WANDERN

Ein Migrationsschicksal aus tiefer Vorzeit: Weil sie nicht mit ihren ägyptischen Vettern zwangsverheiratet werden wollen, fliehen die fünfzig Töchter des Danaos über das Mittelmeer an den Strand von Argos. Dort, in Griechenland, erbitten sie bei König Pelasgos Asyl. Das Dilemma des Herrschers: Recht und Gewissen gebieten, den Frauen Schutz vor den Söhnen des Ägyptos zu gewähren. Politische Rücksichten jedoch lassen ihn zögern, da er keinen Krieg mit den geprellten Ägyptern riskieren darf. So kommt es zur Volksabstimmung. Das Ergebnis ist eindeutig – die Schutzflehenden sollen aufgenommen werden und in Argos eine neue Heimat finden.

 

Diese Geschehnisse schildert eines der ältesten Theaterstücke überhaupt, die Tragödie Hiketides von Aischylos, die vermutlich 466 v. Chr. erstmals gespielt wurde. Für eine Inszenierung im antiken Amphitheater von Epidauros schrieb Iannis Xenakis 1964 eine denkbar kompromisslose Musik dazu: Scharfkantig bohren sich die raschen Repetitionen zweier Trompeten und Posaunen in die bewegten Streichertexturen; erst nach und nach kommen sanftere, deutlich archaisierende Klänge hinzu. Dass er zur Premiere der Produktion nicht in die griechische Heimat würde reisen können, wusste Xenakis schon während der Arbeit an der Partitur: Als ehemaliger Kämpfer der kommunistischen Befreiungsfront hatte er 1947 über Italien nach Paris fliehen müssen, wo er später einige Jahre im Büro von Le Corbusier als Architekt arbeitete. In Abwesenheit war er von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden. An eine Rückkehr nach Griechenland war vorerst nicht zu denken.

Xenakis‘ Musik zu den Schutzflehenden und Schuberts ›große‹ C-Dur-Symphonie D 944 bilden das Portal der Saison 2017/18 des Münchener Kammerorchesters, der wir das Motto ›Wandern‹ gegeben haben. Dass das Thema regelrechte Kaskaden musikalischer Assoziationen auslöst – wir denken an ganz bestimmte Komponisten, an einzelne Werke und spezifische Rhythmen, an die Musiken vertriebener Völker und die Musizierformen umherziehender Spielmänner etc. – liegt auf der Hand. Ebenso offensichtlich ist, dass es sich beim Wandern um eine überaus widersprüchliche Daseinsmetapher handelt. ›Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen‹, hat schon Blaise Pascal gesagt. Der Filmregisseur Werner Herzog glaubte dagegen 1974 fest daran, er könne durch einen winterlichen Gewaltmarsch von München nach Paris ein Unglück abwenden und den Tod der schwer erkrankten Kritikerin Lotte Eisner aufhalten (tatsächlich sollte diese genesen und noch weitere neun Jahre leben). Die Amerikanerin Cheryl Strayed wiederum verkaufte alles, was sie besaß, und wanderte 1995 über tausend Meilen allein auf dem Pacific Crest Trail durch die USA, um über eine tiefe Lebenskrise hinwegzukommen. Mit ihrem Bericht über die entbehrungsreiche Tour und die daraus resultierende Selbstheilung landete sie einen der großen internationalen Bestseller-Erfolge der vergangenen Jahre.

 

Aber hat Wandern überhaupt ein Ziel? Folgen die Schritte nicht ohnehin stets der ›Straße, die noch keiner ging zurück‹, wie es in Wilhelm Müllers und Schuberts Winterreise heißt? Und bedeutet Wandern letzten Endes nicht die Lizenz zum freien Umherschweifen? Einige Antworten werden die Konzerte unserer Saison geben. Gleich drei Mal steht Musik von Franz Schubert auf dem Programm: Der deutsch-italienische Komponist Fabio Nieder wird ausgewählte Lieder zum Themenkreis für Bariton und Instrumentalensemble bearbeiten, Michael Nagy übernimmt den Solopart. Der junge österreichische Pianist Aaron Pilsan spielt die Wanderer-Fantasie in der Orchesterfassung von Franz Liszt. Und Clemens Schuldt dirigiert Schuberts gewichtige letzte Symphonie, in welcher dem berühmten Wanderrhythmus ›lang – kurz – kurz‹ eine tragende Rolle zukommt. Schubert ist ohnehin der ›Wander‹-Komponist schlechthin. Theodor W. Adorno hat 1928 von der ›kreisenden Wanderschaft‹ von Schuberts musikalischen Formen gesprochen. Keine Geschichte widerfahre den Themen des Wieners, so der Philosoph, keine Veränderung, Verarbeitung und Entwicklung, wie dies etwa bei Beethoven der Fall ist, sondern einzig die ›perspektivische Umgehung‹ und ein beständiger Wechsel der Beleuchtung: ›Dem Wandernden allein begegnen unverändert, aber anderen Lichtes die gleichen Partien wieder, die ohne Zeit sind und unverbunden vereinzelt sich darstellen‹, schreibt Adorno.

