WÄRME

›Wärme‹ ist das Motto der Saison 2019/20 des Münchener Kammerorchesters. Kaum ein Begriff eröffnet einen derart weiten und ambivalenten Assoziationsraum: da gibt es zunächst die musikalische ›Wärme‹, oft auf die Romantik bezogen, aber gerade in der Moderne auch heftig umstritten. Gerade Arnold Schönberg, dessen Verklärte Nacht als Inbegriff des spätromantischen ›warmen Streichertons‹ gelten kann, leitet eine Entwicklung ein, der die ›Wärme‹ im Ton geradezu reaktionär erscheint oder die sie durch auf Reibung beruhende Erhitzung in der seriellen Musik oder bei Komponisten wie Helmut Lachenmann und Györgi Ligeti ersetzt.

Es gibt die Wärme als Indikator sozialer Geborgenheit, als mit dem Modewort ›Hygge‹ umschriebenes Gefühl eines an den Biedermeier gemahnenden Rückzugs ins Private. Es gibt sie als positive Charakterisierung und wachsendes Desiderat in einer Zeit zunehmender sozialer Kälte, auch als Ursprung (Prometheus) und Voraussetzung sozialer Kultur, und als Ausdruck der Erotik, die in Bild- wie Klangwelten oft in ein warmes Licht getaucht erscheinen.

Andererseits ist Wärme stets ein Gefahrenherd, Ausdruck einer Krise, des Körpers (Fieber), der Natur (die aktiven Vulkane), des sozialen Zusammenhalts (›brennende Paläste‹). Und mehr denn je sind wir zur Zeit – auch durch die junge Generation – mit einer der ›brennenden‹ Fragen an unser aller Zukunft konfrontiert, die die Klimaerwärmung betrifft.

Vielen dieser Aspekte wird das MKO unter Leitung seines Chefdirigenten Clemens Schuldt durch alle Epochen nachspüren. Von Jean-Féry Rebels Le Cahos, das die Saison eröffnet, über klassisch-romantische Hauptwerke von Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Clara Schumann, von Carl Maria von Weber und Verdi und die Musik des frühen 20. Jahrhunderts (Sibelius, Schönberg, Schreker, Ravel) bis zur Nachkriegsmoderne, die mit so grundsätzlich verschiedenen musikalischen Ansätzen wie bei Frank Martin, Hanns Eisler, György Ligeti, Luigi Dallapiccola oder dem isländischen Komponisten Jón Leifs vertreten ist. 

Und dann, natürlich, die Gegenwart: neben Helmut Lachenmanns Zwei Gefühle, das Texte von Leonardo da Vinci zum Ausbruch des Ätna zitiert, gehören etwa Beat Furrers auf seinem Wüstenbuch basierendes Streicherstück Xenos III und Miroslav Srnkas Overheating, das unter dem Eindruck der verheerenden kalifornischen Waldbrände 2018 entstand, unmittelbar in diesen Zusammenhang; wir stellen das Werk des tschechischen Komponisten, der schon mit seiner Oper South Pole (eisige) Temperaturen in Musik setzte, als deutsche Erstaufführung vor. 

Chefdirigent Clemens Schuldt ©Florian Ganslmeier

Eine Entdeckung ist auch die litauische Komponistin Justė Janulytė, deren flirrende Streicherklänge im Stück Elongation of Nights eine ganz andere Art musikalischer Wärme suggerieren. Weitere zentrale Auftrags- bzw. Ur- und Erstaufführungswerke in der Saison kommen von Johannes Maria Staud, der erstmals ein Kammerorchesterwerk für das MKO geschrieben hat, Thomas Adès (Deutsche Erstaufführung des Cellokonzerts mit Steven Isserlis) und dem Ungarn Márton Illés, dessen Violinkonzert für Patricia Kopatchinskaja nach seiner Uraufführung in Köln zum Saisonabschluss in München zu erleben sein wird.

Solisten der Aboreihe sind (neben den Genannten) der Geiger Christian Tetzlaff, die Pianisten Alexander Melnikov und Evgeni Bozhanov, der Cembalist Mahan Esfahani, die Klarinettistin Sharon Kam, der Bariton Christian Nigl sowie Helmut Lachenmann in beiden Sprecherrollen seiner Zwei Gefühle. Als Gastdirigenten begrüßen wir Ilan Volkov, Joshua Weilerstein und Christian Kluxen, die alle zum ersten Mal mit dem Orchester arbeiten.

Seine 14. Auflage erlebt das Münchener Aids-Konzert als zentrales soziales Engagement des MKO; als Gaststars musizieren die King’s Singers, die Geigerin Arabella Steinbacher und der Schlagzeuger Alexej Gerassimez unter Leitung von Clemens Schuldt für die Münchner Aids-Hilfe.

Die ›Nachtmusik‹ in der Pinakothek der Moderne erlebt mit Johannes Maria Staud nicht nur ihre 50. Ausgabe, sondern davor noch eine Premiere: erstmals ist ein Doppelporträt angesetzt, das den 2017 verstorbenen Komponisten Klaus Huber an die Seite seiner Frau Younghi Pagh-Paan stellt. Das dritte Porträtkonzert ist dem amerikanischen Komponisten Terry Riley gewidmet, der eine solitäre Rolle zwischen den Anfängen des Minimalismus, indischen Einflüssen und Hippiekultur einnimmt.

Nachtmusik der Moderne credit Florian Ganslmeier

Kinderkonzert mit Double Drums ©Florian Ganslmeier

Das jährliche Kinderkonzert bringt eine Neuauflage der Zusammenarbeit mit dem Schlagzeugduo Double Drums, die diesmal unter dem Titel ›Frostig, Feurig, Furios‹ vor allem afrikanischen und südamerikanischen Rhythmen nachgeht. Begleitet wird das Kinderkonzert im Vorfeld wieder von vorbereitenden Workshops im Rahmen des umfangreichen Education- und Musikvermittlungsprogramms des MKO.

Neben den gemeinsamen Auftritten in drei Münchner Clubs mit Musikern der Münchner Philharmoniker unter dem Titel ›BMW Clubkonzerte‹ wird auch die Reihe ›MKO Songbook‹ im Schwere Reiter fortgesetzt: mit einer Spezialausgabe anlässlich eines von der Pianistin Sabine Liebner initiierten Festivals zum 100. Geburtstag der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja.

In Planung für die ›Wärme-Saison‹ befindet sich sowohl eine Kammermusikreihe an verschiedenen Orten unter dem Titel ›Klimakammer‹ als auch eine Gesprächsreihe, die die verschiedenen Aspekte des Themas begleitend zu den Abonnementkonzerten aufgreifen soll, in Partnerschaft mit der Süddeutschen Zeitung.

BMW Clubkonzert ©Florian Ganslmeier

Ihr

Münchener Kammerorchester

Künstlerisches Gremium: Clemens Schuldt, Florian Ganslmeier, Philipp Ernst, Kelvin Hawthorne, Rüdiger Lotter (bis 4/2019), David Schreiber (ab 4/2019)

Lesen Sie hier das Interview mit dem Künstlerischen Gremium zur neuen Saison.

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