Saison 20|21 ›NACHBARN‹

Da aktuell nur 200 Besucher im Prinzregententheater Platz nehmen dürfen und die Dauer einer Veranstaltung begrenzt ist, haben wir uns entschlossen, unsere Abonnementkonzerte in dieser Saison bis auf weiteres zweimal am Abend mit einem leicht verkürzten Programm und ohne Pause zu spielen. So wird es nun eine Veranstaltung um 18.00 Uhr sowie einen weitere um 20.30 Uhr geben.

 

All unseren Vollabonnenten können wir definitiv einen Sitzplatz in den acht Abonnementkonzerten garantieren

 

Alle Wahlabonnenten bitten wir ausnahmsweise um frühzeitige Rückmeldung, wenn sie ein Abonnementkonzert besuchen möchten.

 

Auch die 3er-Abonnenten haben wir bereits wie jedes Jahr um die Mitteilung der drei Konzerte, die sie hören möchten, gebeten. Bitte geben Sie uns falls Sie eine dringend präferierte Uhrzeit haben, diese noch zeitnah per Mail an abo@m-k-o.eu durch.

Die Sitzplätze für unsere Wahl- und 3er-Abonnenten werden nach Eingang der Bestellungen vergeben. Sollten wir es Ihnen – aufgrund einer hohen Nachfrage für eines der Konzerte – nicht ermöglichen können, das gewünschte Konzert zu besuchen, so bedauern wir dies sehr und möchten Sie ausnahmsweise bitten, ein anderes Konzert auszuwählen.

Damit die Wahl- und 3er-Abonnenten jedoch die Möglichkeit haben, sich besser über die Saison zu verteilen, haben wir uns entschlossen, in dieser Saison ein Zusatz-Abonnementkonzert anzubieten. Dieses wird am Donnerstag, den 25. Februar 2021 im Prinzregententheater unter der Leitung unseres Chefdirigenten Clemens Schuldt mit dem Tenor Mark Padmore stattfinden, der mit Benjamin Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester zu hören sein wird. Auf dem Programm außerdem die Deutsche Erstaufführung des neuen Werks von Thomas Adès (das infolgedessen nicht im 6. Abonnementkonzert mit John Storgårds zu hören sein wird).

Wahl- und 3er-Abonnenten können dieses Zusatzkonzert im Rahmen ihres Abonnements auswählen. Den Vollabonnenten bieten wir die Möglichkeit, Zusatzkarten für dieses Konzert zu Ihren Abonnementkonditionen zu erwerben. Das bis dato an diesem Termin geplante Münchener Aids-Konzert wird in dieser Saison ausgesetzt.

Mit einem Klick auf das Saisonplakat öffnet sich das Saisonprogramm.

Sehr verehrtes Publikum, liebe Freunde des MKO,

 

wenn wir über den ›netten Nachbarn von nebenan‹ sprechen, reden wir einerseits über Gemeinschaft, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfsbereitschaft, andererseits denken wir das Distanzbedürfnis und die trennende Wand zwischen uns gleich mit. In den letzten Jahren wurde viel über Grenzzäune als Symbol für Abgrenzung oder Abschottung diskutiert.

 

Die Ambivalenz und Tragweite des Themas Nachbarschaft findet sich wunderbar artikuliert in Robert Frosts Gedicht ›Mending Wall‹: Dem markigen Statement ›Good fences make good neighbours‹ antwortet das lyrische Ich mit einer grundlegenden Frage: ›Why do they make good neigh- bours? (…) Before I built a wall I’d ask to know / What I was walling in or walling out, / And to whom I was like to give offense. / Something there is that doesn’t love a wall, / That wants it down.‹ Der Gedanke, dass die Mauer nicht nur den Schutzraum des Individuums bildet, sondern auch eine Einschränkung, ja Bedrohung darstellt, ist der poetisch- subversive Einspruch einer Kunst, die gesellschaftliche Barrieren lieber einreißen würde und sich der sozialen Utopie verpflichtet weiß.

In unserer neuen Saison wollen wir offensichtliche und versteckte Nachbarschaften zwischen Werken, Komponisten und Ländern beleuchten, auf Konflikt behaftete oder idealisierte Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Staaten und Gesellschaftsgruppen eingehen und so einmal mehr aufzeigen, dass Musik per se nie beziehungslos im Raum steht. Vielmehr bildet sie die Ambivalenz des Themas schon in ihren Entstehungsmomenten selbst ab: Der kompositorische Schaffensprozess ist ohne Isolation, Abschottung und Konzentration kaum denkbar, während die Aufführung im Konzert im Idealfall den Charakter eines Gemeinsamkeit stiftenden Erlebnisses gewinnt.