Von diesem stimmungshaften Erleben ohne den Drang auf einen definierten Endpunkt hin rühren sie her, die immensen Dimensionen bei Schubert, aus diesem genießerischen Verweilen ergeben sich die ›himmlischen Längen‹ der C-Dur-Symphonie, von denen Schumann einst schwärmte. Vielleicht ist dies das reichste Geschenk des Wanderns noch vor dem Landschaftserlebnis, noch vor dem Erkenntnisgewinn: Das gleichmäßige Gehen – idealiter ohne GPS, Smartphone und Selfie-Stick – schenkt uns Zeit. Es öffnet Räume der entschleunigten, ganz und gar gegenwärtigen Interaktion mit der Welt, die im Zeitalter rasanter technologischer Entwicklungen immer seltener werden. ›Wie froh bin ich, in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können‹, sagt Beethoven – denn eben ›diese geben den Widerhall, den der Mensch wünscht‹.

 

Wann immer wir im Künstlerischen Gremium des MKO in den vergangenen Monaten über das Thema diskutierten, kamen wir sofort auf die zentrale Unterscheidung zwischen Wandern aus freien Stücken und einem erzwungenen Losmarschieren zu sprechen. Zweckfreies Gehen ist bekanntlich eine relativ junge Betätigungsform des Menschen. Dass unsere Steinzeitvorfahren auf der Suche nach Nahrung täglich große Strecken zu Fuß zurücklegen mussten, mag ihrer Figur zugutegekommen sein, wie die Vertreter der ›Paleo-Diät‹ heute predigen. Ein Vergnügen können diese Märsche nicht gewesen sein, dazu waren sie viel zu gefahrvoll und kräftezehrend. Und auch die wandernden Handwerksburschen des romantischen Volkslieds folgten weniger ›des Müllers Lust‹ als vielmehr strengen Zunftregeln, die eine längere Lehrzeit fern der Heimat vorschrieben. Bis heute werden viele Wanderungen aus purer Not heraus unternommen – die Migrationskrise erinnert uns jeden Tag daran. Buchstäblich bei Nacht und Nebel floh der junge György Ligeti nach dem Ungarn-Aufstand 1956 über die Grenze nach Österreich. Noch in den beiden später in Deutschland entstandenen Konzerten, mit denen wir das Haydn-Ligeti-Projekt unter Leitung unseres Artistic Partners John Storgårds abschließen werden, sind Ligetis ungarische Prägungen vernehmbar.

Der Italiener Stefano Gervasoni komponiert im Auftrag des Orchesters einen Liederzyklus für Mezzosopran und kleines Orchester; die Schwedin Charlotte Hellekant wird ihn singen. Als Textvorlage hat Gervasoni Nelly Sachs‘ Grabschriften in die Luft geschrieben ausgewählt, Gedichte zum Andenken an im Holocaust ermordete Menschen, die die in Berlin-Schöneberg aufgewachsene Lyrikerin allesamt persönlich kannte. ›With music I can open a heart / as easily as you can open a door‹, singt der Fremde in George Benjamins Kurzoper Into the little Hill, die Clemens Schuldt im 4. Abonnementkonzert dirigieren wird. Alle Ratten müssten getötet werden, verlangt das Volk vom Minister, andernfalls werde er nicht wieder gewählt. Der Politiker beauftragt den zugewanderten Musiker, den ›Stranger‹, mit der grausamen Aufgabe. Als dieser den ihm versprochenen Lohn fordert, wird er rüde abgewiesen. Doch plötzlich sind alle kleinen Kinder aus der Stadt verschwunden – sie sind unter der Erde in einem kleinen Hügel. ›Je tiefer wir graben, desto heller brennt seine Musik‹, singen die Kleinen.

 

Concentric Paths ist das Violinkonzert von Thomas Adès betitelt, mit dem der gefeierte Geiger Augustin Hadelich beim MKO debütiert. Prozessionsartiges Schreiten ist im Andante von Beethovens Siebter Symphonie zu erleben, einem der suggestivsten Sätze der Wiener Klassik. Auch das im 2. Abokonzert erklingende Streicherstück des Esten Erkki-Sven Tüür bedient sich der Metaphorik von Pfaden und Spuren, genau wie ›Aufbruch‹, ein MKO-Auftragswerk von 2006 aus der Feder des israelisch-palästinensischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi, das wir in unserer Reihe im Schwere Reiter wieder aufführen werden. Als Wanderer zwischen zumeist getrennten musikalischen Welten erscheinen im siebten Abonnementprogramm die E-Gitarren in Tristan Murails Contes cruels und in dem Ensemblestück The Wire des Amerikaners Bryce Dessner. Wir freuen uns sehr, dass der Komponist und Gitarrist der Indie-Rock-Band ›The National‹ sein Stück mit uns musizieren wird. Als Dirigent dieses kontrastreichen Abends stellen wir den immens begabten jungen Engländer Ben Gernon erstmals in München vor.

