BLOG: ON TOUR IN CHINA von Bernhard Jestl

Nach der Konzertreise in Cartagena 2018 berichtet wieder Bernhard Jestl, seit 1985 Geiger beim MKO, von der Reise nach China, den kleinen, kulturellen Unterschieden und natürlich vom leckeren Essen!

Liebe Freunde,

was macht man als Musiker, wenn einem die Konzerte genommen werden? Meine Antwort ist: Mehr üben als sonst; und zwar nicht nur weil die instrumentale Qualität durch die Zeit ohne Auftritte hindurch erhalten werden muss, auch nicht weil mehr Zeit zum Üben da ist, sondern insbesondere weil – gestatten Sie mir das hochtrabende Wort – Musik unser Leben ist. Bislang ist mir das nie so klar gewesen wie jetzt; üblich ist es, sich vorzubereiten, zur Probe zu gehen, dann und wann auch mal gelangweilt zu sein oder über Musik zu meckern, jawohl, auch das gibt es, auch erfährt das Spielen von Konzerten im Laufe der Jahre eine gewisse Routine, verstehen Sie mich recht: bei aller Begeisterung für den Beruf und bei aller Privilegiertheit, die ich in Anbetracht meiner Tätigkeit fühle, kommt mir hin und wieder das Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu können, abhanden. Jetzt dagegen empfinde ich es ganz drastisch: Musik ist mein Leben! die Unmöglichkeit mit meinen Kollegen und Freunden zusammen Musik machen zu dürfen und die Begeisterung des Publikums spüren zu können, führt mir den Gefühlswert von Musik viel stärker vor Augen als sonst, mir fehlt etwas!

Nach diesem kurzen Lamento aber zurück zur eingangs gestellten Frage. Also mehr Üben, außerdem mehr Lesen: wie Sie wissen, ist das neben der Musik meine zweite Hauptbeschäftigung, und jetzt auch Schreiben. Ich habe für Sie einen Bericht über unsere China-Tournee, die wir von 29. Oktober bis 11. November unternommen haben, verfasst. Diesen Text können Sie, wenn Sie mögen, jetzt lesen. Ich habe alles, was mir merkwürdig erschien, aufgeschrieben; wenn die einzelnen Einträge verschieden lang sind, dann gab es eben unterschiedlich merkwürdige Begebenheiten, ich meine das im originalen Sinne des Wortes: merkwürdig. Dieser Bericht ist wie ein Blick zurück in eine ganz nahe Zeit, in der noch alles möglich war – was war nicht alles möglich vor ein paar Monaten!

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen,

herzlich, Ihr Bernhard Jestl

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1. Eintrag: 29. Oktober 2019

Sehr ereignisreich beginnt unsere Tournee, denn stellt sich das Einchecken am Münchner Flughafen als komplizierte Sache heraus: kann man nämlich keinesfalls direkt von München nach Taiwan fliegen. Entweder über London oder Paris oder Shanghai oder Singapur oder – das machen wir: über Hongkong. Wir wollen nach Kaohsiung, das ist eine Kleinstadt mit knapp 3 Millionen Einwohnern ganz im Süden von Taiwan, und von dort mit dem Bus weiter nach Tainan, aber ich greife vor, wir sind ja noch in München.

Umsteigen an sich ist keine besondere Sache: aussteigen, spazieren zum nächsten Flugzeug – einsteigen; bestenfalls paar Sicherheitskontrollen dazwischen. Wenig Zeit, anderthalb Stunden nur ist diesmal zum Umsteigen eingeplant, das ist nicht viel für einen riesigen Flughafen wie Hongkong, da treffen sich ja Tausende: Europa, Ostasien, Australien, Amerika begegnet sich dort: Menschen quirlen durcheinander, entheddern sich wieder und verschwinden in ihren jeweiligen Flugzeugen, als hätten sie sich nie gesehen. Jemand fliegt von Los Angeles nach Dubai, jemand anders von Moskau nach Sydney, wieder Andere von München nach Taiwan: in Hongkong haben sie sich getroffen – an der Kontrolle, im Café, im Shuttlebus – weg sind sie. Dort also sollten wir unser Flugzeug, welches uns nach Kaohsiung bringen würde, finden. Kein Problem, es steht irgendwo geschrieben: Cathay Dragon nach Kaohsiung: Gate G 32, also gehen nach G 32, schon wartet dort das neue Flugzeug auf uns, nicht schwierig. Nein! wir sind ja noch in München, was auch kein kleiner Flughafen ist, aber ich schweife ab.

