Frau bringt sie mir an den Tisch, Stäbchen stehen gleich neben mir in einem Plastikbecher; große Fischstücke ohne Gräten, viel Gemüse, etwas scharf, sie bringt noch einen Löffel hinterher. Leute kommen und holen Essen, das sie telefonisch bestellt haben, betreten das Lokal mitsamt Motorradhelm auf dem Kopf, sind laut, schreiten auf Stiefeln vorbei, zahlen, gehen. So, das war mein Mittagessen.

Jetzt zum Hotel zurück, immer noch nicht fertig mein Zimmer, aber wir haben doch noch Konzert heute, hilft nichts, ich setzte mich in ein weiches Fauteuil und lese Joseph Roth, gehe aber gleich ins Freie, setzte mich auf eine Bank in die Nachmittagssonne und lese. Kollegen kommen vorüber, sie waren bei Starbucks an der Ecke. Endlich um halb vier ist mein Zimmer gemacht, fünfter Stock, sehr karg eingerichtet, spartanisch geradezu, Schaukelstuhl aus Holz, sehr interessant. Ich dusche ganz lange und ruhe mich kurz aus, denn schon ist der Bus da, uns ins Shangyin Opera House zu bringen, wo wir heute auftreten. Steven Isserlis wie immer gut gelaunt und auf höchste Qualität bedacht, spielt herrlich Haydn, Tschaikowsky und zwei Zugaben, wir Boccherini, Haydn mit Rausspazieren genau wie gestern. Viele Kollegen bleiben gleich in der Gegend, um in Restaurants zu gehen, nicht ich: ich kehre mit dem Bus zurück und freue mich an gebratenen Nudeln in meiner kleinen Restaurantstraße, abends um elf noch sitzt die kleine Tochter der Besitzer an einem Gästetisch und macht Hausaufgaben, grinst zu mir herüber, ich bin der einzige Esser. Eine ganz kleine Familie betreibt diesen Imbiss, ich glaube, sie schließen jetzt, gehen nach Hause, wer weiß, wie lange sie fahren müssen wahrscheinlich zu dritt auf einem Elektroroller mitsamt Reiskocher hinten drauf, ich wünsche ihnen, dass sie gleich um die Ecke wohnen.

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7. Eintrag: 4. November 2019

Liebe Freundinnen, was mache ich also außerdem zu Hause, wenn es keine Konzerte, keine Proben und keine Konzertreisen gibt? Ich lese. Viel. Ich habe mir den Briefwechsel Goethe – Schiller vorgenommen: mehr als tausend Briefe! aber ich bin schon fertig damit. Wie komme ich ausgerechnet darauf, fragen Sie sich vielleicht, aber wir haben doch Beethovenjahr! also lese ich jetzt die Literatur seiner Zeit, und weil ich schon viel von den beiden Schriftstellern gelesen habe, jetzt also die Briefe: sehr interessant, nicht nur philosophisch, literaturhistorisch und zeitgeschichtlich, sondern schlicht menschlich: die beiden haben sich Kekse geschickt, haben Sie das gewusst? Kekse von Jena nach Weimar mit der reitenden Post, oder einen Fisch von Weimar nach Jena mit den Botenmädchen, einen Fisch! Das ist doch sehr aufmerksam von Goethe, vielen Dank, habe ich mir gedacht, und gleich geht der Brief weiter mit den tiefsinnigsten Erörterungen. Später las ich Eckermanns Gespräche mit Goethe: ganz nahe am Geheimrat als Mensch. Warum wird heutzutage die Musik jener Zeit so gerne gehört, ganz selten aber die Literatur gelesen? Ich habe jedenfalls jetzt die Wahlverwandtschaften angefangen. Ich freue mich, wenn Sie inzwischen lesen, wie unser zweiter Tag in Shanghai verlaufen ist:

4. November 2019

Zweiter Tag in Shanghai, ich gehe vormittags nach ausgiebigem Frühstück in den Keller, denn dort befindet sich nicht nur die Tiefgarage, sondern auch der Eingang zum Fitness-Center. Während ich auf dem Laufband die ersten Schritte gehe, erkenne ich auf dem fernsehergroßen Display direkt vor mir, dass man Strecken sich aussuchen kann, auf denen man virtuell joggen kann: nach Ländern geordnet, und leicht finde ich den Lieblingsort der Chinesen: Hallstatt am Hallstätter See in Österreich und nach dreimaligem Tippen auf den Bildschirm bin ich da: ich gehe und laufe am See entlang durch das Dorf, erkenne das Hotel, ich welchem ich vor nicht allzu langer Zeit gewohnt habe und ein schönes Fischrestaurant und natürlich den berühmten spitzigen Kirchturm links oben. Spaziergänger kommen mir entgegen und seltsam: wenn ich das Tempo erhöhe tun die das auch, aber ohne zu laufen; in schnellem Tempo spazieren sie mit Trippelschritten dahin wie in alten Schwarzweiß-Filmen, zeigen ruckartig und ganz kurz irgendwo hin, oder halten sich schnell eine Kamera vor das Auge. Später erklettere ich noch einen Salzburger Berg in Windeseile, so schnell könnte ich analog gar nicht rennen auf diesem steilen Weg.