Auch für 2017/18 hat das MKO wieder mehrere Kompositionsaufträge für die Abonnementreihe erteilt, in allen Fällen handelt es sich um die Fortsetzung bereits bestehender Partnerschaften. Neben den erwähnten Arbeiten von Fabio Nieder und Stefano Gervasoni, beides Komponisten, die schon in der Spielzeit 2016/17 auf unseren Programmen standen, erwarten Sie ein Cellokonzert des in Neuburg an der Donau lebenden Komponisten Tobias PM Schneid für Maximilian Hornung und – darauf sind wir besonders gespannt – ein vokalinstrumentales Werk, das Jörg Widmann für das Leipziger Vokalquintett amarcord und das Münchener Kammerorchester schreibt. Die Uraufführung ist für den 19. Oktober 2017 vorgesehen, für das Eröffnungskonzert der Saison.

 

Drei Komponisten beinahe gleichen Alters, drei extrem eigenständige Gestalten auch, porträtieren wir in den Nachtmusiken in der Rotunde der Pinakothek der Moderne. Per Nørgård, dem Dänen, Jahrgang 1932, der 2016 mit dem Hauptpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet wurde, ist der erste Abend gewidmet. Im Januar 2018 beschäftigen wir uns mit Henryk Górecki (1933–2010), dessen Dritte Sinfonie in den frühen neunziger Jahren zu einem der größten Publikumserfolge auf dem Plattenmarkt wurde. Sein bedeutendes übriges Schaffen ist darüber ein bisschen in Vergessenheit geraten, weswegen wir Ihnen nun einen breiteren Querschnitt vorstellen wollen. Schließlich erwarten wir den großen Sir Harrison Birtwistle bei uns in München: Der 1934 in Accrington, Lancashire Geborene gilt seit langem als eine der kraftvollsten und originellsten Komponistenpersönlichkeiten unserer Tage. Als Solisten der Pinakotheks-Nächte haben wir Mahan Esfahani eingeladen, den iranischen Cembalisten, der Góreckis Konzert spielen wird, und den Trompeter Håkan Hardenberger, den Uraufführungssolisten von Birtwistles Endless Parade.

Ein ganz neues, bewusst experimentelles Format begründen wir mit ›MKO trifft whiteBOX‹: Im Juni 2018 werden Clemens Schuldt, die Trondheim Voices und das Orchester zusammen mit der Komponistin Manuela Kerer und einem internationalen Team von Sound- und Lichtgestaltern ein multimedial inszeniertes Wandelkonzert bestreiten. Wir hoffen auf intensive Begegnungen zwischen den Lebenswelten und künstlerischen Sparten und auf einen besonders engen Dialog mit Besuchern verschiedener Generationen.        

 

Vagabunden sind sie alle, die Musiker, die in unseren Konzerten auftreten. Kaum einer hat die Existenz des ›unruhigen Reisenden‹ in jüngerer Zeit so elegant verkörpert wie der Pole Piotr Anderszewski in der poetischen Doku-Fiktion von Bruno Monsaingeon. Der sensible Pianist, der im zweiten Abonnementprogramm Klavierkonzerte von Haydn und Mozart mit uns musizieren wird, war da auf einer Tournee zu beobachten, für die er einen eigenen Zug gechartert und mit einem kompletten Übestudio ausgestattet hatte. Wandernde sind aber auch die Musiker unseres Orchesters – und das nicht nur bei zahlreichen Gastspielen und Konzertreisen, die in der kommenden Spielzeit unter anderem nach Russland und zum Festival ins kolumbianische Cartagena führen. Auch wenn nun, mit den aktuellen Beschlüssen des Stadtrats zur Sanierung des Gasteig, ein Silberstreif am Horizont sichtbar wird: Nach wie vor hat das MKO kein dauerhaftes Probelokal und erst recht keine gemeinsame Heimstatt für Musiker und Verwaltung. Für jedes Projekt aufs Neue muss es sich eine Unterbringung organisieren und immer wieder in anderen Sälen Unterschlupf suchen. Wir arbeiten mit Kräften daran, dass diese belastende und dem Niveau des Orchesters nicht ganz angemessene Situation in den kommenden Jahren zu lösen sein wird.

›Der Wanderer und sein Schatten‹ heißt Friedrich Nietzsches zweite Nachschrift zu seinem Buch ›Menschliches, Allzumenschliches‹, und den gleichen Titel könnten die Aufnahmen des wunderbaren amerikanischen Fotografen Lee Friedlander (*1934) tragen, die diese Saisonbroschüre begleiten. Für seine 1970 als Buch publizierten ›Self Portraits‹ hat der Pionier der Street Photography etwas getan, was Fotografen nach konventionellem Verständnis eigentlich vermeiden sollten: Er hat den Widerschein der eigenen – oftmals sichtbar eine Kamera in Händen haltenden – Person ins Bild der abgebildeten Szenerie mit aufgenommen. Der Mann und die von ihm durchschrittene Landschaft sind in Wahrheit eins. Der Wanderer möchte die Welt erkennen – und sieht doch zuallererst sich selbst.

 

Wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Gänge mit Ihnen, sehr verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer!

Ihr

Münchener Kammerorchester

Künstlerisches Gremium: Clemens Schuldt, Anselm Cybinski (Text), Florian Ganslmeier, Kelvin Hawthorne, Rüdiger Lotter

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