Wichtig, wenn man umsteigt,

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ist die Frage, ob das Gepäck in Hongkong in Empfang genommen werden muss, um gleich hernach beim nächsten Flug erneut eingecheckt zu werden. Das würde bedeuten: wandern zur Gepäckankunft, warten bis der Koffer ankommt, gehen zum Schalter der Fluggesellschaft, Koffer einchecken, weiter zum Gate G 32, zudem durch drei bis vier Kontrollen! Also, das Gepäck bitte durchchecken, damit es automatisch zum neuen Flugzeug transportiert werden kann. Wir in München wollen das versuchen, aber ach, die freundlichen Lufthansamitarbeiter sehr bedauerlich, es gäbe kein Abkommen zwischen Lufthansa und Cathay Dragon, wir versuchen alles, jeder von uns an seinem Schalter, und was soll ich sagen, mein Schaltermensch schafft es: Gepäck durchgecheckt bis Kaohsiung, ich müsse meinen Koffer nicht zum neuen Flugzeug bringen, versichert er und hängt kurzerhand einen Anhänger an mein Gepäckstück: von München über Hongkong nach Kaohsiung steht da nun drauf.Ich also sehr froh, gehe durch die erste Kontrolle: Durchleuchten von Geigenkasten und Notentasche, Jacke, Gürtel, Handy, Kleingeld, alles aus meinen Taschen verschwindet sauber in ein Körbchen gelegt im Scanner, dann noch stehen mit erhobenen Armen auf genau markierter Stelle und sich durchleuchten lassen. Alles wieder einpacken, nehmen Tasche und Geigenkasten, weiter zur Passkontrolle; das geht schnell: EU-Pässe können gescannt werden, kein Mensch sitzt und schaut, die gläserne Tür öffnet sich automatisch.

Jetzt! Einen Kaffee trinken, und ruft mich gleich Viktor, ein Kollege, der noch draußen steht, an, mit meinem Kofferanhänger würde etwas nicht stimmen, ich solle zu einer Informationsstelle gehen, also ich gehe dahin, aber die freundliche Dame, wenn auf dem Anhänger stehe MUC – HKG – KHH, dann habe das bestimmt seine Richtigkeit, also keine Sorgen machen. Kaffee fertig trinken, jetzt lesen und gehen zum Abflug-Gate. Dort einige Kollegen, die alle nur bis Hongkong eingecheckt haben, nur drei von uns bis zum Ende der Reise! Ich und noch zwei. Konfusion, ich frage direkt am Gate nochmals, aber diese Mitarbeiter wissen nichts dazu zu sagen, merkwürdige Verschiedenheit bei gleichem Reiseziel. Sowieso nichts zu ändern, wir müssen bald einsteigen, also rein ins Flugzeug, das größte Passagierflugzeug der Welt: A 380, eine durchgehend zweistöckige Maschine, viele viele Menschen. Aber wenn man sitzt, hat man ja doch nur seinen halben Quadratmeter, egal ob 300 oder 600 mitfliegen.

Der Flug recht angenehm: 11 Stunden sitzen, zwei langweilige Filme ansehen, viel Wasser trinken, Abendbrot, Mittagessen, Buch lesen, bisschen durch die Reihen wandern, wenig schlafen, dabei beginnt der Flug um 23.15, Schlafenszeit eigentlich – aber schlafe ich nie lange auf solchen Flügen. Zwischendurch werden Einreisezettel für Hongkong ausgeteilt; nein, vielen Dank, ich fliege ja weiter nach Taiwan. Und dann um 6 Uhr morgens deutscher Zeit doch noch eingeschlafen.