Nachmittags um fünf spielen wir

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ein kurzes Open-Air-Konzert, eine Stunde nur, leider schon empfindlich kalt dort im Park, wo extra eine Bühne aufgebaut worden ist für das Shanghai Arts Festival, und am heutigen Tag treten wir dort auf. Die Leute warten bereits seit einer Stunde und laufen schnell, kaum ist unsere kurze Anspielprobe beendet, zu ihren Sitzplätzen: weiße Plastikstühle stehen in der Wiese aufgereiht, Sie kennen diese weißen Balkonstühle, leicht verbiegbar wenn man sich zurücklehnt. Dort also harren sie aus gut gelaunt und freuen sich, jemanden von uns bereits zu erblicken, halbe Stunde noch! bis es losgeht. Ich drehe eine Runde um den Platz vor dem Park und erkenne das Hotel, welches wir drei Jahre zuvor bewohnt hatten, sehr zentral, diesmal ist unser Hotel weniger zentral, aber das ist schon gut so, für mich auf jeden Fall, zum fünften Mal in Shanghai ist mir die Gegend nicht mehr so wichtig, ehrlich gesagt. Ich erklimme auch keinen Wolkenkratzer diesmal, aber schön bunt ist sie und mächtig, die Skyline von Pu Dong. Endlich geht’s los, und wir spielen heute die Kleine Nachtmusik, Barber Adagio for Strings und die Holberg-Suite von Grieg. Die Menschen sind begeistert, fotografieren die ganze Zeit und applaudieren nach jedem Satz, das sind 10 Applause insgesamt, aber macht nichts, sie sind froh, darum geht es. Aber wir frieren nicht schlecht in unserer Konzertkleidung, außerdem rattert der Wind an unseren festgeklemmten Noten: das Umwenden der Seiten wird jedes Mal eine längere Übung: Geige unter den Arm klemmen, Wäscheklammer lösen, Seite wenden, Wäscheklammer wieder anstecken, Geige nehmen, weiterspielen. Nach dem Konzert zum Hotel zurück, ich esse Fischsuppe im Restaurant von gestern Mittag, denn die war wirklich sehr gut. Noch etwas Joseph Roth, ich liebe diesen Schriftsteller, habe das Gesamtwerk im E-reader dabei, sehr praktisch.

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8. Eintrag: 5. November 2019

Dieser Tag bringt uns eine Zugfahrt, na gut, zuerst eine Stunde mit dem Bus zum Bahnhof, welcher weit draußen sich befindet: nahe dem alten Flughafen Hong Qiao, der jetzt noch für nationale Flüge genutzt wird, hat man einen Bahnhof gebaut, dessen Größe dem Flughafen nicht nachsteht: der Bahnhof Hong Qiao. Wir entsteigen dem Bus und werden auch gleich am Eingang zur Halle kontrolliert: das Ticket wurde uns bereits ausgehändigt, denn ohne Fahrkarte darf niemand den Bahnhof betreten. Auch das Gepäck wird auf ein Förderband gehievt und durchleuchtet, und wir gehen einzeln wie am Flughafen durch den Scanner.


Drinnen erwartet uns

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eine riesenhafte Halle, eine architektonische Meisterleistung. Nur ein einziger Raum, ein Menschengewimmel, unsere Schätzungen gehen in die Tausende, man kann mit dem Aufzug oder einer Rolltreppe auf eine Balustrade fahren und das Gewimmel von oben betrachten. Hier oben gibt es Imbisse zu kaufen, ich wandere mitsamt 20-Kilo-Koffer an der Hand und Geigenkasten auf dem Rücken zur anderen Seite des Balkons und kaufe Crackers, zwei Flaschen Wasser und drei mit Gemüse gefüllte faustgroße Knödel, sie werden in der Mikrowelle warm gemacht, unnötig, ich werde sie sicher nicht gleich essen, aber kann ich mich nicht wehren, kleine warme schlenkernde Plastiktüte. Unsere Zugfahrt dauert fünfeinhalb Stunden.


Von Zügen ist nichts zu sehen: wie auf einem Flughafen gibt es Ausgänge zu den Gleisen, die unterirdisch verlaufen. Die Ausgänge heißen Gates und werden auch als solche angekündigt, chinesische und englische Ansagen am laufenden Band: der Zug mit der Nummer 536 nach Tianjin fährt um 11:35 Uhr ab, alle Fahrgäste werden gebeten, sich zum Gate 12 zu begeben. Die Schlange vor Gate 12 hat sich bereits gebildet, das ist unser Zug! Wir haben uns schon in der Nähe von Gate 12 breit gemacht: 26 Europäer mitsamt Koffern, Instrumenten, vier weißen Cellokästen, die darüber hinweg ragen, fallen auf, also nicht schwierig, die Kollegen zu finden, sollte man sich absentieren. Jetzt gibt es großes Gedränge, seltsam, kann man doch ohne Sitzplatzreservierung gar nicht einsteigen, hundert Leute in einer Traube vor dem Ausgang 12, es schiebt, drängelt, hastet, alle stecken ihre Fahrkarten in einen Automaten, der die Tür zu einer Rolltreppe öffnet, diese fährt in die Katakomben des Bahnhofs. Recht leise ist es dort unten, natürlich, nur die Passagiere dieses einen Zuges befinden sich hier, alle anderen Bahnsteige sind menschenleer.


Jetzt wird offensichtlich, warum die Reisenden drängeln: es gibt nicht genug Platz für Gepäck, auch wir müssen unsere Koffer zum Teil in den Gängen stehen lassen, oder auf einen freien Sitz stellen, was nicht gerne gesehen wird. Wenn ein Cellist Instrument und Koffer oben ablegt, braucht er dafür fast drei Meter Platz, das ist zu viel für einen Reisenden, das kennen wir von heimischen Zügen auch. Los fährt die Bahn sekundengenau und rast nordwärts. Lange Zeit fahren wir durch urbane Gegend: Shanghai ist riesig. Aber schon bald gelangen wir in ländliche Gefilde, die sehr dürftig besiedelt sind, eine kerzengerade Strecke ist durch das Land geschlagen worden, mit 300 Stundenkilometern brausen wir dahin. Ab und an halten wir in Städten mit riesigen Bahnhöfen, es steigen nur wenig Menschen zu. Diese Städte ähneln einander sehr, bestehen aus endlos öden dreißigstöckigen Wohnhäusern, die jäh und unmittelbar aus der Landschaft ragen: keine Vororte oder kleinere Häuser kündigen eine menschliche Ansiedlung an, mit einem Male beginnt die Stadt. Diese Wohnblocks – es werden immer gleich etliche davon nahe aneinander gebaut – haben häufig Giebel oder Säulenapplikationen ganz oben in schwindelnder Höhe angebracht, seltsame unnötige Verzierungen, die niemand, der in einem solchen Hause wohnt, sehen kann, aber von gegenüber. Unten zwischen den Blocks gibt es Bänke und Spielplätze, Rutsche, Sandkasten oder Klettergerüst.


