Florian Olters im Gespräch mit dem Künstlerischen Gremium des Münchener Kammerorchesters

Clemens Schuldt, Florian Ganslmeier, Philipp Ernst, Kelvin Hawthorne, Rüdiger Lotter (bis 4/2019), David Schreiber (ab 4/2019)

FLORIAN OLTERS (FO): Wieviel Kälte muss gegenwärtig herrschen, dass ein Orchester das Saison-Motto ›Wärme‹ formuliert?

 

RÜDIGER LOTTER (RL): Natürlich berührt der soziale, auch politische Aspekt das Thema ›Wärme‹. Wir hatten ursprünglich über ein Saisonmotto diskutiert, das den Wettstreit in den Mittelpunkt stellt, ein ›Schneller, Höher, Wärmer‹. Dann haben sich die verschiedenen Aspekte des Themas ›Wärme‹ immer mehr als thematisches Zentrum herauskristallisiert. Ob das allein an der uns umgebenden sozialen Kälte liegt, ist die Frage. Uns war es wichtig, ein Thema zu formulieren, das in sich die Möglichkeit trägt, programmatisch eine Reibung herzustellen, die Wärme erzeugt. Sollte da ein politisches Statement gestaltet werden? Zumindest war es nicht der Ausgangspunkt.

 

KELVIN HAWTHORNE (KH): Aber natürlich drängen sich unterschiedliche Aspekte auf, die wir auch integrieren wollten. Ja, die Wärme hat in unserer Zeit auch eine sozial-politische Konnotation. Im Kern hat Musik aber eine Qualität, die sich der politischen Zuschreibung entzieht, die für sich selbst steht. Andererseits kann die Musik als verbindende Kraft eine soziale Wärme erzeugen, wie unsere Musikvermittlung stets beweist.

 

FO: Trotzdem gibt es Werke, die zu einer Zeit entstanden sind, als es generell Systemwechsel oder große gesellschaftliche Umbrüche gab. Ohne den gesellschaftlichen Kontext ist Beethovens Symphonik nicht ganz zu verstehen, oder?

 

KH: Ja, aber wenn diese Musik in einen eindringt, geht man nicht sofort auf die Barrikaden. Man kann die Politik nicht eins zu eins auf die Musik übertragen.

 

Clemens Schuldt (CS): Die Frage ist, wodurch die in unserer Gegenwart zu beobachtende Kälte entsteht. Ich glaube, dass es vor allem damit zusammenhängt, dass sich die Menschen voneinander zusehends isolieren – sich etwa in Gruppen definieren und voneinander entfernen. Allenthalben werden wieder Grenzen gezogen, bisweilen auch aus rassistischen Gründen. Im Internet ist man ohnehin in der eigenen Online-Blase, nimmt die Anderen und das Andere nicht mehr wahr. Unsere Aufgabe als Orchester ist es, Diskurse anzustoßen. Das wollen wir mit einer so vielseitigen Saison: uns auf verschiedenen Wegen mit einem Thema auseinandersetzen, in diesem Fall ›Wärme‹. Gleichzeitig wollen wir aufzeigen, dass schon ein Begriff wie ›Wohlfühl- Wärme‹ eine Gefahr in sich birgt. Wir möchten, kurz gesagt, der Dialektik dieses Themas folgen.

 

Clemens Schuldt, Chefdirigent und Künstlerisches Gremium ©Florian Ganslmeier

FO: Was heißt das konkret für die ›Wärme‹-Saison?

 

CS: Wir wollen uns schon in der romantischen ›Wohlfühl-Musik‹ fragen, (…) ob nicht bereits da die Brechung oder gar Gefahr immanent ist – vielleicht in Gestalt eines Sich-Einlullen-Lassens. Oder nehmen Sie den Fortschrittsgedanken, den wir propagieren und als gegeben nehmen: Mit dem Höher, Weiter, Schneller, Reicher und dadurch eben Wärmer rennen wir gegen eine Wand, zerstören unseren Planeten und womöglich auch unsere Gesellschaft. Das ist eine solche Gefahr.