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2. Eintrag: 30. Oktober 2019

Liebe Freundinnen, was übt man so alleine zu Hause? Also: mein Pensum ist strukturierter als sonst. Unser sonstiger Tagesablauf ist ja von Unregelmäßigkeit geprägt: kaum ein Tag ist wie der andere, das unterscheidet unseren Beruf wohltuend von anderen. Ich muss jeden Tag auf meinen Terminkalender schauen: Probe von 10 – 16 Uhr, aha, und wo proben wir heute? denn sind auch die Probenorte nicht immer die gleichen; oder es gibt eine Generalprobe um 17 Uhr und abends ein Konzert im Prinzregententheater; oder wir fahren um 14 Uhr irgendwohin, spielen dort und kommen nachts um 12 nach Hause zurück; es gibt auch Probentage, die von 14 bis 20 Uhr dauern; manchmal spielen wir eine Matinee, da beginnt die Generalprobe um neun; außerdem haben wir Konzertreisen unterschiedlicher Länge, ein bis vierzehn Tage. Um zum Üben zurückzukommen: wir üben, wenn uns der Zeitplan die Möglichkeit gibt, vormittags, nachmittags, abends, da sind wir nicht festgelegt.
Ganz anders jetzt: Nichts und niemand strukturiert meinen Tag, nachmittags also übe ich Tonleitern, Dreiklänge, Doppelgriffe, Töne aushalten. Warum nachmittags? Weil ich vormittags durch den Park laufe; um diese Tageszeit hat man mehr Platz, sich aus dem Weg zu gehen. Nachmittags also auch noch Etüden, vielleicht ein Satz aus einer Bach Solosonate.
Jetzt folgt aber der zweite Tag unserer China Tournee für Sie:

30. Oktober 2019

In Hongkong machen sich fast alle Kollegen mit ihren ausgefüllten Einreisezetteln zur Immigration auf, schnell! wenig Zeit, ich hingegen will schon entspannt zum Gate G 32 gehen, lasse mich aber trotzdem von Viktor überzeugen, nach Hongkong einzureisen, nur um nachzusehen, ob nicht vielleicht doch mein Koffer auf dem Förderband auftauchen würde: wenn das der Fall wäre, und ich nicht da, würde mein Gepäck unweigerlich hier bleiben und nicht nach Kaohsiung mitkommen. Also schnell kritzeln einen Einreisezettel und anstellen an der Passkontrolle. Zum Glück sehr zügig arbeitet die Hongkonger Polizei und nur zwanzig Minuten später stehe ich an der Gepäckausgabe, ein weiter Weg übrigens von der Kontrollstelle zum Kringel mit der Nummer weiß ich nicht mehr. Aber noch nicht zu spät, alle Kollegen noch da, und einige haben bereits ihre Koffer in den Händen, meiner nicht da, natürlich, denke ich, er wird ja bis Kaohsiung transportiert.


Was aber muss ich sehen,

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tapfer steht er auf dem Förderband und wackelt mir entgegen, mein Koffer. Ich gerührt bedanke mich bei meinem Kollegen, der darauf gedrungen hatte, nach Honkong einzureisen, um die Koffer zu suchen, jetzt aber schnell! rennen wir weiter zum Check in: Schlange stehen, Gepäck abgeben, Ticketkontrolle, Passkontrolle, Sicherheitskontrolle, Gürtel ab, Kleingeld raus, Jacke, Geigenkasten, Notentasche, sich durchleuchten lassen mit erhobenen Armen, alles wieder einpacken und hasten nach Gate G 32, noch Zeit! fünf Minuten sitzen, einsteigen, jetzt müde. Nur zwei Stunden Flug, komisches trockenes Reisgericht mit Shrimps. Einreise in Taiwan! Umfangreiches Dokument zum Ausfüllen, viele Daten aufschreiben und recht lange warten auf das Gepäck, aber ich ganz entspannt, ist ja meins bestimmt dabei, da kommt es zum Glück, Andrea, eine Kollegin leider hat weniger Glück, ihr Koffer ist in München geblieben, 17 Stunden weit weg! jetzt muss sie einkaufen: Zahnbürste, Konzertkleid, sehr ärgerlich, ich aber froh. Die Einreise ist endlich geschafft, anderthalb Stunden seit der Landung: warten, stehen, warten bis alle da sind.