Der Prototyp einer idyllischen, scheinbar konfliktlosen Nachbarschaft – wer etwa Juli Zehs ›Unterleuten‹ kennt, versteht das ›scheinbar‹ hier besonders gut – ist die Dorfgemeinde. In den vergangenen Jahrhunderten bilden sich dort eine Reihe von Tänzen und Gesängen aus, gemeinsame Prozessionen und Volksfeste gehören zur Tradition. Dieses Idealbild sowie sein pures Gegenteil, die (Selbst-)Zerstörung friedlichen Zusammenlebens durch Bürgerkrieg, erscheint bereits im Eröffnungsstück dieser Saison, den ›Three Places in New England‹, in denen Charles Ives sowohl Volks- als auch Kriegslieder zitiert.

MKO im Prinzregententheater © Florian Ganslmeier

Wir wollen mit musikalischen Mitteln Brücken bauen, wenn wir Werke aus Ländern gegenüber stellen, die einmal ge- trennt waren oder bis heute in schwierigsten Beziehungen zueinander stehen: Georg Katzer ist ein spannender Vertreter der heute fast völlig in der Versenkung verschwundenen Musikkultur der ehemaligen DDR, und das freundliche Nacheinander der Musik des Armeniers Tigran Mansurian und des jungen türkischen Komponisten Mithatcan Öcal ist ein symbolhaftes ›Trotz‹ der schwer belasteten Geschichte zwischen den beiden Ländern. Ein Höhepunkt und sichtbarer Brückenschlag wird das gemeinsame Konzert mit dem französischen ›Ensemble intercontemporain‹ werden, mit dem wir eine längerfristig angelegte Partnerschaft beginnen.

Nachtmusik der Moderne credit © Florian Ganslmeier
Nachtmusik der Moderne credit © Florian Ganslmeier

Nachbarschaften gibt es natürlich auch im künstlerisch-ideellen Bereich: Jörg Widmann setzt sich und sein Schaffen in seinem Konzertprogramm mit Schumann und Mendelssohn in vielfältiger Weise in Beziehung. Márton Illés’ neues Violinkonzert ›Von-tér‹ für Patricia Kopatchinskaja, das wir in dieser Saison absagen mussten, findet einen neuen Termin in einem mährisch-österreichisch-ungarischen Programm mit Haydn, Ligeti und Janácek. Weitere Auftragswerke verdanken wir Beat Furrer (Violinkonzert für Ilya Gringolts), Thomas Adès, Juste ̇ Janulyte ̇ , Hans Abrahamsen und Mithatcan Öcal.

Die Doppelrolle des Nachbarn bekommt in den heutigen Tagen, wir haben Frühjahr 2020, noch eine völlig neuartige Konnotation. Die Welt erlebt eine Pandemie nie geahnten Ausmaßes und ist mit einem Virus konfrontiert, das sich in die nachbarschaftlichen Beziehungen einnistet und jede Form sozialen oder kulturellen Miteinanders als Vehikel zu seiner Verbreitung nutzt. Der Nachbar, der Freund, die Menschen in der unmittelbaren Umgebung können genauso hilfsbereit sein, wie sie eine potentielle Bedrohung als Überträger dieses noch unerforschten Erregers darstellen. Die Gesellschaft reagiert wie so oft janusköpfig: Egoistisch in Form von Hamsterkäufen und apokalyptischen ›Corona-Partys‹, aber auch solidarisch in Form von Nachbarschaftshilfe und gelebter Solidarität. Die Krise verstärkt nicht nur die positiven wie negativen Eigenschaften von Menschen oder Gemeinschaften, sie führt uns auch vor Augen, dass der Kulturbetrieb ohne soziale Verantwortung und ohne die grundlegende Wertschätzung des menschlichen Lebens seine Existenzberechtigung aufs Spiel setzen würde.

Diese Zeit der erzwungenen sozialen Distanz macht uns allen aber auch bewusst, wie wichtig gemeinschaftliche Erlebnisse sind und wie selbstverständlich diese für uns jahrelang waren. So wunderbar die vielen digitalen Kulturangebote auch sind: Nichts ersetzt das physische Erleben im Konzert, den elektrisierten Saal, die Spannung auf der Bühne. Wir, das Münchener Kammerorchester, möchten uns ganz besonders bei allen öffentlichen und privaten Förderern, Freunden, Abonnenten und Konzertbesuchern bedanken, die uns helfen, diese extreme Situation zu überstehen und unsere große Hoffnung aufrecht zu erhalten: Die Hoffnung nämlich, so bald wie möglich wieder für Sie spielen zu können!

Ihr

Clemens Schuldt, Chefdirigent

Florian Ganslmeier, Geschäftsführer

Chefdirigent Clemens Schuldt © Florian Ganslmeier
Chefdirigent Clemens Schuldt © Florian Ganslmeier
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