 

FO: Apropos ›romantische Wohlfühl-Musik‹: Das berührt ja auch eine konkrete Klanglichkeit. Im 20. Jahrhundert wurde ein reiches, sattes Dauer-Vibrato zum Ideal der Interpretation. Von Originalklang-Pionieren wurde dieses Ideal zusehends infrage gestellt. Warum wird wahrnehmungspsychologisch ein vibratoreicher Klang mehrheitlich als warm empfunden und ein vibratoloser Klang eher als kalt?

 

RL: Ist das so? Bestimmt wird das Vibrato als energiereicher wahrgenommen, aber wärmer? Vielleicht in diesem speziellen Sinn wärmer. Die Gleichsetzung von Wärme mit reichem Vibrato leuchtet mir nicht ein. Das Vibrato ist ja auch verbunden mit dem Gesang. Es ist also mehr das Thema menschliche Wärme durch die Stimme mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Die Streicher gelten als Instrumente, die der menschlichen Stimme am nächsten kommen. Es geht uns im MKO um die Behandlung der Streicher wie einen großen Chor.

 

CS: Ich bin zwar kein Physiker, aber: Kann es sein, dass sich im Vibrato die Schwingungen überlagern und dadurch im Orchester Mischklänge entstehen – also ein ›Miteinander-Verschmelzen‹ – und das dann als wärmend empfunden wird? Das ist ja durchaus ein erotischer Aspekt.

 

FO: Jedenfalls wissen wir, dass die erotische Verklärte Nacht von Arnold Schönberg, die in dieser Saison gegeben wird, bei der Uraufführung vibratoreich gestaltet wurde.

 

CS: Genau, eine Erotik des Klangs durch sich überlappende Schwingungen. Wenn wir beim MKO vibratolos spielen, mit angeblich kaltem Klang also, dann ist (…) die große Herausforderung, ohne Vibrato einen warmen Klang zu erzeugen. Das ist eine Frage der Bogenführung, der Behandlung der Saiten, im ›Chor der Streicher‹. Es ist ein Trugschluss, dem viele Orchester und Dirigenten lange aufgesessen sind – auch übrigens in der Neuen Musik. Sobald ›senza vibrato‹ notiert ist, bedeute es kalt. Unsere Aufgabe ist es eben, als zeitgemäßer Klangkörper, dass im Barock oder in der Moderne das Vibratolose eben nicht als kalt, sondern in vielen verschiedenen Temperaturen wahrgenommen wird.

FO: Andererseits gab es in der Barock-Zeit eine Fülle diverser Vibrato-Techniken. Ob Bogenvibrato oder Zwei- und Dreifinger-Vibrato: Die Wärme wurde gewissermaßen unterschiedlich ausgestaltet. Wie spielt das MKO in dieser Saison die Barock-Meister?

 
DAVID SCHREIBER (DS): Das MKO ist kein Originalklang-Ensemble. Wir spielen zum Beispiel nicht auf Darmsaiten. Wir spielen aber Alte Musik zeitgemäß – für ein heutiges Publikum, aber natürlich weitestgehend historisch informiert.

 
PHILIPP ERNST (PE): Es ist ein differenziertes Vibrato, das sich dem jeweiligen Stil und der Epoche flexibel anpasst. Beim Vibrato kommt ja erschwerend hinzu, dass gemeinhin eine Schwingung von um die 12 Sinusschwingungen pro Sekunde als schön empfunden wird. Darüber hinaus geht es in Richtung Tremolo, und darunter eiert es. Die Wahl zwischen Über- und Untertreibung kann es aufführungspraktisch ebenso geben. Eine gute Aufführung macht aus, dass man in der Lage ist, flexibel zu wählen.