Ich inzwischen lese mein Buch, esse zwei kalte Knödel und betrachte die graubraune Landschaft; zwischendurch gibt es auch Dörfer, die zumeist auch aus ganz ähnlichen Häusern bestehen, kleinen Häuschen mit Flachdach, ich glaube es gibt eine Fabrik, die Dörfer baut. Was machen die Menschen in diesen Häusern? frage ich mich, sie gehen sicher einer Beschäftigung nach, irgendeiner. Ob sie die Abschiedssinfonie kennen? Wir erreichen Tianjin am späten Nachmittag und müssen noch eine Stunde mit dem Bus zum Hotel fahren, dieses steht außerhalb des Zentrums in einem sehr neuen Viertel, wo auch der Konzertsaal sich befindet. Ich gehe nirgends mehr hin außer in mein Zimmer, esse den dritten Knödel und meine Crackers, das ist mein Abendessen, danach noch ins Fitnesscenter des Hotels, wo ich vier Orchestermitglieder treffe, stumm laufen wir nebeneinander auf der Stelle, danach schlafen.

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9. Eintrag: 6. November 2019

Liebe Freunde, Musik hören ist für mich jetzt während der isolierten Wochen ganz etwas Neues. Der Eindruck ist bei weitem gefühlsmächtiger als sonst! In normaler Zeit höre ich Musik selten um mich verzaubern zu lassen, oft schaltet sich mein analytischer Kopf ein: aha, die Subdominante, oder jetzt haben die Oboen das was erst die Flöten gespielt haben, jetzt die Reprise! Das Menuett hat zwei Trios, sehr interessant. Warum ist das Werk so eindrucksvoll, frage ich mich zuweilen, was hat der Komponist genau geschrieben, versuche ich zu ergründen, warum der zweite Satz des Mozart Klarinettenkonzerts beispielsweise so ergreift. Oder ich höre Musik nebenbei, jawohl, das gibt es auch bei mir dann und wann.
Jetzt ergreift mich Musik mit aller Macht; selbst solche, die durchaus fröhlich ist und kaum Trübungen bereit hält, wie zum Beispiel die Beethoven Klaviersonate op. 31/3 geht mir ganz nah. Überhaupt lasse ich, wenn es um klassische Musik geht, zur Zeit nur Klavier an mein Ohr: Orchestermusik, namentlich solche, die wir sonst üblicherweise spielen, lasse ich nicht in mein Haus.
Zurück nach Tianjin:

6. November 2019

Heute: strahlendes Wetter aber kühl, ich will ein bisschen spazieren und etwas zum Mittagessen suchen, gehe links aus dem Hotel, gehe weit!

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geradeaus, ein großes modernes Bürogebäude nach dem anderen, breite Gehwege, Tiefgarageneinfahrten, große Kreuzungen, ausgedehnte gepflasterte Plätze, keine Grünanlagen, paar Skateboarder üben sich an schmalen Vorsprüngen und Gehwegkanten. Zurück gehe ich, denn zum Essen finde ich gar nichts, erreiche irgendwann wieder unser Hotel, gehe um die Kurve, wo ein Park beginnt, den ich aber nur anhand der Bäume, die hinter einer mannshohen Mauer hervorragen, als solchen identifizieren kann: keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen, die Mauer hat keine Türen. Weiter gehe ich gegenüber, dort ist mein Weg wenigstens abwechslungsreicher strukturiert, es gibt paar Seitenstraßen, ein Geschäft für Autoreifen vielleicht, oder auch eine Apotheke, beides brauche ich jetzt nicht. Nach einiger Zeit gelange ich an eine Querstraße, die Mauer rechts ist zu Ende, gegenüber kann ich einen Fluss, nein, einen Bach erkennen, aber von einem Imbiss, einem Restaurant ist nichts zu sehen, nicht einmal ein Lebensmittelgeschäft, wohnt hier niemand!? Wenige Autos fahren ziemlich schnell und nur paar Mopeds knattern oder huschen unhörbar vorbei, das sind jene E-Roller, von denen es in China Tausende gibt, nein, Millionen.
Rechts gehe ich weiter auf der Suche nach Essbarem, es gibt sogar einige Fußgänger, aber die kaufen wohl nichts, also wieder zurück schnellen Schrittes immer die Mauer entlang, welche mich zurück zum Hotel geleitet, das war mein Spaziergang, vielleicht muss ich doch im Hotel essen? Da fällt mir nicht weit entfernt schräg gegenüber ein Kaufhaus auf, sieben Etagen hoch, dort sollte es auch Restaurants geben, doch entdecke ich kurz bevor ich jenes Kaufhaus erreiche in einer schmalen Seitenstraße ein Lebensmittelgeschäft! schnell hinein, der gelangweilte Verkäufer tippt in sein Smartphone, ich kaufe ihm drei Bananen und zwei Packungen Schokocookies ab, das ist jetzt mein Mittagessen, nämlich habe ich keine Lust in ein Hotelrestaurant zu gehen, da esse ich lieber im Zimmer meine Beute, ich habe noch Studentenfutter im Koffer! Das wird jetzt angebraucht.
Währenddessen betrachte ich aus dem Fenster das Treiben gegenüber, wo ich in den Innenhof eines polizeilichen Geländes beobachten kann, da marschieren immer wieder Grüppchen von zwei bis sieben Männern in Uniform und großen Tellermützen auf dem Kopfe vom Auto zum Haus, oder in die Gegenrichtung, quer über den Hof oder auch hinaus auf die Straße, wobei sie nicht aus dem Takt kommen, treten auf der Stelle bis das Rolltor geöffnet ist. Dann marschieren sie mit versteinerter Miene zur Kreuzung und verschwinden aus meinem Gesichtsfeld. Auch steht an dieser Kreuzung, wie an allen großen Kreuzungen, eine mobile Polizeistation, die wie ein alter Trambahnwagen aussieht, blau und rot gestrichen, mit blauroten Lichtern an jeder Ecke auf dem Dach. Ab und an verlässt ein Beamter den Wagen und schaut nach dem Rechten. Die Kreuzung ist mit Kameras gespickt, es blitzt am laufenden Band, jedes Auto, das vorbeifährt, wird fotografiert, genug davon.
Wir fahren mit dem Bus zum Konzertsaal, den ich aus meinem Fenster in einiger Entfernung schon sehen konnte: Tianjin Grand Theatre, ein Riesengebäude. Dort fahren wir eine weit geschwungene Rampe abwärts, die Mauern neben uns wachsen hoch hinauf, und aus steigen wir im Keller, wo die Bühne sich befindet. Groß ist dieser Saal, keine Einzelheiten habe ich im Kopf nur: Groß. Wir spielen unser übliches Programm, zwischen Probe und Konzert gibt es schon wieder Bananen, ich gehe hinaus, ein wenig die Umgebung anzusehen, die Rampe ist so lang, dass ich zweifle, rechtzeitig wieder zurück zu sein, der kalte Wind bläst mir mächtig um die Ohren, also kehre ich beizeiten wieder um, ist auch recht unerquicklich diese Gegend.