Eine fröhliche junge Dame von der Konzertagentur empfängt uns, ich kaufe mir während der Wartezeit Essen und Wasser zum Mitnehmen. Es dauert lange, bis das Nachsenden des fehlenden Koffers organisiert ist, aber jetzt auf dem Weg durch feuchte tropische Temperatur zum Bus, wir haben ja Ende Oktober und schon kalt in München, hier über 30 Grad, der Bus allerdings eisig. Wir lassen gleich die Lüftung abstellen und los geht die einstündige Fahrt nach Tainan, unserem Konzertort und vor allem zu unserem Hotel!


Es ist halb sechs Uhr abends, 23 Stunden, nachdem ich meine Wohnung in München verlassen habe; jetzt betrete ich mein Hotelzimmer. Aber nicht schlafen, nur bisschen ausruhen, denn wer jetzt schlafen geht, liegt dann hellwach um drei Uhr früh im Bett. Also finde ich eine Stunde später schräg gegenüber ein kleines Restaurant und esse Suppe: bestellen an der Kasse anhand einer Speisekarte, die aus Bildern besteht, gleich bezahlen, nein, kein Getränk, sitzen auf kleinem Metallhocker ohne Lehne. Ich muss den Tisch wechseln, weil mir die kalte Luft aus einem Ventilator ins Gesicht bläst, alle dreißig Sekunden kommt es bei mir vorbeigewedelt, also drei Tische weiter ist es besser; da ist die Suppe schon aus dem großen Topf gefischt und an meinen Tisch gebracht, man freut sich über etwas Warmes, dabei hat es draußen noch 30 Grad Celsius, im Lokal aber höchstens 15. Ich habe mir einen dicken Pullover mitgebracht, der wärmt mich jetzt: sehr angenehm. Nach dem Essen gehe ich noch ein wenig die Straße entlang, jetzt wieder warm und stickig, die Gehwege in Taiwan sind wahre Kraterlandschaften, man vollführt Kurven und Spitzkehren, um erstens nicht in Löcher zu tappen, zweitens den Menschen auszuweichen, und drittens den knatternden Mopeds, die ebenfalls durch die Kraterlandschaft kurven, zu entkommen.


Jede Seitenstraße sieht gleich aus! Nahezu identische Gebäude, Läden, Imbissbuden, viele fröhliche Leute, laute lachende Kinder, Mopedfahrer mit quäkenden Hupen und überall Stromleitungen, die über uns gespannt sind, mancherorts auch herunterhängen und baumeln. Ich gehe lieber die Hauptstraße entlang und auf der anderen Seite zurück, bis ich wieder am Platz ankomme, wo unser Hotel sich befindet. Ich kaufe noch irgendwo eine große Flasche Wasser, betrete schwitzend die kühle Halle des Hotels und hole den Aufzug, der mich in den siebten Stock bringt, Schlüsselkarte, und zurück in mein Refugium. Jetzt bisschen auspacken, nur das Geringste wird herausgeholt, muss ja morgen abends wieder hinein. Es gibt W-Lan! Also schnell eine Nachricht nach Hause mit Foto von meiner Suppe und von meinem Zimmer. Mittlerweile ist es Abend geworden, jetzt doch müde und um halb elf im Bett: so klappt die Zeitumstellung recht gut.