David Schreiber, Künstlerisches Gremium ©Florian Ganslmeier

FO: Wir haben vorhin bereits den Fortschrittsglauben angesprochen. Auch in der westlichen Neuen Musik wurde dieser lange propagiert, besonders von Theodor W. Adorno. In der ›Philosophie der Neuen Musik‹ plädierte er für eine abstrakte, gewissermaßen kalte Neue Musik, wohingegen er eine Orientierung an der Tradition als ›warme Wohlfühl-Verständlichkeit‹ ablehnte. Inwieweit greift die Gegenüberstellung des Avantgardisten Helmut Lachenmann und des traditionelleren Johannes Maria Staud diesen Konflikt auf?

Kelvin Hawthorne, Künstlerisches Gremium ©Florian Ganslmeier

KH: Natürlich ist es ein Klischee, dass Lachenmanns Musik nicht ›warm‹ sei – weil ›sperrig‹. Er steht im Kanon einer Nachkriegs-Avantgarde, ja, aber seine Musik ist sehr klangsinnlich. 

 

FLORIAN GANSLMEIER (FG): Deswegen verbinden wir in einem Abonnementkonzert Lachenmann mit Hanns Eisler, weil diese spannungsreiche Reibung zugleich Parallelen aufzeigt – mehr oder weniger unmerklich. Eislers Schaffen zählt zu jenem Werkekanon, der sich quasi apokryph zum allgemeinen musikpolitischen Dogma entwickelt hat. Diese apokryphe Schiene im 20. Jahrhundert interessiert uns ja grundsätzlich über die Spielzeiten hinweg – von Kurt Weill und Eisler bis hin zu HK Gruber. Diese Musik fristet auf Festivals für Neue Musik ein Schattendasein. Eisler ist geradezu aufregend: Nicht umsonst hat Heiner Goebbels dessen Schaffen zum Ausgangspunkt eines seiner besten Werke, ›Eislermaterial‹, genommen, weil Eisler eine zutiefst pathetisch-warme Musik geschrieben hat. Die Ernsten Gesänge suchen eine ganz direkte Rührung.

 

CS: Gleichzeitig gibt es selbst im Kontext der Nachkriegs-Avantgarde Brüche. Luigi Dallapiccola schreibt 1954 seine Piccola musica notturna, die Musik ist geradezu anrührend, dunkel-schimmernd mit einigen grellen Ausbrüchen – wie Schreie in der Nacht.

FO: Was haben Nachtstücke in einer ›Wärme‹-Saison zu suchen?

 

FG: Die Nacht ist grundsätzlich physikalisch die Zeit, in der wir uns unserer Wärme und unseres Bedürfnisses nach Wärme am meisten bewusst werden – zumal der Temperatur-Unterschied zwischen uns und der Außenwelt am größten ist. Gerade deswegen erschien uns dieser Aspekt sehr konsequent.

 
CS: Es ist eben die scheinbare Kühle der Nacht, in der man sich zugleich einen Raum der Wärme schafft. Alle drei Nachtstücke – Schönberg, Dallapiccola und Juste˙ Janulyte˙ – beschreiben die Nacht höchst unterschiedlich. Bei Schönberg ist es ja schon im Gedicht präsent. Die Erotik und Tragik sind hier mitkomponiert, gerade auch die zwischenmenschliche Wärme. ›Du treibst mit mir auf kaltem Meer, doch eine eigne Wärme flimmert von Dir in mich, von mir in Dich.‹

 

FO: Dazu passt ja ganz gut, dass im Rahmen der Nachtmusik-Reihe in der Pinakothek der Moderne erstmals ein Doppelporträt zu erleben ist – die Eheleute Klaus Huber und Younghi Pagh-Paan. Vor langer Zeit wurde mir Pagh- Paan tatsächlich als ›Muse Hubers‹ vorgestellt.

 
FG: In der allgemeinen Wahrnehmung wurde sie oft im Schatten von Huber wahrgenommen, obwohl Pagh-Paan eine sehr eigenständige, ausdrucksstarke, expressive Musik geschrieben hat. Wir wollten diese Sicht aufbrechen.