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10. Eintrag: 7. November 2019

Fahrt mit dem Zug Richtung Norden: Harbin, Hauptstadt der nördlichsten Provinz Heilongjiang ist unser nächstes Ziel. Wir fahren nach Sibirien, habe ich das Gefühl, obwohl Harbin nur drei Breitengrade nördlicher als München liegt, die Jahresdurchschnittstemperatur allerdings beträgt dort nur 3 Grad Celsius, in München immerhin 13. Das aber nur am Rande, ist für unseren Bericht nicht wesentlich.

In Tianjin bringt und morgens ein Bus zum Bahnhof, wo wir in einen nicht mehr ganz so schnellen Zug wie vorgestern einsteigen, habe ich erzählt, dass wir vor zwei Tagen erster Klasse reisten? nein? wir sind vorgestern erster Klasse gefahren, müssen Sie wissen, heute leider nicht mehr: entsprechend schmaler die Sitze und kleiner die Sitzabstände, stellen Sie sich in einem Großraumwagen fünf Sitze nebeneinander vor, zwei links, drei rechts und ein Gang dazwischen, also beengt unsere Reise diesmal, langsamer der Zug und sieben Stunden Fahrt – 1200 km, fast die gleiche Entfernung wie von Shanghai nach Tianjin. Oder von München nach Neapel.

Ich habe mir wieder Proviant gekauft:

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ein Pappkästchen mit kalten gebratenen Nudeln und Gemüse mit beiliegenden Holzstäbchen und Crackers, die die Form von Knäckebrot haben und etwas süßlich schmecken – sehr gut eigentlich dieses Knäckebrot. Der Bahnhof Tianjin langweilig und uninteressant, weißliche Schalensitze mit blauen Plastikbezügen, hastende Menschen, scheppernde Lautsprecheransagen, das ist alles, ich sitze und warte. Mein Sitz im Zug ist ein Gangplatz, neben mir Yuki, unsere Konzertmeisterin, und am Fenster sitzen drei Koffer, die oben nicht mehr Platz gefunden haben. Wenn wir den Hals recken, können wir die Landschaft bewundern, die sich wenig von der vorgestrigen unterscheidet: Große leere Bahnhöfe, gigantische einförmige Hochhäuser und zwischendurch ein Dorf aus der Fabrik, ich konzentriere mich auf mein Buch: Joseph Roth, aber das wissen Sie schon.

Harbin empfängt uns recht eisig, nicht wirklich kalt, aber wenn man noch vor fünf Tagen 3000 km weiter südlich bei feuchten 30 Grad geschwitzt hat, sind die -5 Grad hier schon beeindruckend. Eine Gruppe sehr fröhlicher älterer Damen und Herren in wattierten Jacken machen Abendsport vor dem Bahnhofsgebäude: schlenkern kraftvoll die angewinkelten Arme vor und zurück und lachen uns freundlich an. Sehr interessant auch der kleine Bus, der uns zum Hotel bringen soll: es gibt keinen Laderaum für unser Gepäck, alles muss nach oben zu den Sitzen, also hieven wir unsere Koffer durch die Türen und stapeln sie im Mittelgang, der ab jetzt nicht mehr begehbar ist, wer vorbei will, muss über die Armlehnen der Sitze klettern und den Kopf einziehen, so fahren wir durch die schneearme winterliche Stadt. Sibirien ist nicht wirklich weit weg – 520 km bis Wladiwostok – das erkenne ich an etlichen Gebäuden, die eindeutig im russischen Stil gebaut worden sind, das östlichste Ende der Transsibirischen Eisenbahn, also der Zweig, der dann bis Peking führt – hier in Harbin heißt sie transmandschurische Eisenbahn – wurde hier von russischen Ingenieuren gebaut, das zeigt sich im Baustil der älteren Gebäude: die Sophienkathedrale steht grellbunt beleuchtet inmitten der Stadt, sehr pittoresk. Wir bestaunen alles aus unserem grotesk vollen Bus: Musiker in dicken Jacken, Koffer, Instrumentenkästen, Handgepäck, beschlagene Scheiben.

Wir fahren durch das Zentrum der Stadt, überqueren den breiten Fluss und landen schließlich vor einem kargen zweistöckigen Gebäude, unserem Hotel. Bisschen kompliziert ist anscheinend die Verteilung der Zimmer, aber wir lassen unseren Reiseleiter machen und nehmen die Schlüssel in Empfang, jedoch mein Zimmer im ersten Stock leider eisig kalt, das wohl seit Stunden offene Fenster wedelt mir den waagerecht ausgestreckten Vorhang entgegen, vergessen, das Fenster nach der Reinigung zu schließen, ich schnell wieder hinunter und warmes Zimmer bekommen. Nur den Anzug auspacken, aufhängen und losgehen.

