REFORMATION 

Heinrich von Kleists Legende Die Heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik erzählt von vier Brüdern, die zur Zeit des großen reformatorischen Bildersturms den Vorsatz fassen, die Kirche des Aachener Cäcilien-Klosters zu zerstören. Man feiert das Fronleichnamsfest. Mehr als dreihundert ›mit Beilen und Pechkränzen versehene Bösewichter‹ erwarten nur das Zeichen der Anführer, um ›den Dom der Erde gleich zu machen‹. Doch dann hebt die Musik an: eine sehr alte Messe eines unbekannten italienischen Meisters, gesungen und gespielt von den Nonnen des Klosters. ›Das Oratorium ward mit der höchsten und herrlichsten musikalischen Pracht ausgeführt; es regte sich, während der ganzen Darstellung, kein Odem in den Hallen und Bänken‹, heißt es bei Kleist.

 

Und so geschieht das Ungeheuerliche: Statt sich dem Rausch roher Gewalt hinzugeben, erstarren die eifernden jungen Männer in Rührung und frommer Devotion. Die Abtei bleibt unbeschädigt, die vier Bilderstürmer weihen sich fortan ganz allein der Verherrlichung des Heilands. Sie führen ein derart entsagungsvolles Klosterleben, dass man sie für geistesgestört hält und ins Irrenhaus der Stadt einweist. Nur die Vorsteher der Anstalt wissen, dass die vermeintlich ihrer Sinne beraubten Brüder in Wahrheit ihre tiefere Bestimmung gefunden haben, dass sie auf eine ›gewisse, obschon sehr ernste und feierliche‹ Art ganz und gar heiter sind: Die Musik hat sie erleuchtet.

Nicht ohne Grund hat man in dem Text des preußischen Protestanten Kleist eine katholisierende Tendenz ausgemacht – zumal am Ende deutlich wird, dass die Heilige Cäcilie selbst, die Schutzpatronin der Musik, das Aachener Wunder vollbracht haben muss. Dabei ist der Glaube an die magische, schlechthin transformative Kraft der Tonkunst ja ein fester und zentraler Bestandteil des Gedankenguts Martin Luthers. ›Nach der Theologie könnte keine Kunst der Musik gleichkommen, weil allein sie … das gewährt, was an anderer Stelle nur die Theologie schafft, nämlich Ruhe und Friede der Seele‹, schreibt der Reformator 1530 an Ludwig Senfl, den Hofmusiker der bayerischen Herzöge. Der Professor aus Wittenberg lobt die katholischen Münchener Herrscher für ihre Musikpflege und bewundert die hervorragende Hofkapelle, der Senfl vorsteht.

 

Doch noch mehr als die Kunstmusik bedeutet ihm das praktische Musizieren, vor allem das Singen in der Gemeinde. Bekanntlich beruht die ungeheure Breitenwirkung der Reformation in Deutschland nicht zum geringsten Teil auf Luthers Liedern: auf jenen Chorälen, Balladen und Psalmliedern, die sich, wie der Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner Geschichte der Kirchenmusik darlegt, nicht als weltentrückte Gesänge präsentierten, sondern als einprägsame, auch für die zahlreichen Analphabeten der Zeit verständliche Gassenhauer. Anders als für die Theologen des Mittelalters stand für Luther nicht länger die Theorie der Musik im Zentrum des Interesses. Was ihn faszinierte, war der sinnlich erlebte Klang und dessen Wirkung auf die menschliche Seele. ›Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzenhaftig zu machen, den Neid und Hass zu mindern‹ als die Tonkunst, sagt Luther.

Wir, die wir Musik machen und veranstalten und immer wieder aufs Neue von ihrer Wirkung verzaubert werden, können uns von solchen Worten in unserem Tun eigentlich nur bestärkt fühlen. Wer sich allerdings im Vorfeld des großen Reformationsjubiläums mit den Umwälzungen vor fünfhundert Jahren zu befassen beginnt, stellt rasch fest, wie widersprüchlich die Entwicklungen am Ausgang des Mittelalters sind, wie schwer überdies ein Konsens in der Beurteilung der reformatorischen Errungenschaften herzustellen ist, aller ökumenischer Bestrebungen ungeachtet. Sogar die musikalischen Auswirkungen der Bewegung sind verwirrend vielschichtig. Nicht allein deshalb, weil die asketischen Strömungen der Reformationsbewegung, Calvin allen voran, der Musik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden.

 

Die Musikbegeisterung des deutschen Reformators selbst hat ihren ambivalenten Beigeschmack. Spitzzüngig hat schon Heinrich Heine festgestellt, dass Luther eben ›nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit‹ gewesen sei, ›zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner Flöte und betrachtete die Sterne und zerfloss in Melodie und Andacht.‹ Innigkeit und Grobheit, Singen und Schimpfen, mutiges Freiheitsstreben und die aggressive Parteinahme für die weltliche Obrigkeit bei der Niederschlagung jener Bewegungen, die im Gefolge der Reformation tatsächlichen sozialen und politischen Wandel forderten – Stichwort Bauernkrieg –, all dies gehört bei Luther untrennbar zusammen.