 
CS: Deswegen hat sie sich auch sehr über die Idee eines Doppelporträts gefreut, weil sie so als gleichberechtigt wahrgenommen wird – und nicht als die Frau an der Seite Hubers. Diese Wahrnehmung ist ja geschichtlich kein Einzelfall, ähnlich war es auch bei Alma Mahler oder Clara Schumann, die wir im ersten Abonnementkonzert spielen.

 

FO: Oder wie in der Malerei bei Gabriele Münter und Wassily Kandinsky.  

 
CS: Sie alle haben ähnliche Schicksale. Bei beiden, Huber und Pagh-Paan, hört man in den Werken die kulturellen Wurzeln ihrer Vergangenheit, aber jeweils ganz anders und eigen. Er schreibt Stücke über Mozart, sie über ihre koreanische Heimat. Beide aber pflegen sehr persönliche, in diesem Sinn ›warme‹ Tonsprachen. Das sind genauso spannende Pole, die man gegenüberstellen kann, wie Miroslav Srnka und Juste˙ Janulyte˙ aus der jüngeren Generation. Mit seiner Oper South Pole, uraufgeführt an der Bayerischen Staatsoper, hatte sich Srnka in die kälteste Region vorgewagt. Sein Stück, das bei uns als Deutsche Erstaufführung erklingt, ist das Gegenteil. Der Titel lautet Overheating…

 

FO: … also Überhitzung…

 
CS: Richtig. Als das Stück in Los Angeles uraufgeführt wurde, wüteten zeitgleich Waldbrände in Kalifornien. Er schickte uns ein Strandfoto mit brennendem Horizont, was symbolhafter gar nicht ging. In seinem Stück beschäftigt er sich auch mit der Frage, wie sich die Gesellschaft immer weiter aufheizt, wir die Umwelt zerstören und sich die Umwelt dadurch selber zerstören muss. Auf der anderen Seite haben wir Janulyte˙, die für mich – rein ästhetisch – ein Stück schreibt, das wie eine emotionale Klangheizung wirkt. Das gelingt ihr nicht mit harmonischen, Vibrato-unterfütterten Wohlfühlklängen, sondern durch eine aus abstrakten Elementen bestehende, rein pointilistisch geführte Musik. Diese beiden Pole in der zeitgenössischen Musik wollten wir in der ›Wärme‹-Saison aufzeigen – das Intellektuelle und das Emotionale.

FO: Apropos ›Erwärmung‹: Schon Joseph Haydn hat sein Oratorium Die Schöpfung auch vor dem Hintergrund seiner Reisen nach London geschrieben, wo er die ersten Auswüchse der frühen Industrialisierung gesehen hat. 

 
CS: Eines fällt mir generell auf, wenn von ›Klimawandel‹ oder ›Klimaerwärmung‹ die Rede ist. Die Begriffe sind Poetisierungen der Katastrophe, die von der US-Regierung von George W. Bush jun. stammen und die wir übernommen haben. Die Umweltzerstörung nennen wir biedermeierlich-einlullend eine Erwärmung. Schon das allein ist Wahnsinn. Wir haben festgestellt, dass sich in der zeitgenössischen Musik bislang nur wenige Komponisten explizit mit dem Thema Klima auseinandergesetzt haben. Bislang wurden vor allem Gegenbewegungen entworfen, so wie bei Haydn ein ›Zurück zur Natur‹. Der Begriff der Sehnsucht spielt hier eine große Rolle. Sonst aber haben wir uns beim Erstellen des Programms auch ganz einfach die Frage gestellt, welche Musik und welches Werk uns ganz persönlich erwärmt.

 

FO: Was erwärmt Sie denn ganz persönlich im Saison-Programm?