Die Straße bietet jede Menge Essensmöglichkeiten, im Gegensatz zu Tianjin ist das hier eine lebendige urbane Gegend. Der Hunger veranlasst mich, rechtsherum gleich das dritte Restaurant aufzusuchen: Rindfleisch gebraten, dazu Gemüse, Reis, Tofu, ganz normales gutes chinesisches Essen. Wieder Leute, die ihre telefonisch bestellten Speisen abholen, schlendern mit weißer Plastiktüte hinaus, schön warm hier drinnen, ich sitze kurzärmlig und kaue. An der Wand ein riesenhafter Fernseher, es ist eine lustige Show zu sehen, wo hoffnungsvolle Talente ihr Können präsentieren, ich denke, dass es in fast jedem Land der Welt solche Shows gibt. Gnadenlos lästert die Jury in weichen Sesseln, das Publikum tobt und laut ist die Musik, die jungen mehr oder weniger talentierten Sängerinnen und Sänger sehr schick und originell.

Bald verlasse ich das Lokal und spaziere, nein ich marschiere schnellen Schrittes noch weiter die Straße entlang. Ich habe eine Stunde Bus, halbe Stunde Bahnhof, sieben Stunden Zug, eine Stunde Bus, halbe Stunde Restaurant hinter mir: ich brauche jetzt Bewegung. Ich gehe recht weit bis die Straße langsam dunkler wird, nur noch Wohnhäuser keine Geschäfte mehr, es wird still. Ich biege links in eine Seitenstraße ein, die mich wieder in eine beleuchtete Gegend bringt, alles hier ist rechtwinkelig angelegt: dreimal links abbiegen bedeutet wieder zurück zum Ausgangspunkt zu kommen. Die helle Straße da vorne entpuppt sich als Geschäfts- und Bürogegend, entsprechend wenig Leute sind jetzt abends um neun Uhr unterwegs, aber bald komme ich wieder in Hotelnähe und treffe paar Orchesterkollegen, die hier nach Essensmöglichkeiten suchen, sie betreten auch gleich eine Gaststätte. Ich weiter bewege meine Beine und komme nach der dritten Kurve auch wieder zu unserem Hotel, gehe noch ein gutes Stück darüber hinaus, ist aber die andere Seite nicht so ergiebig, also bald zurück in meinem Zimmer, das war mein freier Abend in Harbin. Noch zwanzig Fernsehkanäle durchschauen und schlafen.

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11. Eintrag: 8. November 2019

Heute etwas durch die Kälte spazieren und gehen in ein Shoppingcenter: es gibt günstige Daunenjacken! Auch gibt es ziemlich gute Winterschuhe, aber meine Kreditkarte will nicht funktionieren, die tüchtige Mitarbeiterin ist sehr eifrig und bemüht das Übersetzerprogramm auf ihrem Handy, um mit mir zu konversieren, aber unmöglich zu bezahlen die neuen Schuhe, ob ich die richtige PIN eingegeben habe, jaja, ich solle am besten Bargeld abheben, es sei eine Bank gleich hier im Gebäude, Erdgeschoß, ganz einfach, ich gebe auf und gehe in den Keller des Centers und finde ein kleines Imbiss-Restaurant, wo es gebratene Teigtaschen, Gyoza und ähnliche Köstlichkeiten gibt, Jiaozi heißen die hier in China. Also esse ich zwei Portionen Jiaozi und eine Schale Misosuppe. Grellbunt dieser Imbiss, alles aus Plastik: Tische, Sitze, Tablett, Stäbchen, Teller, Kasse, Mitarbeiterin orange, rot, blau und gelb. Das Publikum durchgehend 40 Jahre jünger als ich, sie kümmern sich aber nicht um mich und starren in ihre Handys.

Nachmittags werden wir abgeholt und fahren zum Konzertsaal, einem futuristischen Gebäude, wie ein riesiges kreisrundes UFO sitzt es auf einer Insel im Fluss, recht kompliziert der Weg zu den Garderoben: lange Gänge, etliche Kurven, große kahle Räume, die wir durchschreiten, bis wir die Garderoben erreichen, der Weg zur Bühne ist vergleichsweise kurz, nur um zwei Ecken und durch den Saal mit den Bananen: schon sind wir da. Übrigens gab es an jedem Konzertort als Verpflegung Bananen, ich glaube, mein Bananenkonsum in den zwei Wochen ist größer als zu Hause in einem Jahr, nein in zwei Jahren. Voraus auf all diesen Wegen durch das Haus geht zackig eine junge Dame von der Konzertagentur, die Eisprinzessin wurde sie von uns getauft: akkurater Haarschnitt, schön gefaltet die schwarzen glänzenden Haare: auf Kinnlänge geschnitten, eine unnahbare Maske als Gesicht, drei Punkte: Augen und Mund, kleine Nase, dazu ein reinlich eisig hellblauer Kurzmantel und hochhackige schwarze Stiefel, so marschiert sie vor uns her: stage, sagt sie und öffnet uns die Tür. Wir sind in Sibirien, denke ich und höre die Dame später auch fließend Russisch sprechen.

Dieses Publikum ist das lauteste, das wir auf dieser Reise erlebt haben:

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Husten, Scharren, Schnaufen – Chinesen sind ohnehin sehr begabt darin, ihre Körpergeräusche kundzutun – aber nirgends ist es auffallender als hier: auch haben wir nirgendwo so viele Handyklingeltöne gehört wie in diesem Konzert, sechsmal habe ich gezählt; aber Steven Isserlis, unser Solist, lässt sich nicht stören und spielt herrlich inspiriert wie immer, die Leute sind begeistert, wir auch. Wenn man immer wieder auf so einer Reise am Ende der Abschiedssinfonie die Bühne auf leisen Sohlen verlassen muss, stellt sich einem schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Tuns, war das wirklich so gedacht? eigentlich nicht, sagt man, in den Noten hat Haydn jedenfalls nichts entsprechendes vermerkt, der Notentext in den einzelnen Stimmen sieht folgendermaßen aus: keine Pausentakte am Ende des Satzes deuten darauf hin, dass andere noch weiterspielen, nach dem letzten Takt steht da nur: „Nichts mehr“. Das ist alles: Nichts mehr; es steht nicht da: aufstehen und weggehen. Wir machen es trotzdem, ich denke, die Leute im Saal wären enttäuscht, wenn wir es unterlassen würden, wir kommen ja auch gleich wieder zurück und spielen noch den vierten Satz aus der A-Dur Mozart Sinfonie, ein Kraftakt für die Hörner übrigens, für sie gehört die Abschiedssinfonie zu den schwierigeren Stücken, wie viele Haydn-Sinfonien, auch ist Fis-Dur für die Hörner, genauso wie übrigens für uns Streicher, nicht einfach zu spielen. Dann noch die A-Dur Sinfonie; sie ist sehr hoch geschrieben für die Hörner, Respekt für unsere beiden.

So, nach soviel musikalischen Ausschweifungen schnell zurück ins Hotel, das Konzerthaus jetzt übrigens ganz hell angestrahlt, seltsamer glänzend weißer Fleck mitten im dunklen breiten Fluss. Mit uns im Bus fährt die Eisprinzessin, steigt kurz bevor wir das Hotel erreichen aus und stakst durch den leichten Schnee nach Hause.

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12. Eintrag: 9. November 2019

Was mache ich noch während der Isolation zu Hause? Ich erstelle jede Menge Bearbeitungen für Violine Solo. Nein, das Repertoire für uns Geiger ist mir nicht zu klein, das müssen Sie nicht denken, gibt es denn Geiger, die alles gespielt haben, was es für Violine gibt? Ich glaube, man müsste 200 Jahre alt werden, und wäre doch nicht am Ende angelangt. Ich bearbeite Stücke für Violine, weil ich sie spielen will. Das hat vor Jahren schon mit den Bach Cello-Suiten begonnen, alle Cellisten mögen jetzt die Augen verdrehen; ich habe auch nicht eine Bratschenfassung hergenommen und diese eine Quint höher transponiert: das wäre ziemlich langweilig, nein, ich habe die verschiedenen Handschriften, die es von den Cello-Suiten gibt, verglichen, eine Duodezime höher transponiert und eine Fassung für Violine geschrieben, verzeihen Sie mir bitte diese Fachsimpelei, jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen.

Neuerdings habe ich etliche Bach Klavierwerke für Solo-Violine modifiziert, das ist durchaus legitim und nicht ohne Vorbild: Bach selber hat Violinkonzerte für Cembalo bearbeitet und umgekehrt. Von C.P.E. Bach gibt es ein und dasselbe Konzert für Flöte, Cello oder Cembalo, drei nicht wirklich ähnliche Instrumente. Meine neueste Tat sind die Chopin Nocturnes, die es von mir jetzt für Violine gibt – ohne Begleitung wohlgemerkt, das wäre sehr kitschig, nein, für Violine Solo. Das geht, ist schwierig zu spielen, aber nicht ohne Dramatik und macht großen Spaß zu üben. Außerdem wäre ich diesen grandiosen Stücken auf andere Weise nicht so nahe gekommen. Wer weiß, vielleicht komponiere ich noch was Neues, wenn wir nicht bald wieder auftreten.

Jetzt können Sie von unserer Fahrt von Harbin nach Peking lesen:

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Der heutige Tag bringt uns wieder eine längere Zugfahrt zurück Richtung Süden nach Peking, nicht weit weg übrigens von Tianjin, wo wir vor zwei Tagen waren. Diese Zugfahrt ähnelt den beiden Fahrten, die wir hatten, zum Verwechseln: kurze Busfahrt, Bahnhof, Proviant kaufen, warten, einchecken, Sitzplatz suchen, Gepäck verstauen, losfahren, aus dem Fenster schauen, Buch lesen, schlafen, ankommen. Diesmal dauert die ereignisarme Fahrt siebeneinhalb Stunden, ist 50 km weiter als vorgestern

Der Hauptbahnhof von Peking ist gewaltig groß, der Weg vom Zug nach draußen ein Irrgarten, im Schneckentempo schiebt die Menschenmenge sich durch den Höllenlärm, ein Geschnatter und Gezeter begleitet unseren Weg durch elend lange Gänge und Hallen, über Rolltreppen hinunter und wieder hinauf bis zum Ausgang, den wir über eine letzte Treppe erreichen, Koffer, Taschen, Instrumentenkästen, alle müssen diese Treppe empor steigen. Und dann der Vorplatz: ein Hupkonzert wie es New York noch nicht gesehen hat, Busse, Mopeds, Fahrräder, Geklingel, Geratter, und Geknatter – zum Glück ist das Schild: Munchner Kammerorchester, das jemand mit beiden Händen sehr hoch in die Luft hält, nicht zu übersehen, und gehen wir zwei Minuten rechts entlang, dann nochmal rechts, zerren wir unsere Rollenkoffer rumpelnd über das schlechte Pflaster, da ist der Busparkplatz, dieser, nein, der andere, nein, jener: es gibt viele Busse. Gut, dass in unserem auch das Schild Munchner Kammerorchester steht, wir besteigen das überhitzte Fahrzeug, das uns in halbstündiger Fahrt zum Hotel bringt.

Dieses liegt an einem Platz, wo zwei achtspurige Straßen sich kreuzen, entsprechend laut ist es draußen, der Hoteleingang etwas versteckt um die Ecke, und das Zimmer, oh Wunder, sehr leise, weicher dunkelgrüner Teppichboden, wie von Geisterhand schaltet der Fernseher sich ein und heißt mich herzlich willkommen, eine Glaswand trennt das Badezimmer vom Rest des Raumes – ich kann während des Duschens aus dem Zimmerfenster das gegenüberliegende Haus betrachten, keine Möglichkeit, dieses Schallschutzfenster zu öffnen, ich schaue auf eine kleine Seitenstraße hinaus, also alles ganz ruhig. Ich entdecke aus der zehnten Etage mehrere Restaurants dort unten, schreibe ich zu viel über das Essen? aber das sind die hauptsächlichen Tätigkeiten auf einer solchen Tournee: proben, auftreten, üben, essen, ausruhen, schlafen. Na gut, dann beschreibe ich heute nicht mein Abendessen. Und obwohl das keine touristische Reise ist, nehme ich mir vor, am nächsten Tag den Platz des himmlischen Friedens – den Tian’anmén-Platz zu besuchen.