Wenn das Münchener Kammerorchester und sein neuer Chefdirigent Clemens Schuldt nun den Begriff ›Reformation‹ als Motto der bevorstehenden Spielzeit 2016/17 wählen, dann sollten Sie, verehrtes Publikum, keine Auseinandersetzung mit der historischen Epoche an sich erwarten. Allein schon aufgrund des Übergewichts an geistlicher Vokalmusik im Repertoire der Zeit wäre dies reichlich unergiebig. Viel interessanter scheint uns der Blick auf das, was der reformatorische Gedanke langfristig ausgelöst hat. Was dem MKO vorschwebt, ist eine Annäherung an die Reformation ›als Kraftmoment‹, um den Titel des Bach-Aufsatzes von Pierre Boulez zu paraphrasieren, und zwar nicht nur hinsichtlich der Werkauswahl, sondern auch auf dem Wege einer sorgfältigen Überprüfung des eigenen Tuns als Orchester.

 

Nur einige Stichworte: Luthers Kritik an einer in äußerlichem Prunk befangenen religiösen Praxis, seine Betonung der Innerlichkeit der Glaubensausübung ist nicht nur nach wie vor aktuell, sie lässt sich auch ziemlich umstandslos auf die Rituale des gegenwärtigen Kulturbetriebs übertragen. Sie wirkt inspirierend für die Arbeit eines Orchesters, das sich bewusst dem Repräsentativen und Kulinarischen entzieht und sich stattdessen an Hörerinnen und Hörer wendet, die man, etwas paradox, als erkenntnishungrige Hedonisten bezeichnen könnte: Menschen, die Musik mit den Sinnen genießen wollen, aber  auf der Suche nach Neuem und Herausforderndem sind und ihre Wahrnehmungsgewohnheiten fortwährend  hinterfragen.

 

Nicht minder relevant für jeden Musiker: Luthers ›Sola scriptura‹, seine kompromisslose Rückbindung des Glaubens an die Schrift und damit an den primären Text selbst. Ohne den damit geforderten philologischen Ernst wäre die historische Aufführungspraxis, deren Musikverständnis das MKO entscheidend beeinflusst hat, gar nicht denkbar. Auf die Orchesterarbeit übertragen bedeutet ›sola scriptura‹ nicht weniger als die Ermahnung zum demütigen Umgang mit den Partituren und zur  unermüdlichen Kritik an aufführungspraktischen Konventionen – durchaus im Einklang mit Gustav Mahlers berühmtem Diktum, dass Tradition schnell zu Schlamperei verkomme.

Schließlich die Skepsis des Reformators gegenüber dem Selbstbehauptungswillen der Institutionen und ihren Hierarchien. Dass auf den Stühlen des Münchener Kammerorchesters ›leidenschaftlich interessierte Musikexperten‹ sitzen, die in den vergangenen Jahren ›zu einem hinreißenden Mix aus historischer und moderner Musizierpraxis gefunden‹ haben, war unlängst Reinhard J. Brembecks großem Artikel über das Orchester in der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen. Obwohl das MKO auch außerhalb Münchens viel und sehr erfolgreich unter Leitung seiner Konzertmeister konzertiert, hat es sich mit voller Überzeugung für die Wahl eines neuen Chefdirigenten entschieden.

Es ist dies in doppelter Hinsicht der Beginn einer neuen Ära in der Geschichte des Orchesters: Von Clemens Schuldts jugendlicher Energie, seinem hohen interpretatorischen Anspruch und seiner Expertise als ausgebildeter Streicher erwartet sich das MKO viel. Wie manch anderer Klangkörper seiner Art auch, möchte das Orchester seine Musiker in Zukunft jedoch aktiver an den programmatischen Entscheidungsprozessen beteiligen. Die künstlerische Leitung liegt fortan in den Händen eines Gremiums, dem neben dem Chefdirigenten und der Geschäftsführung zwei gewählte Vertreter aus den Reihen der Musiker angehören.

 

Neu ist auch, dass das Orchester erstmals eine saisonübergreifende Zusammenarbeit mit einem künstlerischen Partner eingeht: Beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Dirigenten und Geiger John Storgårds im Frühjahr 2013 hatte der Finne unsere Musiker derart beeindruckt, dass sie sich ein größeres gemeinsames Projekt mit einem klaren Repertoireprofil wünschten. Bis Sommer 2018  wird Storgårds in insgesamt sechs Konzerten des MKO als Dirigent und Solist zu erleben sein. Auf dem Programm stehen zehn der berühmten Londoner Sinfonien Joseph Haydns und konzertante Werke von György Ligeti, hinzu kommt zeitgenössische Streicherliteratur vorwiegend nordischer Komponisten. Jörg Widmann, bereits seit den 90er Jahren einer der wichtigen musikalischen Weggefährten des Orchesters, wird bei zwei Konzerten ›im Fokus‹ stehen: Im Abokonzert stellt er Mendelssohns Reformationssymphonie zwei gewichtigen eigenen Arbeiten gegenüber; in der 40. Ausgabe der Nachtmusik-Reihe in der Pinakothek der Moderne, die 2003 mit einem Widmann-Porträt ihren Anfang nahm, präsentiert er eine Auswahl von Werken, die alle seitdem entstanden sind und vom MKO bislang nicht aufgeführt wurden.      