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3. Eintrag: 31. Oktober 2019

Liebe Freunde, ich habe mir ein neues Projekt ausgedacht: nämlich habe ich während des Studiums die Beethoven Violinsonaten sträflich vernachlässigt, außer der Kreutzersonate habe ich keine wirklich studiert, es gibt aber noch neun andere, also nehme ich mir jetzt jede Woche eine vor: zehn Wochen Beethoven Sonaten! herrlich! und schon beneide ich die Pianisten, die haben 32. Aber! ich beklage mich nicht, das Repertoire für uns Geiger ist ohnehin riesig. Leider habe ich niemanden, der mich am Klavier durch diese Wochen begleitet, also stelle ich mir die Klavierstimme eben vor. Ich habe schon früher ein Projekt dieser Art durchgeführt – ich bin ein Freund von langen Entwürfen – jeden Monat eine Paganini Caprice üben, das hat zwei Jahre gedauert, gibt es ja 24 solche Capricen, jetzt ist es Beethoven, passt ja auch zum Jubiläumsjahr 2020. Sehen Sie, ohne den shut down hätte ich das nicht gemacht.
Hier ist der dritte Tag unserer Tour:

31. Oktober 2019

Frühstück: ich habe mir vorgenommen, zwei Wochen nur chinesisch zu essen, also auch morgens: gebratene Nudeln, Gemüse, aber auch Nüsse, Misosuppe, Fisch, ein Spiegelei und andere kleine Dinge, die ich gar nicht alle benennen kann, dazu Kaffee und Orangensaft. Um neun Uhr schon wach, dabei ist es zu Hause erst zwei Uhr morgens, habe ich mir aber eigentlich abgewöhnt, auszurechnen, wie spät es zu Hause ist, das verhindert die schnelle Umstellung auf die neue Zeit. Ich spaziere ein wenig durch die brennend grelle Sonne und umrunde drei bis vier Blocks, aber laut die Autos, laut die Mopeds und laut die Menschen, also wieder zurück und etwas üben, später nochmals zum gleichen Suppenrestaurant wie am Vortag.

Nachmittags

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gibt es eine Generalprobe im Tainan Municipal Cultural Center, wir fahren mit dem Bus, ein sehr farbiges Gefährt, auch innen, geschmückt mit künstlichen Blumen, falschen Kristallleuchtern und grellen Sitzbezügen – das ist in Asien häufig so, nicht nur hier. Wir bekommen Einlasskarten für den Saal, die hängen jetzt jedem am Halse. Natürlich habe ich mir wieder meinen Winterpullover mitgebracht, den brauche ich für den Bus und für den Saal. Dort ist es kalt, wir lassen gleich die Air Condition ausschalten, aber es wird doch recht schnell stickig, das ist das Dilemma in solchen klimatischen Verhältnissen: also wieder einschalten, aber nur ein wenig, Pullover wieder an, so ist’s erträglich. Wir spielen die Sinfonie „La casa del diavolo“ von Boccherini, die Abschiedssinfonie von Haydn, das C-Dur Cellokonzert von Haydn, Andante Cantabile von Tschaikowsky für Solocello und Streicher und als Zugabe den 4. Satz der Sinfonie in A-Dur KV 201 von Mozart. Das wird unser Programm für die ganze Reise sein, nichts anderes. Mit unserem Solisten, Steven Isserlis, haben wir in München bereits ausführlich geprobt, heute fangen wir die Probe an, er kommt eine Stunde später dazu, wird im extra Auto vom Hotel zum Saal gefahren.

Nach der Probe bekommen wir Abendessen in Pappschachteln, drei Türmchen aufgebaut gleich am Künstlereingang: Gemüse gebraten mit oder ohne Fleisch, Reis dazu, außerdem Essstäbchen und ein Zahnstocher. Alle holen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank, so sitzen wir draußen und knabbern mit der Pappe auf den Knien unter Bäumen in lauem warmem Lüftchen. Nur eine Stunde Zeit und das Konzert beginnt: voller Saal, laute Lüftung, aber es klingt schön, das Publikum begeistert, Isserlis spielt herrlich, alle sind froh, wir sind auch nicht müde, denn für uns ist es ja erst mittags, sehen Sie, jetzt habe ich doch nachgerechnet.