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13. Eintrag: 10. November 2019

Ich habe herausgefunden, dass der Platz zum Tor des himmlischen Friedens gar nicht weit entfernt von unserem Hotel sich befindet, und da ich ein guter Fußgänger bin, mache ich mich gleich nach dem Frühstück auf, ohne den Rat der Dame an der Rezeption, besser ein Taxi zu nehmen, zu beachten. Bin ich auch gleich kurz in die falsche Riesenstraße eingebogen, das kann leicht passieren, aber schon gemerkt und umgekehrt. Jetzt marschiere ich schnell die Straße entlang, die mich zu jenem berühmten Platz bringen soll, ich gehe gerne schnell, wer schnell geht, erlebt mehr, das aber nur am Rande. Vierzig Minuten, hat man mir gesagt, nach fünfundzwanzig erreiche ich mein Ziel, aber bin ich wahrhaftig nicht der Einzige, der dieses Ziel hat. Reisegruppen, die einer in die Höhe gehaltenen Fahne hinterher laufen, kreuzen meinen Weg, unmöglich diese Gruppe zu durchbrechen! warte ich, bis alle vorbeigehastet sind. Die Leute sind hektisch, schnell und fröhlich, es werden Fotos am laufenden Band gemacht, Selfie sticks stochern in die Luft, viele versuchen sich für Fotos mit peace-Zeichen zu positionieren. Schon erblicke ich rechts um die Ecke in einiger Entfernung das weltberühmte Tor und Mao Tse Dong lächelt milde herunter.

Aber ach, ich bemerke, dass niemand den Platz ohne Ausweiskontrolle, ohne Sicherheitskontrolle, ohne sich in die langen Menschenschlangen, die hier mithilfe enger Absperrungen kanalisiert werden, einzureihen. Diese Absperrungen sind so eng gehalten, dass wirklich nicht einmal zwei Menschen nebeneinander gehen können, jeder muss einzeln durch eine Sicherheitsschleuse treten, nachdem die Personalien kontrolliert wurden. Über Allem Trauben von Kameras, kein Mäuerchen, kein Laternenmast, nichts, das nicht mindestens mit zehn Kameras bestückt wäre. Ich beobachte drei Arten von Sicherheitspersonal: erstens grün Uniformierte, die etwas erhöht auf Podesten starr geradeaus blicken, bestenfalls die Augen links und rechts bewegen, ansonsten aber regungslos verharren. Zweitens dunkelblaue Uniformen, die an den Schleusen stehen und den Menschen zeigen, wo sie entlang gehen sollen, hier hindurch, dort hinüber, Tasche bitte hier, Ausweise zeigen. Drittens militärisch grau Uniformierte ohne bestimmten Standplatz, sie gehen zwischen den Menschen herum und beobachten alles mit der Maschinenpistole in den Händen und am Gürtel baumelnden Schlagstöcken.

Bevor der Strom von Besuchern mich in eine Position bringt, von der ich nicht mehr umkehren kann,

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bleibe ich stehen, werfe noch einen Blick auf die Gebäude rings um den Platz: das Tor des himmlischen Friedens, die Große Halle des Volkes, die Gedenkhalle für den Vorsitzenden Mao, das alles habe ich schon mehrmals gesehen, bin vor Jahren unbehelligt und in aller Ruhe über den grandiosen Platz spaziert und habe die Verbotene Stadt besucht.

Dreißig Minuten zurück zum Hotel und esse ich noch etwas in einem der kleinen Restaurants in der Seitenstraße, die ich aus meinem Zimmer im zehnten Stock gesehen habe, ich war dort übrigens gestern abends schon, ich esse das gleiche nochmal. Es ist ja einfach dort zu bezahlen, wenn man Chinese ist, gelangweilt und ohne hinzusehen hält man das Smartphone dem Kellner entgegen, damit er den Scanner über den Bildschirm halten kann, so hat man in Windeseile bezahlt, abgebucht vom Konto in Sekundenschnelle: die allerwenigsten Gäste bezahlen mit Geld, ich krame nach den Geldscheinen in meiner Hosentasche, ich darf das, bin ja nicht von hier, drei rote Geldscheine mit Maos lächelndem Gesicht: dreißig Yuan, ich kriege noch drei heraus, stecke die Münzen ein. Ich bin satt, gehe ins Hotel und ruhe mich aus, denn bald fahren wir los, um unser letztes Konzert zu spielen: im National Centre for Performing Arts, 2 West Chang’an Avenue, Xicheng District 100031 Beijing.

Diese Halle ist halbwegs in den Boden gebaut, nur der obere Teil des Hauses ragt heraus, man geht in zwei Serpentinen eine längere Rampe hinab und betritt das Haus bereits zwei Meter tiefer als die Straßenebene. Kontrolle am Eingang, nur wer auf der Liste steht, darf hinein, wir alle haben wieder in harte Folie eingeschweißte Schildchen umhängen, sind aber auch nicht allein, drei Mitarbeiterinnen der Konzertagentur verifizieren unsere Identität. Dann geht es nochmal drei Stockwerke abwärts, dort sind die Garderoben, dann ein Stockwerk wieder hinauf, dort ist der Saal und der Bananenraum, Sie erinnern sich an die Bananen, die in jeder Stadt in der Nähe der Saaltüren sitzen und auf uns warten. Zusammen mit etlichen Keksen, Wasserflaschen und einer Kaffeemaschine; oder vier großen silbernen Kaffeekannen. Manchmal gibt es auch nur Wasserkannen und löslichen Kaffee, dieser Kaffee kann schmecken wie er will, er ist begehrt beim ganzen Orchester, schon vor der Probe trinken wir die heiße braune Brühe, dabei kann man überall in Cafés und Bars sehr guten Espresso oder Cappuccino bekommen.