 
CS: Der zweite Satz aus Mozarts g-Moll Symphonie KV 550, weil ich mich an meine Kindheit erinnere, als ich vor dem Plattenspieler saß und alles von Mozart hörte. Diesen Satz habe ich damals immer wieder angehört. Wenn ich diesen Satz dirigiere, kehren diese Erinnerungen zurück. Und wenn wir schon über die Erotik in der Verklärten Nacht reden: Mozart verwendet in seinen Werken diese Tonart fast immer in solchen Momenten, in denen es um Liebe und Tragik geht. Der lustige Papageno aus der Zauberflöte inszeniert in g-Moll seinen Selbstmord. Es ist eindeutig ein erotischer Tod, weil er sich von einem ›schönen Mädchen‹ schon erretten ließe. Deswegen ist diese Symphonie für mich rein poetisch etwas ganz Besonderes – ähnlich wie die Unvollendete von Franz Schubert.

 

FO: Für den Musikpublizisten Paul Bekker ist diese Symphonie unvollendet geblieben, weil Schubert hier noch nicht eine Finallösung gefunden hatte – seit Beethovens Neunter das zentrale Problem. Das Werk stehe somit für die Suche nach einem neuen Formmodell für einen neuen Ausdruck – ein Systemwechsel.

 
CS: Wenn es um die Wärme in der Romantik geht, bin ich persönlich beeinflusst von dem Komparatisten und Philosophen Rüdiger Safranski. Er hat alle Künste und über 200 Jahre deutsche Geschichte nach romantischen Elementen untersucht. Das Ergebnis ist, dass es vor allem die Sehnsucht ist, die ein treibendes Element bildet – Romantik als Gegenbewegung zum Rationalen. In der Philosophie, der Kunst, in der Musik: Immer gibt es Gegenpole. Im Schaffen Schuberts ist zweifellos auch der Schatten Beethovens präsent, der in Wien wenige Straßen weiter wohnte. Die Unvollendete ist für mich ein ungemein persönliches Zeugnis eines großen Komponisten, der einen gigantischen Versuch startet. Diese Symphonie beginnt in den Bässen in h-Moll – der dunkelsten und kältesten aller Tonarten, der Todestonart. Wie soll diese Symphonie danach überhaupt zum Leben erweckt werden können? Schubert traut sich hier, in den tiefsten Gründen der Seele zu bohren. Wärmer im Sinne von persönlicher kann man ein Werk nicht beginnen.

 

FO: Zugleich stehen Komponisten wie Schubert oder Schumann mit ihrer Musik für einen Rückzug ins Private. Dieser Rückzug lässt sich ja auch als eine Reaktion auf die Gesellschaft deuten, oder? Inwieweit suggeriert der Biedermeier eine Gemütlichkeit und Heimeligkeit, die nur eine Illusion sein kann? Und wieviel so verstandene biedermeierliche Wärme steckt im Heute?

 
FG: Natürlich verändern sich stets die Formen, aber der Rückzug in eine Pseudo-Geborgenheit lässt sich heute genauso beobachten. Es gibt sogar den Begriff der ›Hygge‹, eine bestimmte Ausprägung der Inneneinrichtung, bei der Räume mit viel Dekoration und stilistischem Aufwand gestaltet werden, damit man sich ja nicht leer und unbehaglich fühlt. Solche ›warmen‹ Pseudowelten werden gerade in unserer Zeit wieder überall aufgebaut. Für die Gestaltung unserer Saisonbroschüren laden wir immer wieder gerne Künstler ein, diesmal den österreichischen Fotografen Lois Hechenblaikner. Er hat nicht nur Gletscher fotografiert, die im Sommer mit weißen Leichentüchern abgedeckt werden, damit sie nicht weiter abschmelzen, sondern auch Berghütten. Er nennt sie Intensivstationen der Wohlfühl-Gesellschaft. Sie vereinen alles: die Erotik, die Heimeligkeit, das warme Holz. Ein Stockwerk tiefer ist die Technik, die diese Scheinwelt am Leben hält: kalte Kabel, Transmitter, Geräte, Intensivstationen eben. Für die Saisonbroschüre hat er uns eine Bilder-Serie zur Verfügung gestellt, die dieses soziale und klimatische Katastrophen-Szenario eindrucksvoll veranschaulicht. Das musikalische Programm, das wir machen, soll immer auch Assoziationsräume eröffnen, in viele Richtungen.