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4. Eintrag: 1. November 2019

Eine weite und umständliche Reise liegt heute vor uns, also frühstücke ich mich satt, wer weiß, wann man wieder etwas Richtiges bekommt.

Ein sehr bunter Bus bringt uns in einstündiger Fahrt zum Flughafen nach Kaohsiung, von wo wir nach Hongkong zurückfliegen, also Ausreisen aus Taiwan, was ganz schnell geht und zwei Stunden später Einreisen in Hongkong, wir füllen wieder ein kleines Papier aus, welches uns als Transitfahrende nach China ausweist, gehen wir ja auch gleich Richtung Brücke, die Hongkong mit Festlandchina, Mainland, wie es genannt wird, verbindet. Also, China und Hongkong haben sehr wohl eine gemeinsame Landesgrenze, habe ich schon einmal vor Jahren dort gestanden und schaudernd nordwärts geschaut, als Hongkong noch Kronkolonie von England war. Aber diese neue Brücke führt uns direkt vom Flughafen Chek Lap Kok, welcher auf einer künstlichen Insel gebaut ist, über das Perflussdelta nach Zhuhai und Macao. Kennen Sie den alten Flughafen Kai Tak? legendär dort zu landen, mitten in der Stadt zwischen den Wolkenkratzern, das ist vorbei, seit der neue Flughafen da ist, schade eigentlich, aber ich schweife ab.

Wir steigen in einen weniger bunten Bus ein und kurven etwas herum,

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wie das bei Flughäfen immer ist, bis wir schließlich in einiger Entfernung Hongkongs Skyline im Dunst erkennen können, wir aber halten uns links und steuern auf ein Gebäude zu, das uns gleich verschlucken wird: Ausreise aus der Sonderwirtschaftszone. Wir entsteigen unserem Bus, alles muss ich mitnehmen: Geigenkasten und Koffer, in welchem sich auch das Notenmaterial befindet, jetzt wiegt er fast zwanzig Kilo. Wir gehen direkt zu den Ausreiseschaltern und werden lässig und recht schnell von den Hongkonger Beamten kontrolliert, Geige und Koffer müssen durchleuchtet werden, kennt man ja. Where are you going? Zhuhai. Das Niemandsland besteht aus einer riesigen Halle, fast leer, wenig Menschen, viel zu groß ist dieser Grenzübergang, nur paar Imbissbuden und Läden sind hier zu finden, wir suchen schon den Ausgang ganz am Ende, hinter welchem wieder unser Bus wartet, er ist inzwischen außen herum gefahren. Nicht zehn, nicht zwanzig, nein, fünfzig Kameras begleiten uns auf unserem Weg. Koffer wieder in den Bus, der Fahrer macht alles, er stapelt und schiebt und räumt.

        Jetzt beginnt die Fahrt über die längste Brücke der Welt, auf Stelzen stelzt die Straße dahin: fast immer geradeaus nur einmal gibt es einen weiten Bogen nach links, in gleißendem Licht rattern wir geblendet von der späten Sonne dahin. Nicht schneller als 60 km/h fährt unser Bus auf freier sechsspuriger Strecke. Nach ein paar Kilometern senkt sich die Straße und führt mithilfe einer kleinen künstlichen Insel unter Wasser, über uns können die Containerschiffe in die Bucht einfahren. An der nächsten Insel geht es aus dem Tunnel wieder heraus, auf Stelzen weiter Richtung Mainland China. Wir begegnen auf dieser einstündigen Fahrt fast niemandem, habe ich etwa drei Autos und einen Bus gesehen, die uns entgegengekommen sind. Hoffnungslos überdimensioniert ist dieses Projekt, ich weiß nicht, wieviel Millionen das gekostet haben mag.