Das Konzert läuft wieder wie geschmiert, ein letztes Mal Boccherini, Haydn Cellokonzert, Tschaikowsky, Haydn Sinfonie mitsamt Rausschleichen und Mozart Zugabe: ein gutes Tour-Programm, nicht zu schwer, trotzdem anspruchsvoll und fordernd, außerdem bringt die Wiederholung derselben Stücke eine große Sicherheit mit sich, die uns die Möglichkeit gibt, mit der Musik variabel umzugehen. Jedenfalls Bravo und Standing Ovations vom Pekinger Publikum, vielen Dank. Nachher im Dunkel ist das Haus in allen Farben beleuchtet, die Farbe wechselt alle fünfzehn Sekunden, rot, gelb, blau, grün, sehr eindrucksvoll.

Nach dem Konzert ist ein Essen für alle geplant, wir gehen in ein Kaufhaus gleich beim Hotel, hinauf mit der Rolltreppe, und drei Gänge weiter sind eine Menge Restaurants: unseres hat Tische mit heißer Suppe im Kochtopf in der Mitte eingelassen, und legt man nach Fondueart Fleisch und Gemüse hinein, jeder stochert und rührt mit seinen Stäbchen in der dampfenden Brühe auf der Suche nach seinem Gemüse oder den bleichen Stückchen Fleisch. Zwischen den Tischen ein junger Mensch mit Baseball-Mütze demonstriert die traditionelle Art Nudeln herzustellen: mit mehligen Fingern zerteilt er mehrfach den Teig, lässt ihn unmäßig hoch in die Luft schnellen, damit er immer dünner werde und am Ende schmale längliche Nudeln entstehen; diese werden dann direkt in ein Sieb gesteckt und vor der Nase eines Gastes in die brodelnde Suppe expediert. Das ist müßige Akrobatik, der Mensch kann sicher nicht kochen, er hat nur diesen einen Job zu tun: stundenlang Nudeln machen. Ich suche bald das Weite, zu laut und zu hektisch ist es hier, neun bis zehn Leute drängeln sich um einen kreisrunden Tisch, die Musik brüllt, man unterhält sich schreiend, die Bierflaschen sind riesig und werden immer zahlreicher. Ich kann direkt auf dieser Etage unser Hotel betreten, mit dem Aufzug nach oben fahren und in meinem Zimmer die Ruhe genießen.

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14. Eintrag: 11. November 2019

Der letzte Tag verschafft uns nochmals ein ausgiebiges Frühstück, bevor ein Bus uns zum Flughafen bringt. Ein Kollege hat sein Buch im Zimmer vergessen! also nochmals um den ganzen Block, das dauert eine halbe Stunde, ich kann ihn verstehen, den Kollegen, das Buch ist zudem noch ein E-Reader. Eingecheckt habe ich bereits am Vortag: Reihe 42 Sitz C, aber das ist doch unwichtig! der Flug geht mit Austrian Airlines von Peking nach Wien und gleich im Anschluss weiter nach München, sehr gut, mit derselben Fluggesellschaft ist es kein Problem, das Gepäck bis München aufzugeben, lesen Sie nach, was uns vor zwei Wochen auf dem Hinflug passiert ist; diesmal stecke ich die Noten in den Koffer, was ich zu Beginn der Reise nicht machen konnte: wenn mein Koffer mitsamt Notenmaterial nicht ankäme, fiele möglicherweise das erste Konzert aus, deswegen habe ich während des Hinflugs die Noten im Handgepäck. Jetzt nur noch die Geige, das erleichtert mich sehr.

Der Flughafen ist überraschend leer: keine Wartezeit beim Einchecken, drei Minuten nur: have a pleasant flight! und gleich weiter zur Passkontrolle und zur Sicherheitsschleuse, steht wieder ein grün Uniformierter regungslos auf einem kreisrunden Podest vor einer unmäßig großen grellroten chinesischen Fahne und starrt in die Ferne, wichtiger aber sind die Polizisten, die mit Schlagstock und Pistole herumschlendern. Noch genug Zeit für Kaffee, Kuchen, Sitzen, Lesen, W-Lan, Email, der Flug geht um 12.20, das ist mir persönlich viel lieber als ein Langstreckenflug, der spät abends startet, ich schlafe schlecht im Flugzeug, kann aber stundenlang lesen, also: Joseph Roth begleitet mich von Peking nach Wien, wo wir um vier Uhr nachmittags landen. Der Rest ist einfach: Eine Stunde in Wien warten, Kaffee, eine Stunde fliegen, halbe Stunde auf das Gepäck und zehn Minuten auf die Münchner S-Bahn warten, halbe Stunde fahren, fünf Minuten warten auf die U-Bahn, zehn Minuten fahren, und gegen acht Uhr abends erreiche ich meine Wohnung, es sind exakt 24 Stunden, nachdem wir in Peking eine Extrarunde um das Hotel gedreht hatten.

Liebe Freundinnen und Freunde,

das waren unsere gemeinsamen und im Besonderen meine persönlichen Erlebnisse unserer Reise durch China. Wir haben das Land per pedes, nein, eigentlich per rotas und per alas durchquert und dabei die mannigfaltigsten Eindrücke erlangt. Wir haben ein Land voller freundlicher Menschen gesehen, die sich nichts als Frieden wünschen, genauso wie wir auch. Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen und dabei Befriedigung empfinden, Menschen, die Kultur konsumieren und genießen, Freude an Musik haben und dabei den Kummer des Alltags vergessen, Angehörige einer großen, tausende Jahre alten kulturell reichen Nation. Ich hoffe, Ihnen hat meine Reisebeschreibung gefallen und werden auch unsere nächste Tournee – warum nicht nach China – anhand meiner Texte verfolgen, das würde mich sehr freuen,

das war Bernhard Jestl.

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