 

FO: Welches Werk unterhöhlt den ›Wärme‹-Begriff am – scheinbar – deutlichsten?

 

PE: Für mich Continuum von György Ligeti, weil dieses Stück so wahnsinnig schnell ist, das es vordergründig die totale Überhitzung darstellt. Gleichzeitig aber wirkt es in der Geschwindigkeit fast statisch und irritierend durch den eher kalten Klang des Cembalos. Ein solches Solostück passt ja eigentlich auch gar nicht in eine Orchestersaison.

 

CS: Für mich das Klarinettenkonzert von Weber. Die Klarinette ist per se das romantischste Instrument und Weber für mich der biedermeierlichste Komponist in dieser Zeit, auch wenn es bei ihm genauso Abgründe gibt – vielleicht nur wohlgepolstert. In der Koppelung mit dem Stück von Srnka drängt sich die Gefahr geradezu auf: das Einlullen, ein ›Sich-zu-wohl-, zu Hygge, fühlen‹.

 

RL: Für mich das Siegfried-Idyll, das Wagner für Cosima geschrieben hat.

 

FO: In der Symphonie Nr. 2 von Gustav Mahler wird aus Siegfried-Idyll das Auferstehungsmotiv.

 

RL: Wagner wollte damit seine eigene Welt aufbauen, nachdem er ursprünglich Teil der deutschen Revolution war. Er war ein aktiver Freiheitskämpfer. Diese überhöhte Privatheit ist eine komplette Gegenwelt…

 

KH: … eine Scheinwelt und Scheinwärme. Dieses Idyll gaukelt einem etwas vor, was es eigentlich gar nicht gibt…

 

DS: …und in Verbindung mit Ligetis Continuum wird die Reibung umso krasser.

 

FG: Ich finde es interessant, dass wir noch nicht über die Fünfte von Beethoven gesprochen haben.

 

Kelvin Hawthorne und Rüdiger Lotter, Künstlerisches Gremium ©Florian Ganslmeier

FO: Weil man da dramaturgisch vielleicht ein Fragezeichen setzen kann?

 

FG: Es gibt in der Musikgeschichte wohl nichts ›Heißeres‹, Aufgeladeneres als den Beginn der Fünften. Das ist quasi der Stadion-Gesang der Klassik. Manchmal geht es tatsächlich nur um die richtigen vier Töne in der richtigen Reihenfolge, um bei Menschen etwas explodieren zu lassen. Beethoven ist es gelungen, wie totgelutscht es auch sein mag. Das gelingt ihm auch heute noch bei jedem Menschen, der das hört. Mit dieser Art von Erwärmung assoziiere ich das Werk.

 

CS: Hier bilden vier Töne einen musikalischen Erdkern, der sich geradezu entlädt – ein Gang in die Vertikale, ein Nukleus. In dieser Symphonie kommt man aus einer Enge in die Weite des letzten Satzes, also vom Erdkern in ausserweltliche Sphären. Insofern schließt sich hier auch der Kreis zu unserem Eröffnungsstück der Saison, dem Chaos von Rebel – die vertonte Weltentstehung durch Überlagerung aller 12 Töne! Im Grunde ist die Fünfte die antibiedermeierliche Symphonie schlechthin: Im Finalsatz werden im Dur-Durchbruch Lieder und Märsche aus der französischen Revolution aufgegriffen – rhythmisch nur leicht verändert. Wärme wird hier zur Freisetzung von Kräften. Insofern ist die Fünfte Dreh- und Angelpunkt der ›Wärme‹-Saison – emotional und intellektuell.

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