Was die Repertoirezusammenstellung der Konzerte insgesamt anbelangt, so halten wir es für reizvoll, dem Phänomen Reformation eher assoziativ nachzuspüren – ganz ohne System oder didaktischen Anspruch. Dass die Musik Johann Sebastian Bachs, mit dessen vierter Orchestersuite Clemens Schuldt die Spielzeit eröffnen wird, ohne die Prägekraft der Reformation kaum denkbar ist, liegt auf der Hand. Aber auch Beethovens in jeder Hinsicht revolutionäre Eroica gehört in diesen Kontext: Luthers Grundüberzeugung, dass der Mensch ein geistiges Wesen sei und dass es der Geist sei, mit dem er das Wort Gottes in sich aufnehme, bildet, zumindest unterschwellig, eine der kulturellen Grundlagen für Beethovens völlig neuartiges Konzept der Sinfonie als Ideenkunstwerk. Mit der Eroica gibt die Instrumentalmusik die Selbstgenügsamkeit eines kunstvollen Arrangements ›tönend bewegter Formen‹ (Eduard Hanslick) auf und meldet den Anspruch an, anspruchsvolle geistige Gehalte zu transportieren.

 

Die stete Weiterentwicklung der sinfonischen Gattung und die Verfeinerung ihrer musiksprachlichen Möglichkeiten zeichnet John Storgårds bei Haydn nach. György Ligeti wiederum hat das Solokonzert reformiert: Das in der Hochzeit der Avantgarde bereits für hoffnungslos altmodisch erachtete Medium virtuoser Selbstentfaltung erscheint bei dem Ungar wie mit unerhörten, vielfach multikulturell aromatisierten Energieimpulsen belebt. Wir sind sehr froh, zwei herausragende Instrumentalisten, den Geiger Renaud Capuçon und den Pianisten Kit Armstrong, als Solisten in diesen Meisterwerken begrüßen zu können.

 

Was Sie sonst erwartet? Blättern Sie doch bitte hinein in die folgenden Seiten. Dass der skandinavische Raum – mit Edvard Grieg, aber auch mit den Zeitgenossen Kaija Saariaho, Hans Abrahamsen und Per Nørgård, wieder vermehrt in den Blickpunkt des Orchesters rückt, hat seinen Grund nicht allein im herausragend vielfältigen Oeuvre, das dort entsteht: gerade in der Pastorale des aktuellen Siemens-Preisträgers Nørgård, die für den Film ›Babettes Fest‹ entstand, ist der Bezug zum asketischen protestantischen Milieu, in dem schon Tania Blixens gleichnamige Erzählung angesiedelt ist, offensichtlich. Hinzu kommt ein US-amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts gewidmeter Abend, an dem der Klarinettist Andreas Ottensamer sein Debüt beim Orchester gibt. Alexander Liebreich wird das traditionsreiche, dieses Mal besonders prominent besetzte AIDS-Konzert dirigieren. Darüber hinaus setzt er, mit einem Beethoven-Pärt-Abend, die Zusammenarbeit mit dem großartigen RIAS-Kammerchor fort.

 

Wiederbegegnungen gibt es zum einen mit Jean-Guihen Queyras, der unter der Leitung unseres Konzertmeisters Daniel Giglberger das neue Cellokonzert von Thomas Larcher zur deutschen Erstaufführung bringen wird, zum anderen mit Ian Bostridge, der Benjamin Brittens subtiles Nocturne ausgewählt hat. Zwei bereits mehrfach ausgezeichnete junge Komponisten, die Italienerin Clara Iannotta und der Brite Christian Mason, schreiben Auftragswerke für die Streicher des MKO. Und auch sonst wird das Zeitgenössische, etwa mit Werken von Fabio Nieder und Stefano Gervasoni, einen steten roten Faden bilden. Wie könnte es anders sein in einer Saison, die sich die Erneuerung auf die Fahnen geschrieben hat? Übrigens möchten wir Sie bitten, auch unserer experimentierlustigen Reihe im Schwere Reiter Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. In dieser Spielstätte sind es vor allem der Münchner Region verbundene Komponisten, deren Werke das MKO – zum Teil in Uraufführungen – vorstellt. Freuen Sie sich mit uns auf die Spielzeit ›Reformation‹ 2016/17!

 

Ihr

Münchener Kammerorchester

Clemens Schuldt, Kelvin Hawthorne, Rüdiger Lotter, Anselm Cybinski, Florian Ganslmeier
Künstlerisches Gremium

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