        Einreise in die Volksrepublik: wir haben ja schon vor Wochen unseren Visa-Antrag gestellt, nein! ich werde nicht schreiben, wie umständlich das war; das sechsseitige Visum wurde jedenfalls auf der chinesischen Vertretung in Deutschland in einen schlichten Klebezettel in meinem Reisepass verwandelt: ich darf einreisen. Trotzdem fülle ich nochmals ein DIN-A 4 Blatt aus, scanne meine Fingerabdrücke, ein kleines Stück Papier voller Zahlen wird ausgespuckt: das bin ich, und gehe damit zu den Schaltern, das geht schnell! sind ja fast keine Reisenden da. Aber der Beamte lässt sich viel Zeit, face the camera, fingerprints, thumb, first finger, jeder Finger einzeln, der Beweis, dass ich derselbe geblieben bin auf dem kurzen Weg von dahinten, where are you going, Zhuhai, Stempel. Geige tragen, Koffer ziehen und warten, bis alle Kollegen es geschafft haben, zwei Stunden hat es gedauert. Ein 1,50 Meter kleiner weißer Roboter mit Grinsegesicht kurvt neugierig um uns herum, bleibt höflich auf Abstand: tritt man ihm in den Weg, weicht er aus oder hält an, hat uns aber im Visier. Ein paar Kinder finden es lustig und winken, er hat aber auch ein niedliches Gesicht.

        Zurück in den Bus, er ist wieder außen herum gefahren, der Fahrer stapelt, schiebt, ächzt zum dritten Mal, und fahren wir Richtung Zhuhai: links geht es nach Macao, da waren wir schon vor paar Jahren, wir erkennen die wunderlichen Gebäude, die Stadt ist ein Spielerparadies wie Las Vegas. Jetzt aber rechts herum und schon sind wir an unserem Ziel. Wir fahren durch den donnernden Verkehr, viel los hier, durchqueren das Zentrum und landen schließlich nach drei viertel Stunden in einem gläsernen Fünf-Sterne-Hotel direkt am Meer, wir sind froh nach dieser Ochsentour: tolles Zimmer, schöner Ausblick auf einen grünen Park, schön ausgestattetes Bad, Seifen, Shampoo, Cremes, acht Handtücher, Wasserflaschen, großes weiches Bett, sechs Kopfkissen, Ruhe!

        Abends essen gehen, ich spaziere einen kleinen Abhang hinunter und gehe durch eine sehr belebte Straße, ziemlich zwielichtiges Volk unterwegs, macht nichts. Ich finde ein kleines Lokal mit Dumplings-Holzkästchen, zwei Meter hoch türmen sie sich, gefüllt mit verschiedensten Inhalten, sehr gut, habe ich gleich drei ausprobiert, alle schon warm, ist eine Imbissbude, es dauert nur dreißig Sekunden, da stehen sie schon vor mir herrlich dampfend. Eins dauert länger, denn die Dim Sum werden mit Ei drüber gebraten. Sehr lecker, ich bestelle diese nochmals. Alter Mann ohne Zähne lacht mir entgegen und bringt die vierte Portion an meinen kleinen Metalltisch, ich auf dreibeinigem Metallhocker schwitze. Draußen ist es heiß und hier am Feuer erst recht, deshalb empfinde ich die Temperatur draußen als sehr angenehm. Ich gehe nochmals eine halbe Stunde links, dann eine halbe Stunde wieder zurück, die Seitenstraßen sind nicht sehr pittoresk, also bleibe ich in meiner zwielichtigen Straße, es gibt wirklich jede Menge Clubs und aufgetakelte Schicksen hier: mit Hackenschuhen staksen sie durch die Kraterlandschaft des hiesigen Trottoirs. Am Ende der Straße bisschen den Hügel hinauf, ich treffe unterwegs noch paar Kollegen und Kolleginnen in verschiedenen Restaurants, sie lassen sich bedienen, sitzen draußen auf weichen Polstern und schlürfen Cocktails, oder Weißbier! trinken sie, nein, das gibt es zuhause nicht. Ich pflege in meinem Zimmer noch ein bisschen der Ruhe und gehe schlafen.

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